Bremens Kliniken operieren wieder

Krankenhäuser im Land Bremen dürfen jetzt planbare Operationen durchführen, die wegen Corona abgesagt wurden. Die Wartelisten sind lang und Schutzausrüstung weiter knapp.

Arzt und OP-Schwestern bei einer Operation in einem Operationssaal (Archivbild).
Bremens Kliniken sind noch weit entfernt vom "Normalbetrieb". Bild: Imago | Photothek

Es kam dann doch etwas überraschend: Am Dienstag teilte Gesundheitssenatorin Claudia Bernhardt (Die Linke) mit, dass die Krankenhäuser im Land ab Mittwoch wieder ausgewählte planbare Operationen – so genannte "elektive Operationen" – vornehmen dürfen. Seit Mitte März war den Kliniken alle OPs untersagt, die nicht überlebensnotwendig waren, um Kapazitäten vor allem auf den Intensivstationen für den befürchteten Bedarf für Corona-Erkrankte frei zu halten. Nun ist das Fenster Richtung Normalität geöffnet.

Keine wirkliche Erleichterung für wartende Patienten

Für die Patientinnen und Patienten heißt das, dass sie Aussicht auf Linderung ihrer Beschwerden haben – mehr als Aussicht aber auch nicht. Denn der Stau ist erheblich. Alleine das Rote-Kreuz-Krankenhaus (RKK) berichtet von etwa 300 aufgeschobenen Operationen in den vergangenen zwei Monaten. Die Sprecherin der Roland-Klinik sagt: "Wir hatten aufgrund des Erlasses, planbare Operationen zu verschieben, einen Großteil des Betriebs quasi einstellen müssen. Über 80 Prozent der stationären Patientinnen und Patienten fehlten. Entsprechend groß ist die Warteliste."

Verschiebbare Operationen können dabei höchst unterschiedlich aussehen, wirklich "überlebenswichtig" ist eben das Wenigste. Eine neue Hüfte oder Schulter ist aus Sicht des Erkrankten, dem jede Bewegung Schmerzen verursacht, sicherlich dringend. Überlebenswichtig ist sie nicht und die OP konnte daher nicht stattfinden. Das Gleiche gilt selbst für eine Reihe von Herz-Operationen oder plastischen Eingriffen, um etwa die Folgen eines Unfalls zu beheben.

Andererseits kann auch so manche "elektive" OP durch Zeitablauf äußerst akut notwendig werden, erklären Fachleute: Eingriffe am Auge oder eine Reihe von HNO- und internistischen Operationen konnten vor einem Monat noch verschiebbar, inzwischen aber höchst dringlich geworden sein. Daher werden die Listen der Wartenden nun auch erst einmal nach solchen Kriterien priorisiert.

Gebremste Aufholjagd in OP-Stationen

Doch so schnell, wie das Ressort sich das vorstellt, geht das nicht. Das ergibt sich aus einer Umfragen von buten und binnen bei den kommunalen und Freien Kliniken in der Stadt Bremen. Aus dem RKK beschreibt Sprecherin Dorothee Weihe die Herausforderung: "In den kommenden Wochen und Monaten werden wir für sämtliche Eventualitäten gerüstet sein müssen: Personelle und logistische Parallelstrukturen für die Versorgung von Covid-19-Infizierten aufrechterhalten und daneben den normalen Krankenhausbetrieb wieder einführen inklusive Notaufnahme."

Und auch bei der Auswahl der nun wieder aufzunehmenden "planbaren Operationen" müssen die Krankenhäuser vorab möglichst genau abschätzen, was das nach sich zieht. Denn: Das Gesundheitsressort gibt vor, dass keine OP eine längere intensivmedizinische Behandlung als 48 Stunden nach sich ziehen darf. So soll die Flexibilität gewahrt bleiben, notfalls sofort auf ein neues Infektionsgeschehen reagieren zu können.

So bereiten sich die Kliniken vor

Ein Arzt in OP-Kleidung während einer Operation.
Ob operiert wird oder nicht, hängt auch davon ab, wie intensiv die vorhersehbare Nachsorge sein wird. Bild: Radio Bremen

Doch gänzlich unvorbereitet sind die Häuser natürlich auch nicht – es war ja klar, dass es irgendwann wieder losgehen würde und dazu einiges in die Wege geleitet werden muss. So erläutert Unternehmenssprecher Maurice Scharmer für das St.-Joseph-Stift: "Die schrittweise Rückkehr in den Normalbetrieb ist mit großen Anstrengungen und intensivsten Vorbereitungen für alle Beteiligten verbunden." Doch schon ab heute (7. Mai) soll es wieder anlaufen.

