Eltern in Bremen-Nord beklagen Mangel an Kinderärzten

Wochenlang müssen manche Eltern auf einen Termin warten, um ihre Kinder impfen zu lassen. Bremen-Nord als Standort ist offenbar zu unattraktiv für neue Ärzte. Das Problem ist bei Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung bekannt. Eine echte Lösung ist nicht in Sicht.

Frau mit Kind auf dem Arm betritt ein Wartezimmer einer Kinderarztpraxis
Rein rechnerisch gibt es genügend Ärzte in Bremen-Nord – auch Kinderärzte. In der Praxis sieht es allerdings anders aus. Bild: Imago | argum

Stress für Eltern in Bremen-Nord: Sechs bis sieben Wochen dauert es zurzeit, wenn sie ihre Kinder impfen lassen wollen. Jedenfalls, wenn es schlecht läuft. Die niedergelassenen Kinderärzte klagen schon länger, dass sie zu viel zu tun haben. Mehr Geburten und Flüchtlingsfamilien mit vielen Kindern bescheren ihnen übervolle Praxen und den Eltern die langen Wartezeiten.

Statistisch kein Problem in Bremen

Rein rechnerisch steht Bremen als Bundesland gut da. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl gibt es statistisch gesehen genügend Ärzte jeder Fachrichtung. Im Gegensatz zu Flächenländern wie Niedersachsen ist der Stadtstaat in Teilen sogar überversorgt. In Bremerhaven und Bremen-Nord allerdings ist die tatsächliche Situation eine andere. Deshalb bekommen Hausärzte, die sich dort niederlassen, Förderung von der Kassenärztlichen Vereinigung.

  • In Bremerhaven gibt es Investitionshilfen für Hausärzte. Bis zu 60.000 Euro bekommen sie, um ihre Praxis auszustatten.
  • In Bremen-Nord bekommen junge Ärzte finanzielle Unterstützung für ihre Ausbildung zum Facharzt.

Für Kinderärzte gibt es diese Förderung allerdings nicht. Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, sieht den Ärztemangel als gesellschaftliches Problem – und finanzielle Anreize allein würden dieses nicht lösen. Schließlich könne niemand gezwungen werden, seine Praxis aus der Innenstadt nach Bremen-Nord zu verlegen.

Wir allein können Bremen-Nord nicht attraktiver machen.

Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen

So locken andere Bundesländer

Wer in strukturschwachen, meist ländlichen Regionen Ärzte für sich gewinnen will, muss sich anstrengen. Neben den finanziellen Anreizen für niedergelassene Ärzte, bemühen sich Städte und Gemeinden um kreative Lösungen: Sie werben beispielsweise mit niedrigen Mieten für Praxisräume, sichern Hilfe bei der Renovierung zu oder locken mit Kindergarten-Plätzen für den Nachwuchs der potenziellen Ärzte.

Bremen-Blumenthal aus der Luft gesehen (Archivbild)
Bremen-Nord gilt als sozialer Brennpunkt. Eine gestiegene Geburtenrate und Flüchtlinge, die in den Bezirk gezogen sind, sorgen für mehr Arbeit bei den Kinderärzten. Bild: DPA | blickwinkel

Das Borromäus Hospital im ostfriesischen Leer geht einen anderen Weg: Hier werden offensiv spanischsprachige Ärzte umworben: Es gibt eine extra eingerichtete Webseite, einen Ärztestammtisch für die neuen Kollegen und ein Mentorenprogramm. Außerdem bekommen die Ärzte aus dem Ausland Sprachkurse während der Arbeitszeit. Vor allem Südamerikaner, die zuvor in Spanien praktiziert hatten, sind bisher nach Leer gekommen. Und sie sind nicht allein: Bundesweit hat sich die Zahl der ausländischen Ärzte innerhalb von sieben Jahren mehr als verdoppelt. 2016 zählte die Bundesärztekammer gut 41.500 ausländische Ärzte – das waren elf Prozent der Ärzteschaft.

Vorschläge für Reformen

Weil ausländische Ärzte auf Dauer den Mangel in Deutschland nicht ausgleichen können, fordern die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung Reformen bei der Ausbildung von Medizinern. Sie wollen ...

  • ... den Numerus Clausus als Zugangsbeschränkung abschaffen. Der regelt bisher, dass meist nur die Besten eines Abitur-Jahrgangs Medizin studieren dürfen.
  • ... mindestens 1.000 zusätzliche Studienplätze.
  • ... mehr praktische Anteile in der Ausbildung, gerne auch speziell in ländlichen Gebieten.
Bei einem Jungen wird die Körpertemperatur gemessen.

Johannes Schenkel, ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland, schaut aus Patientensicht auf den Ärztemangel: Auch er ist sich sicher, dass Geld alleine das Problem nicht lösen wird. "Deshalb muss man auch neue Versorgungsstrukturen denken", sagt er und meint damit die Unterscheidung zwischen Ärzten in Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten. Den Patienten sei es letztlich egal, wo sie behandelt werden. Wo sich kein Hausarzt mehr niederlassen will, kann er sich deshalb auch eine Versorgung im Krankenhaus vorstellen. "Darüber müssen wir offen nachdenken", so Schenkel.

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Oktober 2017, 19:30 Uhr