Kommentar

Ein Warnschuss vor den Bug der Inklusion

Das Gymnasium Horn soll Inklusion betreiben. Es weigert sich – und klagt gegen die Bildungsbehörde. Das sollte zu denken geben, meint unser Autor Jochen Duwe.

Eine Sonderpädagogin sitzt neben einem Jungen in einer Schulklasse und erklärt ihm etwas.
Bild: DPA | Bernd Settnik

Inklusion bedeutet Einschließen. Es scheint beinahe hirnrissig, diesen unfassbar schwierigen Themenkomplex, der Jahrzehnte hitziger Debatten auf seinem Rücken trägt, auf ein einziges simples Wort herunterbrechen zu wollen. Aber im Grunde ist Einschließen die Idee. Einschließen heißt Wertschätzen, Diversität anerkennen, Chancengleichheit schaffen. Aber in gewisser Hinsicht heißt Einschließen auch Gleichsetzen. Und das ist ein Problem.

Wie schwierig eine solche Aussage heutzutage ist, wie schnell sie für Aufschreie sorgt, ist mir bewusst. Dass aber ein Bremer Gymnasium jetzt keinen anderen Weg mehr sieht, als gerichtliche Schritte gegen die eigene Bildungsbehörde einzuleiten, ist für mich ein klarer Warnschuss vor den Bug der bislang recht ungebremst vorangetriebenen Inklusion. Eine Schule, die sich schlichtweg nicht in der Lage sieht, Schüler mit Behinderungen zusammen mit Gymnasiasten zu unterrichten, zeigt eine Diskrepanz auf: Zwischen dem grundsätzlich guten, richtigen Ideal der Inklusion, und der Realität, die zeigt, dass manche Ziele einfach zu hoch gesteckt sind.

Enormer Spagat für Pädagogen

Die Maxime bei Kindern mit Förderbedarf muss sein, ihre Talente zu fördern. Aber auch ihre Schwierigkeiten und Bedürfnisse zu erkennen, um ihnen zu helfen. Beides mindestens auf dem gleichen Niveau, wie es an einer Förderschule gewährleistet wäre. Gerade in Inklusionsklassen an Gymnasien bedeutet das einen enormen Spagat für die Pädagogen. Rund 20 weitere Schüler ohne Behinderung verdienen es schließlich genauso, ihr Potential auszuschöpfen. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist, beides zu verbinden. Aber fest steht, dass es ein unfassbarer Aufwand ist. Personell, finanziell, kulturell, baulich und emotional.

Wenn Bremen all das gewährleisten könnte, hätte eine Schule wie das Gymnasium Horn eigentlich keinen Grund zu klagen. Doch das hat es nun mal getan. Dieser rechtliche Schritt muss eine Bildungsbehörde zumindest zum Innehalten bewegen. Zum Nachdenken darüber, was wohlmöglich schiefläuft – und darüber, ob ein dogmatisch anmutendes "Weiter so" in der Inklusion immer angebracht ist.

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  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. April 2018, 19:30 Uhr