Fragen & Antworten

So will Bremerhaven Vorreiter in der Lebensmittelversorgung werden

Die Seestadt will gemeinsam mit den umliegenden Gemeinden zu einer Modellregion für nachhaltige Lebensmittel werden. Sie hofft auf Fördergelder in Millionenhöhe.

Zwei Frauen stehen auf einem Acker.
Linda Böhm (links) und Ann-Kathrin Harrje wollen Hanf und Hafer anbauen, um Hafermilch produzieren zu können. Bild: Radio Bremen | Patrick Florenkowsky

Seit Monaten entwickeln Bürger gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Pläne für ein großes Bremerhavener Zukunftsprojekt: Die Stadt will Vorreiter in Sachen nachhaltige Lebensmittelversorgung werden. Dabei bekommen die Bremerhavener Unterstützung aus dem niedersächsischen Umland. Mit ihren Ideen wollen sie sich beim Bundesministerium für Bildung und Forschung bewerben, um als Modellregion ausgewählt zu werden und Fördermittel zu bekommen. Bis Ende Mai muss der Antrag beim Ministerium eingereicht werden. An diesem Donnerstagabend feilen die Bremerhavener ein letztes Mal an ihrer Bewerbung.

Was hat Bremerhaven vor?
Grundsätzlich geht es um regionale und nachhaltige Lebensmittelproduktion. In Bremerhaven und im Umland gibt es bereits viele Akteure, die sich damit beschäftigen, unter anderem die Hochschule, das Alfred-Wegener-Institut, die Wirtschaftsförderung, verschiedene Unternehmen, aber auch Bürger. "Wir haben extrem viel Know-how hier", sagt Lebensmitteltechnologin Linda Böhm vom Bremerhavener Technologie-Transfer-Zentrum, das sich ebenfalls beteiligt. Damit die Region für die Zukunft gut aufgestellt ist, geht es jetzt darum, all diese Experten miteinander zu vernetzen. Lebensmittelproduktion, Logistik, Verkauf und Bildungsangebote müssen koordiniert werden.

Deshalb werden alle Interessierten im Bündnis "Wissen schafft Lebensraum" zusammengebracht. Seit Januar tauschen sie sich wöchentlich online aus. Rund 30 Akteure sind mittlerweile dabei. Wenn ein Landwirt weiß, dass es interessierte Abnehmer gibt, sei er eher bereit, auch mal zu experimentieren und etwa Versuchsfelder mit anderen Getreidesorten anzulegen, sagt Böhm. So sollen zum Beispiel Landwirte mit Bäckereien vernetzt werden.

Das Wissen darf nicht nur großen Unternehmen zugutekommen. Wieso muss Hafermilch aus Dänemark oder Skandinavien kommen?

Linda Böhm, Lebensmitteltechnologin, Bremerhavener Technologie-Transfer-Zentrum
Und mit welchen Ideen bewirbt sich Bremerhaven konkret?
An den Start geht Bremerhaven unter anderem mit einem Pilzprojekt: Landwirt Dennis Wolff-von der Lieth aus der benachbarten Stadt Geestland will auf Bio-Stroh aus der Region Edelpilze züchten und dann an Restaurants und Hotels weiterverkaufen. Auch auf der Liste steht Ann-Kathrin Harrje, die jetzt auf ihrem Hof in Wehdel (Landkreis Cuxhaven) Hanf und Hafer anbaut, um daraus Milchersatz zu machen. Die Idee ist zusammen mit dem Technologie-Transfer-Zentrum entstanden. Böhm kann sich langfristig vorstellen, die Hanffasern auch zum Beispiel für Kleidung oder Baustoffe zu nutzen.

In ihrer Bewerbung wollen die Bremerhavener aber auch konkret auf Bildungsangebote eingehen. Es soll ein Bewusstsein für die Herstellung von regionalen Lebensmitteln geschaffen werden. Eine Idee ist zum Beispiel, dass die Landfrauen aus den benachbarten niedersächsischen Gemeinden für Projekte in die Bremerhavener Schulen kommen, das ist nämlich aktuell aufgrund der Landesgrenze schwierig. Dabei haben die Landfrauenvereine jede Menge Wissen, das sie weitergeben wollen.

Wir haben das noch nie gemacht. Jetzt haben wir Versuchshektar, einen Hektar Hanf und einen Hektar Hafer. Wir wollen uns als Betrieb weiterentwickeln, aber ohne das Projekt wären wir diesen Schritt nicht gegangen.

Ann-Kathrin Harrje, Landwirtin
Wie groß ist die Chance, dass Bremerhaven den Zuschlag bekommt?
Rein rechnerisch beträgt die Wahrscheinlichkeit 50 Prozent: 44 Bewerber gibt es, die Hälfte bekommt finanzielle Unterstützung. Wenn alles gut geht, könnte Bremerhaven für die kommenden sechs Jahre bis zu 15 Millionen Euro bekommen. Bis Ende Mai muss die Bewerbung beim Bund eingehen, im September soll es die Rückmeldung geben, ob es geklappt hat. Linda Böhm ist optimistisch: "Ich glaube tatsächlich, dass wir damit das Geld hier in die Region holen können."
Was passiert, wenn Bremerhaven den Zuschlag nicht bekommt?
Selbst wenn es nicht klappen sollte, soll "Wissen schafft Lebensraum" weitergehen. Linda Böhm hofft, dass Bremerhaven und die umliegenden Gemeinden sich in den kommenden Jahren immer wieder neue Ziele setzen und auch messen, ob sie diese erreicht haben. Ihr schweben Pläne vor wie: "Im kommenden Jahr stammen unsere Gurken hier zu 20 Prozent aus unserer Region." Die Akteure wollen dann andere Fördergelder zum Themenkomplex generieren. Finanziert und gefördert wird das Bündnis zum Beispiel schon jetzt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung aus dem Programm "WIR! – Wandel durch Innovation in der Region". Aber Linda Böhm sagt auch: "Wir wollen ja gar nicht ewig abhängig sein von Fördermitteln, wir wollen zeigen, dass dieses Konzept funktionieren kann."

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Video vom 4. Dezember 2020
Ein Schild mit der Aufschrift "unverpackt einkaufen".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorinnen und Autoren

  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin
  • Patrick Florenkowsky

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 29. April 2021, 16:45 Uhr