Verkehrswacht schlägt Alarm: Kinder können nicht Rad fahren

Bremens Verkehrserzieher machen sich große Sorgen: Immer weniger Kinder sind sicher auf dem Rad unterwegs – ausgerechnet in der Fahrradstadt Bremen.

Vater bringt Tochter Radeln bei
Immer weniger Eltern bringen ihren Kindern Radfahren bei. Bild: DPA | Andrea Warnecke

In manchen Bremer Schulklassen, so die Landesverkehrswacht Bremen, sind es nicht einmal mehr zehn Prozent der Schüler, die in der Lage sind, sich sicher auf einem Fahrrad fortzubewegen. Ein Trend, den die Verkehrswacht stoppen will. Sie holt deshalb heute Experten und Verantwortliche im Weserstadion an einen Tisch, um gemeinsam Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Böse Überraschung bei der Verkehrserziehung

Fahrradkurs
Kinder müssen fit gemacht werden, um im Straßenverkehr sicher unterwegs zu sein.

Die Radfahrausbildung der Verkehrswacht hat im Stundenplan der Grundschule einen festen Platz. Für die abschließende Fahrradprüfung müssen die Kinder in engen Schlangenlinien Kegel umfahren, gebückt unter einer Stange hindurchdurch und dann über eine Wippe.

Wie die Viertklässler der Grundschule an der Stichnahtstrasse in Bremen-Kattenturm: Drei der Kinder aus der Klasse 4b haben arge Probleme. Ihnen ist anzusehen, dass sie ihr Fahrrad bisher kaum gefahren haben. Aber immerhin haben alle Kinder ein Fahrrad und können es lenken – und haben schließlich auch allesamt die Prüfung geschafft. Das ist eher die Ausnahme, berichtet der Verkehrspolizist Hein Dobberkau: "Die Kinder waren sehr gut. Das hat man selten. Normalerweise ist es so, dass die grottenschlecht sind."

Viele sind nie Fahrrad gefahren. Und dann ist das so, dass ein Tag vorher ein Fahrrad gekauft wird, damit sie überhaupt teilnehmen können hier.

Polizist Verkehrserziehung
Hein Dobberkau, Polizei Bremen

Note 6 in Verkehrssicherheit

Jede Woche sind die Polizisten und ehrenamtlichen Helfer von der Verkehrswacht an anderen Schulen unterwegs, um die im Schnitt zehnjährigen Kinder auf die Fahrradprüfung vorzubereiten. Was sie an einigen Schulen erleben, ist erschreckend, meint Ralf Spörhase, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht Bremen. Im Verkehrsunterricht erst Fahrrad fahren zu lernen, sprenge den zeitlichen Rahmen des Fahrradführerscheins. Ralf Spörhase erinnert sich mit Schrecken an die letzten Verkehrsprojekttagen an Schulen im Bremer Westen: ""Da waren in fünften und sechsten Klassen teilweise nur zehn Prozent der Kinder sicher mit dem Fahrrad unterwegs". Nur die Wenigsten konnten die Übungen sicher absolvieren.

Viele Kinder haben heutzutage motorische Schwierigkeiten.

Ralf Spörhase
Ralf Spörhase, Landesverkehrswacht Bremen e.V.

Radfahren lernt man durch Rad fahren

Viele Kinder werden bewegt anstatt sich selbst zu bewegen. Vor der Schule an der Stichnahtstraße stauen sich die Autos von Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen. Die Grundschule bildet da keine Ausnahme. Dieses Phänomen spielt sich vor vielen Schulen ab, berichtet die Klassenlehrerin der 4b in Kattentrum, Katja Rimkus. Das sei der Hauptgrund dafür, dass viele Kinder nicht mehr richtig  Fahrradfahren lernen, meint sie.

Viele Eltern denken, es ist sicherer, ich bringe mein Kind mit dem Auto vor die Schule. Ich glaube aber, dass ein Kind an Selbständigkeit und Sicherheit nur gewinnt, wenn es das auch praktisch tut. Und dazu gehört das Fahrradfahren zur Schule.

Lehrerin Katja Rimpkus
Katja Rimkus, Lehrerin einer 4. Klasse

Die Klagen der Lehrer, Polizisten und der Verkehrswacht sind mittlerweile auch bei der Bildungssenatorin angekommen. Eine richtige Lösung für das Problem hat Claudia Bogedan (SPD) allerdings noch nicht gefunden.

Der Staat kann nicht der Ausfallbürge werden für alles, was in der Gesellschaft so nicht mehr funktioniert.

Senatorin Claudia Bogedan
Claudia Bogedan, Bildungssenatorin (SPD)

Helikoptereltern tun ihren Kindern keinen Gefallen

Dass viele Kinder nicht mehr Radfahren können, sieht Bogedan nur als ein Symptom eines größeren Problems: Manche Kinder sind ihrer Meinung nach überbehütet, andere wiederum vernachlässigt. Und sie beobachtet, dass immer weniger Einschulungskinder das an Kompetenzen mitbringen, was erwartbar sein sollte: "Dazu gehört das Schwimmen, dazu gehört das Fahrradfahren, eine Schere mitzubringen oder mit einem Stift ordentlich umzugehen." Verkehrserziehung sei ein ganz wichtiger Baustein, so Bogedan.

Denn am Ende kann das Leben retten. Und dazu gehört auch, sich selbständig im Verkehr zu bewegen – und Fahrrad ist einfach ein wichtiges Vehikel dazu

Senatorin Claudia Bogedan
Claudia Bogedan, Bildungssenatorin (SPD)

Bogedan Plädoyer lautet deshalb: Alle müssen an einem Strang ziehen, damit die Kinder am Ende nicht buchstäblich auf der Strecke bleiben. Entsprechend nimmt auch sie am Symposium "Verkehrsprävention an Bremer Schulen" der Verkehrswacht teil.

Auch Polizei sieht Entwicklung mit Besorgnis

Kinder dürfen ab dem 10. Lebensjahr nicht mehr auf dem Bürgersteig fahren, sondern müssen auf die Straße. Das ist für sie und andere Verkehrsteilnehmer ohnehin schon gefährlich. Und wem das als Grund nicht reicht: Es gibt auch noch andere positive Randaspekte des Radfahrens, ergänzt der Polizist Hein Dobberkau: Gerade in Hinblick auf die jetzige Umweltsituation sollten wir schon mehr auf CO2 achten. Außerdem hält Radfahren fit und man wird nicht so dick."

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  • Hanna Möllers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Mai 2019, 19:30 Uhr