Besonders viele schlechte Jobs in Bremen

  • In Bremen gibt es besonders viele atypische Beschäftigungsverhältnisse
  • Hans-Böckler-Stiftung hat Zahlen von 2017 zusammengestellt
  • Gewerkschaften warnen vor Risiko der Altersarmut
Eine Frau sitzt vor einem Computer an einem Schreibtisch.
Besonders viele Frauen arbeiten in Teilzeit oder in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. (Symbolbild) Bild: DPA | Christin Klose

Ein Fünftel aller Kernbeschäftigten in Deutschland arbeitet in Teilzeit, einem Minijob oder ist befristet angestellt. Die Zahl dieser sogenannten atypischen Beschäftigten rangiere weiterhin auf einem hohen Niveau, teilte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Montag mit. Mit 26,2 Prozent hat Bremen den höchsten Anteil der atypisch Beschäftigten – damit ist mehr als jeder vierte Job im kleinsten Bundesland betroffen.

Dass es in Bremen besonders viele sind, führt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut, das die Studie für die arbeitnehmernahe Hans-Böckler-Stiftung erstellt hat, zurück auf eine jahrelange schwierige wirtschaftliche Entwicklung in Bremen. Das wirke immer noch nach. In einer solchen Lage seien die Menschen froh, überhaupt einen Job zu bekommen. Dann tendierten die Unternehmen dazu, schlechter regulierte Jobs anzubieten.

Vergleich mit Bremen ist schwierig

Um einiges besser sieht es im benachbarten Stadtstaat Hamburg aus (17,9 Prozent, niedrigster Wert aller West-Bundesländer). Grundsätzlich ist aber zu beachten, dass diese beiden Stadtstaaten eine andere Bevölkerungsstruktur haben als Flächenländer, was einen Vergleich erschwert.

Auffällig sind aber die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. In Brandenburg ist der Anteil an atypisch Beschäftigten mit 14 Prozent am niedrigsten, in Bremen mit 26,2 Prozent dagegen am höchsten. In den Ost-Bundesländern ist die Quote nicht höher als 17,5 Prozent. Der Westen weist dagegen höhere Anteile auf: Hamburg hat mit 17,9 Prozent noch den niedrigsten unter den West-Bundesländern. Grund ist nach Auffassung des WSI die besser ausgebaute Kinderbetreuung im Osten. Das ermögliche vor allem Frauen, Vollzeit zu arbeiten.

Vor allem Frauen und junge Leute betroffen

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Anteil dieser Beschäftigungsverhältnisse im Gesundheits- und Sozialwesen am höchsten ist. Laut WSI gibt es unterschiedliche Faktoren, die mit atypischer Beschäftigung zusammenhängen – zum Beispiel das Geschlecht: So steckt fast jede dritte Frau in einem solchen Job. Bei den Männern gilt das nur für knapp jeden Zehnten.

Entscheidend ist auch das Alter: Berufsanfänger erhalten oft nur einen befristeten Vertrag und sind damit atypisch beschäftigt, wie das WSI schreibt. Unter den 15- bis 24-Jährigen betrifft das fast ein Drittel. Außerdem spielt eine Rolle, ob man Deutscher ist oder nicht und wie hoch der Bildungs- oder Berufsabschluss ist. Besonders die Zahl der atypisch-beschäftigten Ausländer nahm über die Jahre zu.

Gewerkschaften kritisieren "Hire and Fire"-Mentalität

Atypische Beschäftigung ist für den Sozialverband VdK ein Risiko mit Blick auf die Rente. Viele Frauen verzichten zum Beispiel für die Kindererziehung auf Vollzeitstellen und arbeiten stattdessen in Mini- oder Teilzeitjobs. So erhielten sie später nur eine kleine Rente und seien besonders häufig von Altersarmut betroffen, erklärt VdK-Sprecherin Cornelia Jurrmann.

Der Arbeitgeber holt sich den Arbeitnehmer ran, wenn er ihn braucht und wenn er ihn nicht mehr braucht, wird er wieder entlassen

Johannes Jakob, Arbeitsmarktexperte beim DGB

Ganz anders sehen das die Unternehmen. Aus Sicht des Arbeitgeber-Bundesverbands BDA sind flexible Beschäftigungsformen wie Minijobs unverzichtbar, um den Arbeitsmarkt in Schwung zu halten oder zu bringen: "Sie erleichtern den Einstieg in Arbeit und bieten neue Beschäftigungsperspektiven für gering Qualifizierte und Langzeitarbeitslose." In den Augen der Gewerkschaften ist das jedoch "Rosinenpickerei". "Der Arbeitgeber holt sich den Arbeitnehmer ran, wenn er ihn braucht und wenn er ihn nicht mehr braucht, wird er wieder entlassen", kritisiert der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Johannes Jakob.

So führten Minijobs zu einer Entwertung der eigenen Qualifikation. "Die meisten sind nicht qualifikationsgerecht beschäftigt, der Fachkräftemangel wird verschärft." Dasselbe gilt demnach für Leiharbeiter. Diese seien trotz abgeschlossener Berufsausbildung häufig als Helfer beschäftigt und verdienten deshalb weniger.

Wie der Fachkräftemangel zur Ausbeutung führt

Eine Frau in gelbem Pullover, die eine Brille trägt.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. Juni 2019, 12:12 Uhr