Angehörige zu Pflegemängeln: "Nicht mal satt und sauber"

Fehlende Medikamente, tagelang ungewaschen. Das ist laut einer Betroffenen der Zustand im Pflegeheim in der Bremer Marcusallee. Sie berichtet, warum sie ihre Mutter aus dem Heim herausgeholt hat.

Ein weißes Gebäude, welches als Pflegeheim genutzt wird. Es ist das Pflegezentrum Marcusallee. Vor dem Gebäude stehen Autos auf dem Parkplatz.

"Nicht einmal satt und sauber", das ist die Aussage die Frau H. über das Alloheim in der Marcusallee macht. Sie hat sich mittlerweile entschieden, ihre Mutter woanders unterzubringen. Trotzdem möchte sie die Mängel in der Einrichtung öffentlich machen – und hat sich deshalb an buten un binnen gewandt.

Frau H., was lief Ihrer Meinung nach falsch?
Frau H.: In letzter Zeit hat sich die personelle Situation ganz stark verschlechtert. Sie ist schon länger schlecht. Aber jetzt ist sie extrem schlecht geworden (...) Meine Mutter wohnte im Wohnbereich 2, wo sehr viele demente Leute sind, die hilfsbedürftig sind. Sie wurden von zwei Personen komplett versorgt – Essen, ins Bett legen, waschen, alles was dazu gehört.
Ihrer Mutter wurden Medikamente von einer Ärztin verschrieben. Aber diese wurden ihr nicht verabreicht?
Am Freitag hatte ich einen Termin bei der Ärztin. Sie hat mir erklärt, dass sie da gewesen ist und zwei Dinge für meine Mutter verschrieben hat: Augentropfen gegen die eitrigen, völlig entzündeten Augen und Tabletten gegen den Husten. Ich bin dann abends wieder da gewesen und habe gefragt: "Wo sind die Medikamente?" Die Medikamente waren immer noch nicht da. Samstagsmorgen bin ich wieder hin und immer noch waren die Medikamente nicht da. Ich habe dann selbst bei der Apotheke angerufen und gefragt, ob die Medikamete geliefert wurden. Da hörte ich "ja" [...] Ich habe mich auch beschwert und bekam die lapidare Antwort: "So ist Pflege heute."

Kurze Zeit später kam diese Pflegefachkraft wieder und hat tatsächlich die Medikamente gefunden. Als Erklärung hörte ich "Waren auf einem anderen Tablett." Ich habe dann ein Mal gesehen, dass meine Mutter die Medikamente auch bekommen hat. Sonntagmorgen bin ich wieder hin, da saß sie mit völlig verklebten, eitrigen Augen – sie konnte sie selber nicht mehr öffnen – am Frühstückstisch. Ich vermute auch, dass sie nichts gegessen hat. Wenn sie nichts sieht, dann isst sie auch nichts. Ich habe ihr die Augen ausgewaschen.
Wie beurteilen Sie die Situation im Heim insgesamt?
Ich habe letztens einen Bericht im Fernsehen gesehen, zum Thema "Pflege". Da hieß es: "Mehr als satt und sauber." Da geht es darum, dass man sich um die Bewohner kümmert und für ein würdevolles Leben sorgt. Da fiel mir sofort ein, hier in dem Alloheim ist es im Moment so, dass die Bewohner noch nicht mal satt und sauber sind. Das Minimum wird nicht erfüllt.
Sie haben auch beschrieben, dass ihre Mutter nicht gewaschen wurde.
Vier Abende hintereinander habe ich das gesehen. Sie wurde immer ungewaschen ins Bett gelegt. Es kam immer die Aussage: "Gewaschen wird nur morgens." Als ich noch mal genauer nachgefragt habe, ob das nicht mit dazu gehöre, hieß es: "Wir legen die Bewohner erst hin. Dann müssen wir schauen, was wir alles noch schaffen in unserem Dienst."
Sie haben auch erzählt, dass sie mit denjenigen, die dort gearbeitet haben, Kontakt hatten. Was haben die erzählt?
Ich habe mich in der Zeit, in der ich zweimal am Tag da war, viel mit den Pflegekräften unterhalten – ihnen kann man keinen Vorwurf machen. Sie selber waren sehr unzufrieden mit ihrer Situation. Sie wissen ja, was gemacht werden müsste für die Bewohner, können es aber nicht. Es ist nicht zu schaffen. Wir hatten sogar gemeinsam überlegt, ob wir nicht eine Unterschriftenaktion starten. Da trauen sich aber diese Leute dann nicht zu unterschreiben. Ich habe aber Aussagen gehört wie: "Wenn ich hier arbeite, bekomme ich Magenkrämpfe" oder "Hier, in diesem Haus möchte ich eigentlich nicht mehr arbeiten."
Haben Sie eine Konsequenz gezogen?
Ja, ich hatte bei verschiedenen Häusern angerufen und habe zwei Besichtigungstermine gehabt. Ein Haus hat mir einen Platz in einem Doppelzimmer angeboten. Ein anderes sogar einen Platz in einem Einzelzimmer. Dort hieß es auch, dass es lange Wartezeiten gibt, aber ich habe auch dramatisch die Situation geschildert. Ich meinte, dass es mir vertraglich egal sei, denn meine Mutter muss da raus. Dann habe ich eine Zusage bekommen und habe meine Mutter sofort aus dem Haus geholt. Als ich sie abgeholt habe, sah ich, dass sie wieder vor ihrem Brötchen saß und vermutlich nichts gegessen hatte. Niemand hatte die Zeit, sich um sie zu kümmern.
Ist das anders geworden? Wie geht es Ihrer Mutter jetzt?
Ja, die Situation ist jetzt eine bessere. Mein Mann meinte zu mir: "Es gibt überall Pflegenotstand." Aber in dem neuen Haus ist die Atmosphäre wesentlich besser. Meine Mutter ist, seitdem sie im neuen Heim ist, wesentlich besser drauf – und lebhafter. Sie spricht wieder etwas und ist beweglicher. Auch die Pfleger sind damit zufrieden. Im alten Heim war meine Mutter auch maulig und unzufrieden. In dem neuen Pflegeheim ist sie dankbar und schaut das Personal auch genauso dankbar an.

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  • Marianne Strauch

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. März 2018, 19:30 Uhr