Tödliche Messerattacke im Steintor – wie ein Streit eskalierte

Mit einem Flirt oder einer Belästigung? Wie begann der Streit im Bremer Viertel? Am Ende war ein Mensch tot, ein weiterer schwer verletzt. Reue zeigte der Angeklagte nicht.

Vor einem Kiosk am Ziegenmarkt im Bremer Viertel wurde ein Mann erstochen.
Vor einem Kiosk am Ziegenmarkt im Bremer Viertel wurde am 2. November 2017 ein Mann erstochen. Ein Tschetschene wurde jetzt zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Bild: Radio Bremen

Ein junger Mann sitzt an diesem sonnigen Februartag im holzvertäfelten Saal 218 des Bremer Landgerichts. Er trägt Vollbart, eine schwarze Kappe, sportliche Kleidung – wie immer. Er hebt die Hände, die kurz vorher noch in Handschellen steckten. Die Handflächen zeigen nach oben, auch den Blick richtet er dorthin, als wolle er Hilfe erbitten. 24 Jahre alt ist er, stammt aus Tschetschenien, ist seit 2015 in Deutschland. Zu dem, was ihm vorgeworfen wird, einen Menschen mit einem Messer getötet und einen weiteren schwer verletzt zu haben, schweigt er vor Gericht seit Monaten.

Ein Anflirten endet in einer Messerstecherei

Was war passiert? Das Gericht geht nach vielen, teils wirren Zeugenaussagen und 15 Verhandlungstagen von diesem Ablauf der Tat aus: Der 24-Jährige war am frühen Abend des 2. November 2017 mit seiner damals 17-jährigen Freundin, einer Bremer Schülerin tschetschenischer Abstammung, und einem 22-jährigen Kumpel, ebenfalls Tschetschene, im Bremer Viertel unterwegs. Das Paar ging in den Rewe-Markt zum Einkaufen. Sie hatten sich auf einer Hochzeit kennengelernt und erst wenige Male getroffen. Im Supermarkt wurde die Frau von einem 22-jährigen Pakistani angesprochen. Über das, was gesagt wurde, kursieren unterschiedliche Versionen. Die junge Frau sagte bei der Polizei aus, er habe sie obszön angesprochen. Der junge Mann selbst beteuerte vor Gericht, er habe sie eine "schöne Frau" genannt. Letzteres nimmt das Gericht an.

Jedenfalls berichtete die 17-Jährige ihrem Begleiter von der Begegnung. Der entschloss sich, das zu klären. Er sprach den Pakistani auf der Straße an. Kurz darauf schlug er ihm schon ins Gesicht, zückte dann ein Messer und stach drei Mal auf den 22-Jährigen ein: In die Nähe des Herzens, in den Rücken und in den Oberarm.

Messerstich trifft 20-Jährigen ins Herz

Immer mehr Menschen, Kollegen des jungen Pakistanis, sein Chef, kamen laut Gericht herbeigelaufen. Alle arbeiten in einem Burgerladen gegenüber des Supermarkts. Auch ein anderer pakistanischer Kollege, der gerade in einem Imbiss Pizza bestellt hatte, hörte offenbar, dass draußen ein Streit tobte, lief auf die Straße, fasste den jungen Tschetschenen an der Schulter. Dieser drehte sich um und versetzte dem völlig unbeteiligten Mann einen Stich, der mitten ins Herz traf.

Blumen und Kerzen am Tatort der Messerattacke im Bremer Steintorviertel
Kerzen und Blumen erinnern an den 20-Jährigen, der bei der Messerstecherei ums Leben kam. Bild: Radio Bremen

Der junge Pakistani, erst 20 Jahre alt, starb kurze Zeit später. Er hatte keine Chance, selbst bei schnellerer Hilfe hätte er nicht überlebt. "Auch wenn diese Verletzung im Krankenhaus passiert oder festgestellt worden wäre, wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tod gekommen", sagt ein Rechtsmediziner vor Gericht.

Nebenkläger windet sich in Befragungen

Welcher Satz war es, der eine Kette der Gewalt auslöste? Darum drehen sich gleich mehrere Zeugenvernehmungen. Scham spielt dabei keine geringe Rolle. Der 22-jährige Pakistani, der die Unbekannte im Supermarkt ansprach, windet sich in den Befragungen, widerspricht sich. Wenn er gewusst hätte, dass jemand stirbt, hätte er die Frau niemals angesprochen, sagt er. Der Tote war sein Freund. Die Ermittlungsrichterin soll er in Wut vulgär angesprochen haben. Der Verteidiger des 24-jährigen Tschetschenen fragt:

"Sprechen Sie häufiger Frauen an?"

