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Lagerkoller auf Luxusdampfer: Crew-Mitglieder mit den Nerven am Ende

Viele Besatzungsmitglieder sitzen aktuell wegen der Corona-Krise an Bord von zwei Kreuzfahrtschiffen in Bremerhaven und Cuxhaven fest. Die Situation ist extrem belastend.

Ein Kreuzfahrtschiff liegt in einem Hafen.
Die "Mein Schiff 3" liegt in Cuxhaven vor Anker. Bild: DPA | Sina Schuldt

Viele Crewmitglieder dürfen seit Wochen keinen Fuß an Land setzen. So ergeht es auch dem Personal auf der "Mein Schiff 3" und der "Mein Schiff 4". buten un binnen hat mit der Besatzung und den Verantwortlichen gesprochen.

Wie ist die Situation an Bord?
Die Situation ist extrem angespannt. Auf der "Mein Schiff 3", die in Cuxhaven liegt, gab es sogar schon einen Polizeieinsatz, weil Crewmitglieder randalierten. Im Internet machen viele ihrem Unmut Luft. Sie wollen einfach nur nach Hause. "Der größte Wunsch, den ich habe, ist, aus diesem Albtraum rauszukommen“, sagt ein Besatzungsmitglied der "Mein Schiff 3“. Ähnlich ist die Situation auch in Bremerhaven. Hier liegt gerade vorübergehend die "Mein Schiff 4“, um die Proviant- und Treibstoffvorräte aufzufüllen und Müll abzuladen. Aber auch hier darf die Besatzung das Schiff – mit Ausnahme einiger weniger Crewmitglieder – nicht verlassen. Seit fast zwei Monaten sitzt die rund 500-köpfige Besatzung fest. Da vermisse man die simpelsten Dinge, sagt Kapitän Jan Fortun.

Grundsätzlich vermisst man natürlich den Landgang und auch mal Bäume zu sehen – so simpel das auch klingt. Für viele hier an Bord ist so eine lange Seezeit sehr ungewohnt.

Jan Fortun, Kapitän der "Mein Schiff 4"
Was machen die Crewmitglieder den ganzen Tag?
Die Fitnessstudios, Restaurants und Bars an Bord sind geöffnet. Damit versucht man, der Crew etwas Ablenkung und auch Arbeit zu geben. Ein Lagerkoller ist aber trotzdem oft nicht zu vermeiden. Außerdem durften sich nicht immer alle frei auf den Schiffen bewegen. Auf der "Mein Schiff 3" gab es Corona-Fälle. Die Crewmitglieder wurden zunächst in ihren Kabinen isoliert. Mittlerweile sind aber alle positiv getesteten Besatzungsmitglieder in Kliniken in der Region untergebracht.
Warum können die Crews nicht einfach nach Hause?
Das liegt vor allem an den strengen Ein- und Ausreisebeschränkungen, die es gerade auf der Welt gibt. An Bord der "Mein Schiff 4“ sind Menschen aus mehr als 40, auf der "Mein Schiff 3" aus mehr als 70 Nationen. Die Reederei TUI Cruises setzt nach eigenen Angaben alles daran, den Crewmitgliedern die Heimreise zu ermöglichen. Für 1.200 der 2.900 Besatzungsmitglieder der "Mein Schiff 3" konnten in diesen Tagen Heimflüge organisiert werden. Viele Länder aber sind komplett abgeriegelt, sagt Markus Wichmann. Er ist Leiter der Deutschen Seemannsmission.

Wenn wir jetzt die Philippinen betrachten, die hatten eine Zeit lang die Flughäfen auf – jetzt sind sie wieder mindestens für eine Woche geschlossen. Die Rückführung mit den Flugzeugen ist furchtbar kompliziert. Also wenn Sie da mal die Agenturen fragen, wie da im Moment hin- und hergebucht wird, damit die Leute nach Hause fliegen können, das ist schon abenteuerlich.

Markus Wichmann, Leiter der Deutschen Seemannsmission
Warum dürfen nicht alle Schiffe in Häfen liegen?
Es ist einfach nicht genügend Platz. Die Häfen sind nicht dafür ausgelegt, dass dort dauerhaft alle Schiffe ankern. Die "Mein Schiff 4" durfte beispielsweise jetzt für fünf Tage in Bremerhaven liegen. An diesem Samstag aber geht es wieder raus aufs Meer. Kurz vor Wangerooge wird dann erst mal wieder für einige Wochen festgemacht.
Wie werden die Schiffe versorgt?
Sie dürfen anlegen, um Proviant an Bord zu nehmen. Davon ist genug da. Die Lager der Schiffsausrüster sind voll, weil die Reedereien keine Lebensmittel mehr für die Gäste benötigen. Ware im Wert von zwölf Millionen Euro lagert zum Beispiel beim Schiffsausrüster "Odin" in Schiffdorf. Seit zwei Monaten haben die Kreuzfahrtschiffe nichts mehr geordert, sagt Geschäftsführer Torben Görlitz. Er muss nun versuchen, andere Abnehmer zu finden.

Wir haben jetzt einen Werksverkauf ins Leben gerufen, wo sich jeder auf unserer Homepage informieren kann. Das ist die einzige Einnahme, die wir aktuell haben. Ansonsten bleibt uns nur die Möglichkeit, die Tafel zu unterstützen.

Torben Görlitz, Geschäftsführer des Schiffsausrüsters "Odin"

Rückblick: Wie geht es den Bremischen Häfen in der Corona-Krise?

Video vom 8. April 2020
Eine Luftaufnahme eines Hafens.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Leonard Steinbeck
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier läuft, 8. Mai 2020, 12:29 Uhr