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August 1944: So erlebte eine 7-Jährige den Feuersturm in Bremen

100.000 Bomben prasselten in der Nacht zum 19. August 1944 auf Bremen nieder. Ein Feuer zerstörte Walle. Nach 75 Jahren spricht Renate Hofmann erstmals über das, was sie sah.

Eine schwarz weiß Aufnahme eines brennenden Hauses.

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 gingen mehr als 100.000 Spreng-, Phosphor- und Brandbomben auf die Hansestadt nieder, töteten mehr als 1.000 Menschen und zerstörten in einer halben Stunde einen ganzen Stadtteil. Renate Hofmann war damals sieben Jahre alt und erinnert sich an jedes Detail, denn der Feuersturm hat ihr Leben verändert. 75 Jahre konnte sie nicht darüber sprechen. Doch jetzt bricht sie ihr Schweigen.

Frau Hofmann, Sie waren noch ein Kind, als der 132. Bombenangriff auf Bremen geflogen wurde – der schlimmste aller Angriffe. Woran erinnern Sie sich noch?
Ich habe es erlebt. Ich war ein sieben Jahre altes kleines Mädchen. Es waren Sommerferien bei meinen Eltern zu Hause in Walle und wir hatten schon gelernt, dass wir bei Alarm der Sirenen alles stehen und liegen lassen und zum uns zugewiesenen Bunker in Findorff rennen müssen. Wir haben immer angezogen geschlafen.
Mein Vater, meine Mutter, ich – jeder von uns hatte eine gepackte Tasche. Darin war das Wichtigste, was man bei sich haben wollte. Und mein Wichtigstes war eine kleine Basttasche, mit einer rosa Decke und da saß mein Teddybär drin und den schnappte ich und dann rannten wir los.
Renate Hofmann im Interview über die Bombardierung Bremens.
Renate Hofmann war 1944 sieben Jahre alt.
Sie saßen also im Bunker, als der Luftangriff losging. Haben Sie dort etwas mitbekommen vom Feuersturm?
Ja. Wir haben da drinnen gesessen. Eigentlich wusste man ja gar nicht, was da draußen passierte. Es gab eine junge Frau, eine Anni, die mit uns Kindern immer spielte, um uns etwas abzulenken. Und da waren wir nun, ganz verschiedene Menschen, viele kannte ich nicht. Und dann, das erinnere ich wie heute, fing dieser Hochbunker an zu schwanken. Ich habe nie gedacht, dass so ein Bunker sich bewegen kann. Und dann kam ein Sog, da waren so Luftklappen, die flogen auf, dann kam ein rauschendes Geräusch, es zischte, das Licht war aus und wir wussten eigentlich gar nicht, was passiert und man dachte, es ist jetzt zu Ende.
Der Angriff hat eigentlich gar nicht lange gedauert – 34 Minuten. Was haben Sie gesehen, als Sie nach dem Angriff aus dem Bunker gekommen sind?
Frauen und Kinder mussten zwei Tage im Bunker bleiben. Erst danach sind wir zurück in unsere Straße, zu unserem Haus, das immer noch brannte. Überall lagen Schutthaufen, Menschen lagen auf der Straße, Verbrannte. Meine Eltern haben noch geguckt, ob sie noch was retten konnten. Aber da war nichts. Dann hat mein Vater mich auf dem Arm getragen und wir sind auf dem Weg von Walle nach Findorff wirklich so über verbrannte Menschen gelaufen. Die waren ganz klein verbrannt, zusammengeschrumpft. Ich habe sie wirklich so als Kind gesehen. Ich weiß nicht, ob mir das so bewusst geworden war damals. Aber gesehen haben wir es. Ich erzähl' das kaum, aber ich weiß es.
Danach ist Ihnen und ihren Eltern ein Zimmer bei fremden Leuten zugewiesen worden. Wie haben Sie das erlebt?
Meine Eltern haben alles verloren. Sie bekamen auf Bezugschein ein Bett, da war ein Strohsack drin und für mich wurden zwei Sessel zusammengeschoben. Da schlief ich dann drin. Das kann man gar nicht beschreiben. Das mit dem Ausbomben, das war schlimm, aber das, was danach war, das war auch nicht einfach. Man musste immer sehen, dass man irgendwas zu essen hatte, dass man was anzuziehen hatte. Schlange stehen, tauschen. Irgendwie haben wir das geschafft, aber es war mühsam, wieder Fuß zu fassen.
Was denken Sie heute über die Zeit, die Sie damals erlebt haben?
Also Krieg ist für mich das Schlimmste und Böseste, was es überhaupt gibt und ich verstehe einfach nicht die Menschen, die nicht aufhören können und nicht lernen daraus. Wenn man so klein ist und man erlebt sowas, dann weiß man, das ist ganz schlimm. Wie viele Menschen hat es getroffen? Und ich denke auch immer noch an diese Flugzeugpiloten, was ist in denen vorgegangen? Warum konnten die das machen? Das ist doch ganz schlimm und schrecklich. Das ist einfach nicht zu verstehen. Wer diese Erlebnisse am eigenen Leib erlebt hat, der kann nur für Frieden sein.
Das sind ja traumatische Erlebnisse für eine Kinderseele. Mit wem haben Sie darüber gesprochen?
Das habe ich noch nie gemacht. Das gab es zu der Zeit einfach nicht. Damals hat niemand mit uns darüber gesprochen, man musste sehen, wie man durchkommt. Ich bin deshalb wirklich dankbar, dass ich das nochmal aufarbeiten kann. Irgendwie schließt sich mein Kreis im Alter.

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  • Hanna Möllers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. August 2019, 19:30 Uhr