"Das ist meine Privatsache. Normalerweise spreche ich andere Frauen nicht an. Das war das erste Mal."

"Es war also das erste Mal?"

"Nein. Diese Frage ist für mich ganz schwierig zu beantworten."

Auch andere liefern kein klares Bild: Mal sagt ein Zeuge aus, der junge Pakistani sei sehr schüchtern. Dann wieder heißt es, wenn er eine schöne Frau sehe, dann sage er das auch. Ein Dolmetscher ist offenbar von dem verwendeten Kraftausdruck derart pikiert, dass er ihn nicht übersetzt. Der Chef des 22-Jährigen, der ebenfalls als Zeuge aussagt, macht klar, dass er das Verhalten unmöglich findet, ihn sogar verantwortlich macht für das, was danach passiert ist, ihm kündigen will. Für den 22-Jährigen steht viel auf dem Spiel.

"Wenn man jemandem hilft, will die Polizei Ausweise sehen"

Viele der Zeugen können kein oder nicht gut genug Deutsch. Eine bald ebenso große Vielfalt an Sprachen gibt es in den Gerichtsverhandlungen zu hören: Tschetschenisch, Urdu, Arabisch, Punjabi, Englisch wird vor Gericht gesprochen beziehungsweise übersetzt. Und manche Zeugen scheinen Dinge zurückzuhalten. Der Betreiber eines Imbisses in der Nähe des Ziegenmarktes verplappert sich. Er erzählt, dass er mit Mitarbeitern anderer Kioske über die Tat gesprochen hat. Dann will er jedoch keine Namen nennen. Ein anderer Zeuge antwortet auf die Frage, warum er nicht geholfen habe, so: "Wenn man jemandem hilft, kommt die Polizei und will Ausweise sehen. Dann kriege ich Probleme. Oder ich könnte getroffen werden und sterben. Bei uns ist das so, dass, wenn zwei sich streiten, jeder seines Weges geht."

Eine andere Zeugin, die am frühen Abend des 2. Nobember 2017 an der Bäckertheke im Rewe-Markt einkaufte, bemerkte einen sehr nervös wirkenden Mann – den Angeklagten. "Ich hatte das Gefühl, dass die Situation beim Bäcker komisch war. Aber wenn man dort wohnt und dort einkauft, erlebt man viele komische Dinge", sagt sie.

Familie leidet unter Tod des Sohnes

Zur Urteilsverkündung ist der Vater des toten 20-Jährigen aus Pakistan gekommen. Er ist auch Nebenkläger in dem Verfahren. Gefasst wirkt er. Später, als er von Journalisten befragt wird, stehen ihm Tränen in den Augen. "Er ist froh und auch beeindruckt, dass so hart verfolgt wurde", sagt sein Nebenklagevertreter Jens Schaper. Die Familie leidet sehr unter dem Tod des Sohnes, so schildert es Schaper. Die Mutter könne ohne Tabletten nicht mehr schlafen, führe vermeintliche Gespräche mit ihrem verstorbenen Sohn.

Nach der Messerstecherei im Steintor floh der 24-jährige Tschetschene nach Polen. Mit seiner Freundin hielt er weiter Kontakt. Im Frühjahr 2018 heiratete sie ihn in Polen. Kurz später wurde er verhaftet und nach Bremen gebracht, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Das Leben in Haft ist schwer anzunehmen für ihn. Er riss seine Matratze auf und bunkerte sich in dem Schaumstoff ein wie in einer Höhle, beschreibt ein JVA-Beamter vor Gericht. Er ging in die Küche und stellte alle Herdplatten auf fünf, die höchste Stufe. Er wurde als beobachtungswürdiger Gefangener eingestuft. Unruhig, unterschwellig aggressiv, so beschreibt der Beamte die erste Zeit. Das habe sich später aber gelegt.

Sozialarbeiterin: Angeklagter polterte nachts im Gefängnis

Zwei Männer, ein Dolmetscher und zwei Strafverteidiger im Gerichtsssaal im Landgericht Bremen.
Die beiden Angeklagten (vorne links und rechts) mit ihren Verteidigern. Der zweite Angeklagte wurde freigesprochen. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Eine Sozialarbeiterin berichtet, er habe nachts gepoltert und gerufen. "Er leidet unter der Beschränkung, dass er keine Kontakte haben darf", sagt sie. "Es ist so schwer, dich nicht sehen zu dürfen", schreibt der junge Mann an seine Frau. Und: "Du Arme, Du hast gedacht, einen tollen Mann zum Heiraten gefunden zu haben." Der Angeklagte kriecht tief unter die Brüstung der Anklagebank, verbirgt sein Gesicht, als der vorsitzende Richter die Briefe vorliest. Er will nicht, dass das vorgelesen wird, sagt er seinem Dolmetscher.

