Kommentar

Ohne Erstreisende wäre Zugfahren etwas Wunderbares

Mit dem Fahrplanwechsel steigen auch in diesem Jahr die Preise im Bahnverkehr an. Trotzdem wird es immer voller auf den Bahnhöfen und in den Zügen, die auch deshalb immer später abfahren und ankommen. Auch in Bremen. Die Deutsche Bahn trägt mit einer verrückten Aktion noch dazu bei, findet Marcus Behrens in seinem Kommentar.

Aufkleber am Boden vor einer Rolltreppe
Diese großflächigen Hinweise werden auf den Hauptbahnhöfen in Hannover und Hamburg mit Füßen getreten.

Dass Züge Verspätungen haben, daran haben wir uns gezwungenermaßen gewöhnt. Daran, dass Bremen und Bremerhaven nicht so wichtig wie Hamburg, Berlin oder München sind, zumindest nicht in der Wahrnehmung der Deutschen Bahn, ebenfalls. Aber es hat auch etwas Gutes, in Bremen abzufahren – oder anzukommen. Denn bei aller Enge, die den Bremer Hauptbahnhof immer dann aus den Nähten platzen lässt, wenn mal zwei Fernzüge gleichzeitig eintreffen, hat diese Station auch ihren Charme. Dennoch: Die Deutsche Bahn trägt zum Chaos auf den Bahnsteigen und zur Verwirrung bei.

Ziel grandios verfehlt

Ein Blick in die Region: In Hannover und in Hamburg wurden an die Enden der Treppen und Rolltreppen von und zu den Bahnsteigen riesige grünweiße Hinweise auf den Boden geklebt, die die reisenden Massen dazu auffordern, nicht stehenzubleiben, sondern weiterzugehen. Das führt aber verlässlich nur dazu, dass nun noch mehr Menschen am Ende einer Treppe oder Rolltreppe stehenbleiben, um das zu lesen, was dort unter vielen anderen Füßen auf dem Boden steht. Um den sich so aufbauenden Stau noch zu multiplizieren, stehen diese Hinweise in zwei Sprachen – Deutsch und Englisch – und zum Teil auch "über Kopf" dort, denn Treppen werden ja in beide Richtungen benutzt. Das aber führt nur dazu, dass die neugierigen Menschen noch länger stehenbleiben, weil sie entsprechend länger brauchen, alles zu entziffern. Ich denke, die Deutsche Bahn hat mit dieser Aktion ihr Ziel grandios verfehlt.

Mein Bahnsteigmanager erledigt das für mich...

In Hannover legt das Unternehmen sogar noch eins drauf: Dort stehen jetzt Mitarbeiter mit grüner Weste und der Aufschrift "Bahnsteigmanager" rum. Als wenn die Bahnsteige das Problem wären?! Stattdessen sollte man Reisenden, die keinerlei Erfahrung damit haben, anbieten, diese wie Kinder beim Fliegen mit einem Brustbeutel versehen als "Erstreisende" auszustatten und zum Beispiel von den überflüssigen Bahnsteigmanagern betreuen zu lassen – und zwar von der Ankunft am Bahnhofsgebäude bis zum Sitzplatz im Zug. Denn die vielen Erstreisenden sind das Problem, sie stehen im Weg rum, finden ihren Zug, ihren Waggon und ihren Platz nicht – und sorgen dafür, dass sich die Fernzüge mehr und mehr verspäten.

Neue Ideen braucht das Land

Womit wir wieder in Bremen wären. Das Problem gibt es auch hier: Ganz besonders schlimm ist es bei den IC-Zügen – die langen stehen letztlich nie in der Wagenfolge am Bahnsteig, in der sie kurz zuvor noch angekündigt werden, was bei den Erstreisenden natürlich Panik auslöst, die dann zu einer sich grenzenlos verbreitetenden Verwirrung wird – und die kurzen IC-Züge sind so kurz und eng – und haben oft so viele kaputte Türen, dass das Ein- und Aussteigen bei lediglich fünf Waggons pro Zug zu einem Akt der Geduld wird. Hinzu kommt, dass diese Fernzüge zwischen Bremen und der Küste auch mit den günstigeren Regionaltickets nutzbar sind, was die Zahl der Leute, die sich in die engen Doppelstockwagen quetschen, nochmals erhöht. Auch hier braucht es dringend neue Ideen, statt Aufkleber und Bahnsteigmanager.

No-Stop-Aufkleber auf dem Bahnsteig in Hannover

Nachträgliche Beobachtung: Inzwischen hat die Deutsche Bahn im Hauptbahnhof von Hannover auf einem Bahnsteig noch ein anderes Aufkleber-Modell im Angebot. Als das Foto entstanden ist, war ich nahezu alleine auf dem Bahnsteig, kann also nicht sagen, ob dies besser funktioniert.

  • Marcus Behrens

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 9. Dezember 2017, 6 Uhr