Fragen & Antworten

Corona-Fälle an Bremer Schulen: Wie ansteckend sind Kinder wirklich?

Kaum sind die Ferien zu Ende, gibt es an zwei Bremer Schulen Corona-Fälle. Der Grat, auf dem die Entscheidungen zum Schulbetrieb getroffen werden, ist schmal.

Ein Kind bei einem Corona-Test.
Zur Frage, wie infektiös Kinder sind, gibt es zwar viele wissenschaftliche Studien, aber keine eindeutige Antwort. Bild: Imago | UIG

Mit dem Schulstart in Bremen kam auch die Rückkehr zum Regelbetrieb. Die Abstandsregeln fallen weg, Schülerinnen und Schüler werden in festen Gruppen unterrichtet. So sieht es das Rahmenkonzept der Bildungsbehörde vor.

Auch in anderen Bundesländern läuft der Schulbetrieb, die ersten Coronafälle sind bekannt. Und ganz Deutschland diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen Schule überhaupt möglich ist. Dabei geht es auch um ein Abwägen zwischen Bildung auf der einen und Sicherheit auf der anderen Seite. Ein schmaler Grat, wie diese Antworten auf wichtige Fragen zeigen.

Bei der echten Grippe, der Influenza, sind die Kinder diejenigen, die die Viren in der Bevölkerung sehr stark verbreiten. Das ist bei den Coronaviren offensichtlich nicht der Fall.

Stefan Trapp, Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Bremen
Wie infektiös sind Kinder?
Die Frage ist aktuell nicht eindeutig zu beantworten. Aus virologischer Sicht zeigt sich zunächst einmal, dass sich die sogenannte Viruslast bei Kindern kaum von der bei Erwachsenen unterscheidet. Mit Viruslast ist die Menge an infektiösen Viren, die an Covid-19 infizierte Personen im Rachen und Atem haben, gemeint. Darauf weist die Gesellschaft für Virologie hin, zu der auch Christian Drosten von der Berliner Charité gehört.

Allerdings muss das nicht automatisch bedeuten, dass Kinder genauso viele Menschen anstecken wie Erwachsene. "Wie infektiös Kinder sind, hängt ja nicht nur von der Viruslast ab, sondern auch davon, wie stark der Hustenstoß ist, wie viele Aerosole die Kinder produzieren. Das ist dann keine virologische, sondern eine epidemiologische Fragestellung", sagt Stefan Trapp vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Bremen.

Auch er weist daraufhin, dass man eine hundertprozentige Aussage zu der Frage, wie infektiös Kinder sind, noch nicht treffen können, da die meisten Studien unter Lockdown-Bedingungen entstanden seien. Wichtig aber sei die Tatsache, dass es bislang keinen Hinweis dafür gebe, dass Kinder der sogenannte Treiber der Infektion sind.

Dem schließt sich auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer an: "Bei anderen Krankheiten sind Kinder oft die Superspreader. Das sieht man beim Coronavirus so nicht". Allerdings stehe fest, dass Kinder infektiös seien, gibt er zu bedenken. "Kinder stecken sich an und können Überträger sein."

Diese Meinung vertritt auch die Bremer Infektiologin Christiane Piepel. Mit Blick auf die bisherigen Studienergebnisse lässt sich für sie allerdings eine vorsichtige Tendenz ausmachen: "Erfreuerlichweise wirkt es bislang so, als würden Kinder nicht massiv Erwachsene anstecken. Woran genau das liegt, wissen wir aber noch nicht", so Piepel.

Einigkeit gibt es unter den Expertinnen und Experten bei der Frage, wie gefährlich das Virus für Kinder ist: "Das Risiko für Kinder und auch für Jugendliche, schwere Verläufe der Covid-Erkrankung zu zeigen, ist geringer als bei Erwachsenen und insbesondere als bei älteren Menschen. Das wissen wir sicher", sagt Trapp.

Kinder in der Kita und der Grundschule sind nicht sehr ansteckend. Wenn man bei ihnen die Infektionsketten verfolgt, dann stellt man häufig fest: Ein Erwachsener hat das Coronavirus in die Kita oder Grundschule hineingebracht.

Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin
Was sagen die bisherigen Studienergebnisse?
Aktuelle Studien zeigen, dass das Alter der Kinder eine Rolle im Bezug auf die Ansteckungsgefahr spielt: "Es scheint sinnvoll zu sein, eine Unterscheidung zumindest zwischen Jugendlichen und Kindern zu machen", sagt Kinderarzt Trapp. "Wo genau die Grenze ist, wissen wir nicht. Man kann aber schon mit einer ziemlichen Sicherheit sagen, dass Kinder bis zehn Jahre relativ wenig ansteckend sind, nach den meisten Erkenntnissen, die wir haben." Dem schließt sich Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) an: "Kinder in der Kita und der Grundschule sind nicht sehr ansteckend. Wenn man bei ihnen die Infektionsketten verfolgt, dann stellt man häufig fest: Ein Erwachsener hat das Coronavirus in die Kita oder Grundschule hineingebracht."

