Interview

"Es wird Jahre dauern, bis alle LKW ein Notbremssystem haben"

Drei Schwerverletzte und 170.000 Euro Schaden in zwei Tagen: Stefan Kaemena vom ADAC erklärt, warum sich die Unfälle auf der A1 bei Bremen häufen – und stellt Forderungen.

Rettungskräfte sind auf der Autobahn im Einsatz
Nach einem Unfall auf der A1 sind Rettungskräfte im Einsatz. Bild: TeleNewsNetwork

Es ist eine traurige Bilanz: Innerhalb von zwei Tagen wurden bei Auffahrunfällen mit Lastwagen auf der A1 zwischen Groß Ippener und Brinkum drei Menschen schwer verletzt. Vier Lkw wurden zerstört, der Sachschaden liegt bei etwa 170.000 Euro. Im Baustellenbereich kommt es regelmäßig zu schweren Lkw-Unfällen. Stefan Kaemena ist Abteilungsleiter Technik beim ADAC Weser Ems und erklärt, woran das liegt.

Warum kommt es auf dieser Strecke der A1 immer wieder zu LKW-Unfällen?
Ein Baustellenabschnitt ist für alle Verkehrsteilnehmer eine schwierige Situation. Ein Lkw-Fahrer hat durch die große Masse seines Fahrzeugs das Problem, dass er nicht so schnell reagieren kann. Sowohl beim Ausweichen als auch beim Abbremsen. Wenn ein 38-Tonnen-Lkw auf ein Stauende fährt, hat das schlimmere Konsequenzen als bei einem Zwei-Tonnen-Pkw, wo es vielleicht bei einem Blechschaden bleibt. Solche schweren Lkw-Unfälle fallen dadurch natürlich mehr auf.
Stefan Kaemena
Stefan Kaemena ist Abteilungsleiter Technik beim ADAC Weser-Ems. Bild: ADAC
Was sind Ursachen für Auffahrunfälle mit LKW?
Das Hauptproblem ist der fehlende Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Dann ist der Fahrende vielleicht noch abgelenkt, übermüdet oder gestresst. Zudem sind auch professionelle Fahrer manchmal mit der Situation einer verengten Fahrbahn überfordert. Das alles führt dann schnell zu Zusammenstößen.
Wie lassen sich solche Auffahrunfälle verhindern?
Es gibt einen Notbremsassistenten, der seit 2013 in allen neuen LKW-Modellen verbaut werden muss und seit 2015 für alle neu zugelassenen Pflicht ist. Aber es sind eben noch viele ältere Modelle auf den Straßen unterwegs. Es wird noch Jahre dauern, bis alle Sattelschlepper ein solches Notbremssystem haben. Ich schätze, im Moment sind nur 20 bis 30 Prozent der Fahrer damit unterwegs. Deswegen ist die Zahl solcher Unfälle, die auf zu geringen Abstand zurückzuführen sind, bislang auch nicht zurückgegangen.

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Es kommt auch mit Notbremsassistent zu Unfällen. Wie kann das sein?
Das Abstandswarnsystem alarmiert den Fahrer, wenn er zu dicht auffährt. Reagiert dieser nicht, dann leitet das Fahrzeug selbständig eine Bremsung ein. Aber das System hat auch seine physikalischen Grenzen. Im fließenden Verkehr funktioniert es gut und reduziert die Geschwindigkeit runter. Schwieriger wird es, wenn der Verkehr plötzlich komplett steht. Wenn ein LKW auf ein Stauende zurast, müsste das System diese Gefahr sehr früh erkennen. Das ist im Moment technisch schwierig umzusetzen.
Die Fahrer stellen das Notbremssystem bisweilen auch aus. Warum?
Die Fahrer stellen nicht das Notbremssystem selbst aus, sondern den Abstandsassistenten. Das müssen sie in gewissen Situationen machen, um auf der Autobahn überholen zu können. Wenn sie an einem anderen Brummi-Fahrer vorbeiziehen wollen, lassen sie sich vom Windschatten des vorausfahrenden Lkw ansaugen und überholen dann. Da das Abstandsystem dies verhindern würde, schalten sie es in diesem Moment aus. Das Problem ist, dass es sich nicht wieder automatisch anschaltet. Hier gibt es aus Sicht des ADAC eine Gesetzeslücke. Wir fordern, dass sich der Notbremsassistent automatisch wieder einschalten muss.
Welchen Einfluss haben die Bedingungen in der Logistik-Branche?
Der Terminstress wird größer bei den Lkw-Fahrern. Der Druck von Seiten der Unternehmer ist erheblich. Im Speditionsgewerbe ist Zeit Geld. Da erhöht der ein oder andere Fahrer die Geschwindigkeit oder lässt die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen aus. Das führt zu Übermüdung und Unaufmerksamkeit.
Wie kann ich als Autofahrer vermeiden, Opfer eines Auffahrunfalls zu werden?
Als Autofahrer habe ich wenig Möglichkeiten zu verhindern, dass mir hinten jemand reinfährt. Ich kann meine Geschwindigkeit an den Verkehr anpassen und einen größeren Abstand zum Vordermann einhalten. Also nicht wie üblich ein Sicherheitsabstand nach der Formel: Abstand gleich halber Tacho, sondern ich vergrößere das auf den kompletten Tacho-Abstand. Ich kann zudem den Verkehr hinter mir beobachten, und wenn jemand angerauscht kommt, versuchen, nach rechts auszuweichen.
  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 5. Juli 2018, 23:20 Uhr