Der 24-Jährige spricht im Laufe des Verfahrens immer wieder mit der Psychiaterin Vera Koch, die ein Gutachten über seine Persönlichkeit erstellt. Ihr erzählt er doch von dem Tattag. Seine Version der Geschehnisse: Seine Freundin habe ihm an jenem Abend im Rewe gesagt, dass sie ein Mann angesprochen habe. Dieser habe gesagt, er wolle mit ihr Geschlechtsverkehr haben. Sie habe nun Angst vor einer Vergewaltigung. Als er den Mann konfrontiert habe, habe man ihn beleidigt, er habe acht bis zehn Leuten gegenüber gestanden, er habe gedacht: Nun werde er gelyncht. Sie hätten sich auf ihn und seinen Kumpel gestürzt und losgeschlagen. Er habe viele Faustschläge und Tritte einstecken müssen. Den Mann, der seine Freundin angesprochen hatte, nennt er ein Schwein. Für den Tod des 20-Jährigen fühle er sich nicht schuldig, berichtet Koch aus den Gesprächen.

Gutachterin: "Angeklagter erlebt sich als Opfer"

Das Gericht macht am Ende, in der Urteilsbegründung, deutlich, dass es dieser Schilderung nicht folgt. Kein einziger Zeuge hätte das berichtet. "Das gehört ins Reich der Selbst- und der Fremdtäuschung – oder von beidem", schließt der Vorsitzende. Von Reue gebe es keine Spur.

Die Gutachterin Koch attestiert dem 24-Jährigen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung. Er sei emotional instabil, trage ein plakatives Selbstbild vor sich her. Tiefer als hinter die Aussage, "Ich bin Tschetschene und Muslim", habe er oft nicht blicken lassen. Er ist das jüngste von zwölf Kindern. Sein Vater ist Taxifahrer, seine Mutter Hausfrau. "Der Jüngste hat in Tschetschenien eine besondere Bedeutung. Er ist dazu auserkoren, die Traditionen aufrecht zu erhalten und für die Eltern zu sorgen", weiß Koch. Bei Fragen zu den Frauen in der Familie sei er außer sich geraten. "Er erlebt sich vollständig als Opfer", sagt die Gutachterin, "er hat ein kindlich anmutendes Selbstbild". Außerdem stellt sie eine Intelligenzminderung fest.

Verteidiger plädiert auf fünf Jahre Haft

Sein Verteidiger Philip Martel plädiert auf fünf Jahre Haft wegen einer Körperverletzung und einer Körperverletzung mit Todesfolge. Der tödliche Stich, der den 20-jährigen Pakistani ins Herz traf, sei nicht gezielt gewesen. "Es war ein Packen und Losreißen und in diesem Losreißen kam es zur Verletzung." Martel verweist auf die vielen unterschiedlichen Zeugenaussagen in dem Verfahren, die sich zum Teil nicht decken. Während des Plädoyers richtet der Angeklagte seinen Blick zu Boden, wie so oft, er krümmt den Rücken, knabbert akribisch an seinem rechten Daumennagel.

"Wir sind überzeugt, dass Sie den Tod jeweils billigend in Kauf nahmen", schließt hingegen das Gericht. Die Richter beziehen in ihre Wertung auch zwei Vorfälle aus dem Jahr 2016 ein. Damals wollte die Ausländerbehörde in Oranienburg den jungen Tschetschenen abschieben. Eine Mitarbeiterin habe er auf Russisch beschimpft und gerufen: "Ich bringe euch alle um". Einige Wochen später soll er bei einem neuen Termin in der Behörde gesagt haben: "Hätte ich – wie sonst – mein Messer dabei, würde ich euch alle abstechen." Das Gericht urteilt: Zwölf Jahre Haft wegen Totschlags und versuchten Totschlags. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Dagegen will Verteidiger Martel Revision einlegen. Ein zweiter Angeklagter, gegen den der Vorwurf im Raum stand, er habe vor der Messerstecherei geprügelt, wird freigesprochen. Das Gericht kann ihm die Tat nicht nachweisen. Mustafa Ertunc, der Anwalt des 22-Jährigen, der die Unbekannte angesprochen hatte, kündigt daher ebenfalls Revision an.

Am Ende der Verhandlung rufen einige Zuschauer dem Verurteilten etwas auf Tschetschenisch zu, strecken die Arme nach vorne aus, die Fäuste geballt. Der 24-Jährige erwidert das noch. Dann führen Justizbeamte ihn ab.

Autorin

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Februar 2019, 19:30 Uhr

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