Diese Aussagen decken sich mit den Beobachtungen von drei US-Forschern. In einem Beitrag für das "New England Journal of Medicine" weisen sie daraufhin, dass Covid-19-Ausbrüche an weiterführenden Schulen in Frankreich und Israel nicht auf benachbarte Grundschulen übersprangen. Im Hinblick auf die aktuelle Datenlage machen sie in ihrem Beitrag allerdings auch deutlich, dass Kinder unter zehn Jahren zwar seltener infiziert werden als Erwachsene, dass aber weniger klar sei, wie ansteckend sie im Vergleich zu erwachsenen Personen sind. Laut Forscherteam liegt das unter anderem daran, dass einige der relevanten Studien durchgeführt wurden, als die Schulen geschlossen waren.

Laut Mediziner Trapp ist es vor allem wichtig, zu beobachten, was nach der Schulöffnung passiert. Eine Studie dazu gibt es aus Sachsen: Dort wurden nach der Wiederöffnung der Schulen im Frühjahr rund 2.600 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte untersucht und auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 getestet. "Es ging darum, herauszufinden, ob es nach der Wiederöffnung gehäuft Übertragungen gegeben hat – das hat sich nicht bestätigt. Die Öffnung der Schulen hatte überhaupt keinen Effekt", so Trapp. Insgesamt wurden lediglich bei 14 Teilnehmern der Studie Antikörper nachgewiesen.

Für Virologe Dotzauer lässt aber auch dieses Ergebnis Zweifel offen: "Wir wissen ja, dass die Antikörper-Produktion ein großes Rätsel ist. Kinder infizieren sich vielleicht nicht so stark wie Erwachsene, das sieht man ja auch an den schwachen Symptomen, die sie zeigen." Möglicherweise würde die Immunreaktion und damit die Antikörper-Produktion dann gar nicht so sehr angeregt, dass sie nachweisbar ist. "Das bedeutet aber nicht, dass die Kinder nicht infektiös sind oder waren."

Für Infektiologin Piepel zeigen die unterschiedlichen Studienergebnisse auch ein generelles Problem dieser Pandamie auf: "Man muss jetzt mit relativ viel Unwissenheit beziehungsweise mit unklarer Datenlage relativ weitreichende Entscheidungen treffen." Bei Corona handele es sich um eine neue Erkrankung, über die man erst im Laufe der Zeit noch mehr lernen werde. "Nicht nur die Schulöffungen, insgesamt ist alles gerade eine Art Experiment."

Man muss jetzt mit relativ viel Unwissenheit beziehungsweise mit unklarer Datenlage relativ weitreichende Entscheidungen treffen.

Christiane Piepel, Infektiologin
Welche Erfahrungen haben andere Bundesländer und Staaten mit der Schulöffung gemacht?
In Schleswig-Holstein gibt es laut Bildungsministerium inszwischen an mindestens 16 Schulen Corona-Infizierte oder Verdachtsfälle. Auch an Schulen in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen wurden bereits Fälle gemeldet. Komplett geschlossen wurden die Schulen aber in der Regel nicht, sondern stattdessen die jeweilige Klasse der betroffenen Kinder in Quarantäne geschickt.

Schaut man auf andere Länder in und außerhalb von Europa ergibt sich ein unterschiedliches Bild: In Dänemark, Finnland und Belgien, in Taiwan und Singapur haben Schulöffnungen nicht zu steigenden Infektionszahlen geführt. Allerdings galten und gelten dort auch überall Distanzregeln. Hinzu kommt, dass dort die Übertragungsraten in der Allgemeinbevölkerung sehr niedrig waren, darauf weisen die US-Forscher in ihrem Beitrag für das "New England Journal of Medicine" ausdrücklich hin. Kinderarzt Trapp nennt in diesem Zusammenhang zwei Beispiele: "In Schweden, wo die Grundschulen die ganze Zeit über geöffnet waren und es keinerlei Einschränkungen im Unterricht gab, wie etwa eine Maskenpflicht, ist es zu keinen Ausbrüchen rund um die Schulen gekommen." Es gebe aber auch Länder, wie zum Beispiel Israel, wo die Schulen geöffnet wurden und die Zahlen angestiegen seien. "Dort waren aber bereits die Infektionsraten in der Allgemeinbevökerung hoch. Man kann also nicht sagen, dass dies von den Schulen ausgegegangen ist."