Die Vorsicht ist dabei das große Thema: "Alle Patienten, die elektiv operiert werden, werden zuvor einbestellt und auf das neuartige Corona-Virus getestet. Dafür werden entsprechende personelle und räumliche Vorkehrungen getroffen." Vergleichbar äußert sich das RKK: "Die Sicherheit der Patienten und Mitarbeiter darf nicht gefährdet werden durch sich kreuzende Wege oder durch Auflösung der Isolationsbereiche." Auch für die Roland-Klinik kündigt Sprecherin Yvonne Paeßler an: "Wir fahren die Kapazitäten im Laufe dieser Woche wieder hoch und holen nun sukzessive die verschobenen Eingriffe nach und vereinbaren neue Termine." Eine Kooperation zwischen RKK und Roland-Klinik soll es beiden Häusern leichter machen.

Vor diesen Herausforderungen stehen Krankenhäuser in der Krise

Video vom 28. April 2020
Das Rotes Kreuz Krankenhaus von außen.
Bild: Radio Bremen

Corona-Schwerpunkt-Klinik angedacht

Auch im städtischen Klinikverbund Gesundheit Nord (GeNo) läuft es langsam wieder an, ein genaues Datum wird nicht genannt. Geprüft werde derzeit noch, ob es ratsam und umsetzbar ist, eine der vier GeNo-Kliniken jetzt zur Corona-Schwerpunkt-Klinik zu machen. So könnten die geforderten Corona-Behandlungs-Kapazitäten möglichst zentral gehalten werden, damit die andern Häuser weitgehend ungestört arbeiten können. Das Ergebnis sei laut GeNo noch vollkommen offen. Es müsse genau abgewogen werden, wie das klappen könne. Denn natürlich kann es in jedem Spezialgebiet, das nur ein GeNo-Haus bedient, Patienten geben, die auch mit dem Corona-Virus infiziert sind und die wegen ihrer Krankheit nicht in eine beliebige Klinik gehen können. Für sie müssten also doch wieder Kapazitäten dezentral geschaffen werden. Es könne sein, dass die ganze Sache daher keine Hilfe wäre.

Angesichts der Lockerungen muss man auch darauf vorbereitet sein, dass die Corona-Zahlen wieder steigen.

Karen Matiszick, Sprecherin der GeNo

So oder so setzt die GeNo jetzt nicht auf einen Kurs "Volldampf zurück in die alte Zeit", erläutert deren Sprecherin Karen Matiszick: "Angesichts der Lockerungen muss man auch darauf vorbereitet sein, dass die Corona-Zahlen wieder steigen." Die GeNo-Häuser würden also – und das gilt entsprechend im Übrigen auch für die Freien Klinken – bei allem OP-Geschehen darauf achten, ausreichend Intensiv-Kapazitäten freizuhalten, die aus dem Stand mit Corona-Patienten belegt werden könnten. Und auch RKK-Sprecherin Weihe sagt: "Bei Bedarf muss innerhalb kürzester Zeit alles wieder rückgängig gemacht werden können."

Es bleibt kompliziert. Beim Abwägen der Kapazitäten spielt dann auch noch eine Rolle, was selbst Klinik-Kenner sich noch vor zwei Monaten nicht haben vorstellen können: Dass der Vorrat und der Nachschub bei Schutzausrüstung wie OP-Kitteln, Handschuhen und Mundschutzen ein limitierender Faktor sein könnte. Das war immer etwas, was ausreichend im Lager vorhanden war und einfach nur in den OP bestellt werden musste. Derzeit aber ist die Marktlage so, dass auch diese Vorräte mit Blick auf eine mögliche zweite Corona-Welle nicht unendlich sind und das Unterschreiten eines vorgegebenen Mindest-Bestandes den OP-Betrieb bis zur nächsten Lieferung erstmal wieder lähmen kann.

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. Mai 2020, 23:30 Uhr