Was raten die Experten zum Schulstart in Bremen?
Die Kinderärzte Trapp und Huppertz sind sich einig: Die Schulöffnung ist ein richtiger und wichtiger Schritt: "Die drei Monate Lockdown haben gravierende Folgen für einzelne Kinder gehabt, vor allem für diejenigen, die sowieso schon gefährdet sind, weil sie in schwierigen sozialen Verhältnissen leben", sagt Trapp. Beide Mediziner betonen allerdings, dass die Schulöffnung unter bestimmten Bedingungen erfolgen muss. Zu den von ihnen empfohlenen Maßnahmen zählen unter anderem das sogenannte Kohortenprinzip, wie es das Rahmenkonzept der Bremer Bildungsbehörde vorsieht.

Damit ist gemeint, dass Schülerinnen und Schüler in festen Gruppen unterrichtet werden und sich untereinander nicht vermischen dürfen. Maskenpflicht im Unterricht lehnen beide ab, sprechen sich aber für das Tragen von Masken auf dem Pausenhof und im Bus aus. "Wenn die Schülerinnen und Schüler im Klassenraum sitzen, können sie die Maske abnehmen, denn dann ist ja um sie herum genügend Platz", sagt Huppertz. Er und weitere Mitglieder der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin haben einen Maßnahmenkatalog für die Aufrechterhaltung des Regelbetriebes in Kitas und Schulen entwickelt. Dort wird zusätzlich auch regelmäßige Handhygiene und stündliches Lüften empfohlen.

Infektiologin Piepel tut sich mit einer Empfehlung bezüglich der Maskenpflicht im Unterricht schwer: "Auch hier geht es wieder darum, abzuwägen: Wenn die Kinder jetzt die ganze Zeit Masken tragen, muss man auch fragen, inwiefern sie das beeinträchtigt, zum Beispiel ihre Aufmerksamkeit und ihr Lernverhalten. Es ist ja nicht alles nur Schutz, sondern hat in gewisser Weise auch negative Auswirkungen." Sie sei gespannt, was am Ende bei den unterschiedliche Regelungen der einzelnen Bundesländer herauskomme. "Momentan kann ich weder in die eine noch in die andere Richtung sagen, dass ich hundertprozentig sicher bin, dass es genau so sein muss", so Piepel.

Virologe Dotzauer dagegen spricht sich klar für eine Maskenpflicht im Unterricht aus: "Das Virus repliziert sich, es wird ausgeschieden. Um die Zahlen, auch innerhalb der Schülerschaft, gering zu halten, sollten Masken im Unterricht getragen werden." Er fordere natürlich nicht, dass Kinder morgens ihre Maske aufziehen und sie bis mittags um 13 Uhr aufbehalten müssten, so Dotzauer. "Die Unterrichtsstunden sollte man auf 30 Minuten reduzieren und längere Pausenzeiten einführen."

Insgesamt hält er auch die Schulöffnung für notwendig und sinnvoll, allerdings von einem gesellschaftlichen Standpunkt aus: "Aus rein virologischer Sicht ist natürlich die sicherste Maßnahmen, die Schulen wieder zu schließen. Ansteckungswege unterbrechen, das ist es, was passieren muss, solange wir nichts anderes haben. Und durch Schulschhließungen würde man natürlich Ansteckungswege unterbrechen, verhindern, blockieren."

Im Moment wisse man aber nicht, wie lange die aktuelle Situation noch andauere, das könnten noch ein oder zwei Jahre sein, so Dotzauer. "So lange können Sie die Schule nicht schließen und alles nur noch über digitale Medien machen. Das würde nicht funktionieren."

Für die Kinder sei das nicht zumutbar, sagen die beiden Mediziner Trapp und Huppertz. Und aus epidemiologischer Sicht auch nicht sinnvoll. Mit den entsprechenden Maßnahmen sehen sie in der Schulöffnung kein Problem.

Und sie empfehlen, wie auch Virologe Dotzauer und Infektiologin Piepel, regelmäßige Tests - gerade jetzt, wo viele Kinder aus dem Sommerurlaub zurück in die Schule kommen: "Es ist wichtig, dass wir die Schulöffnung mit regelmäßigen Untersuchungen begleiten", sagt Trapp. Dabei gehe es darum, sinnvoll systematisch zu testen, wie dies etwa bei der Grippe der Fall sei: "Da wird einfach immer die Hintergrundaktivität gemessen, indem zwei Praxen in Bremen jeden Montag bei bestimmten Patienten einen Abstrich machen." Dies sei auch an Schulen möglich. Eine geeignete Teststrategie für die Schulen in Bremen wird laut Bildungsressort zurzeit erarbeitet.

Wie digital wurde der Unterricht durch Corona?

Video vom 19. Juni 2020
Zwei Mädchen sitzen am Esstisch und machen ihre Hausaufgaben mithilfe eines Laptops.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. August 2020, 19:30 Uhr