Interview

Corona-Krise in Bremen: "Viele Eltern sind wütend und enttäuscht"

Kein Konzept, keine Hilfen, schlechte Kommunikation: Die Regierung habe Familien in der Coronakrise vergessen, kritisieren zwei Bremer Wissenschaftlerinnen. Was fordern sie?

Kinder einer Kindertagesstätte, vorne ist ein Begrüßungsschild zu sehen (Symbolbild)
Bremer Kinder können derzeit im eingeschränkten Regelbetrieb zurück in ihre Kita – doch wie lange geht das gut? Bild: DPA | Rolf Vennenbernd

Nicht nur im Freundes- und Bekanntenkreis, auch in den sozialen Netzwerken machten viele Eltern Ende Mai 2020 ihrem Ärger über die Entscheidungen der Bremer Regierung Luft:

Wir dürfen uns also mit 20 oder 50 Personen treffen? Mit Hygienekonzept? Aber meine Kinder dürfen immer noch nicht in die Schule oder den Kindergarten? In der Klasse sind sie 18 Kinder und immer die selben Kinder. Wir könnten aber jeden Tag zu einem Treffen gehen mit unterschiedlichen Personen? Die Logik erschließt sich mir nicht. Das ist das erste mal das ich mich über eine Lockerung wirklich ärgere.

Melanie Krämer auf Facebook

Im Zuge erneuter Lockerungen der Corona-Beschränkungen reihte sich die Erlaubnis zu privaten Feiern mit bis zu 50 Personen für viele Eltern in eine Vielzahl von Enttäuschungen und Ärgernissen ein. Viele fühlten sich im Stich gelassen und von der Politik vergessen. Ja zur Bundesliga, nein zu normalem Kinder- und Familienalltag – wie kann das sein, fragten sich nicht nur viele Eltern. Auch die Bremer Soziologinnen Katharina Lutz und Sonja Bastin haben im Zuge ihrer Forschung Debatten rund um die fehlenden Hilfen für Bremer Eltern geführt und konkrete Hilfen gefordert. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte lud die beiden Wissenschaftlerinnen daraufhin zu einer Diskussionsrunde in das Rathaus ein. Nach dem Treffen zeigt sich Familien- und Lebenslaufsoziologin Katharina Lutz zuversichtlich.

Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat Sie zu einer Diskussion Ihrer Vorschläge ins Rathaus eingeladen. Wie ist das Treffen verlaufen?
Wir gehen positiv aus dem Gespräch heraus. Wir konnten viele unserer Punkte deutlich machen und haben klar gemacht, dass Familie und Kinder eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Der Bürgermeister und die Senatorin für Frauen, Claudia Bernhard, waren sehr aufgeschlossen und wir sind gespannt, ob, und wenn ja, was jetzt passiert. Unsere Mindestanforderung wäre, dass die Politik in Zukunft auch die Meinungen verschiedener Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen einholt.
Wie haben Kinder diese Zeit erlebt?
Ihnen fehlten gleichaltrige Kontakte und auch die sonstige Infrastruktur für Kinder ist ja geschlossen worden, kein Kinderturnen, keine Bibliotheksbesuche, kein Zoo, Schwimmbad oder Spielplatz. Gerade für Kinder in engen Wohnungen ohne Garten war das ein großes Problem.
Im Moment gibt es den erweiterten Regelbetrieb in den Kitas und Schulen. Das bedeutet für die Kitas, dass alle Kinder wieder in ihre Einrichtung können. Die Kita muss aber nur 20 Stunden anbieten. Für viele Familien, die eigentlich mit einem größeren Stundenumfang geplant hatten, bleibt also ein Betreuungsengpass bestehen.
Wie benoten Sie die Arbeit der Bremer Politik in Zeiten von Corona im Hinblick auf die Unterstützung von Familien und warum?
Schulnoten zu vergeben, finde ich ganz schwierig. In den ersten Wochen ist praktisch nichts passiert. Ich glaube, in der Schule kriegt man eine 6, wenn man gar nichts macht. Jetzt wird es langsam etwas besser. Es werden zumindest einige Punkte behandelt: Digitalisierung in den Schulen, Teststrategien in den Einrichtungen, der Bremen-Fonds scheint die Belastung der Frauen zu berücksichtigen, es ist aber noch lange nicht "befriedigend". Vielleicht ist es aber auch nur die Kommunikation und es liegen viele Konzepte bereit, die noch nicht veröffentlicht wurden.
Welche Sorgen von Bremer Eltern sind Ihrer Ansicht nach besonders untergegangen und welche Folgen hatte das?
Die Eltern fühlten sich vergessen. Es gab keine Lösungen und in den vielen Pressekonferenzen tauchten Kinder und Familien lange nicht auf. In meinem Umfeld fing es mit dem Beginn der Lockerungen an, dass Eltern ihr Vertrauen in die Politik verloren haben. Es wurden nach und nach immer mehr Dinge geöffnet und viele Kinder saßen weiter isoliert zu Hause. Die privaten Feiern, die Fitnesstudios, die Bundesliga – das haben viele Eltern nicht mehr verstanden. Eltern sind wütend und enttäuscht. Über Jahre wurde politisch und gesellschaftlich vermittelt, dass eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist, aber jetzt hat die Politik deutlich gezeigt: Wenn es hart auf hart kommt, lassen wir Euch fallen. Diese Botschaft ist bei den Eltern angekommen.
Welchen Umgang hätten Sie sich stattdessen gewünscht?
Was ich mir als Elternteil gewünscht hätte, wäre eine größere Wertschätzung dessen, was Eltern in der Krise leisten und einen Hinweis schon früh in der Krise wie zum Beispiel: "Wir kümmern uns". Stattdessen kamen keine Lösungen außer eine immer weitere Öffnung der Notbetreuung und irgendwann eine Öffnung der Spielplätze. Stets mit dem Hinweis: Nutzt es eigenverantwortlich – vielleicht ist es doch nicht sicher.
Und was hätten Sie sich aus wissenschaftlicher Sicht gewünscht?
Als Soziologin und Ungleichheitsforscherin hätte ich mir ebenfalls eine Anerkennung der Sorgearbeit gewünscht und den Hinweis an alle, dass diese Arbeit für uns alle existenziell notwendig ist. Es ist eine politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Eltern zu unterstützen, um bestehende Ungleichheiten nicht noch zu vergrößern. Diese Ungleichheiten zwischen Personen mit und ohne Sorgeaufgaben, die schon vor der Krise bestanden, haben sich nun verstärkt. Auch die langfristigen Folgen, die die Krise für die Erwerbs-, Bildungs- und Lebensverläufe von Eltern und Kinder hat, müssen sichtbar gemacht und aufgefangen werden. Die Bundes- und Landespolitik hätte sehr schnell einen "Familiengipfel" einberufen und Expertinnen und Experten anhören müssen.
Welche drei Probleme von Familien müssten aus Ihrer Sicht am schnellsten angegangen werden?
Aktuell beschäftigt die Eltern die ungeklärte Situation bei Erkältungskrankheiten der Kinder. Es ist zwar eigentlich bereits behördlich festgelegt, dass Schnupfen kein Corona-Symptom ist und die Kinder nicht wegen Schnupfens zu Hause bleiben müssen oder gar ein ärztliches Gesundheitsattest vorweisen müssen, aber trotzdem gibt es dort Ärger zwischen Eltern, Einrichtungen und Kinderärzten. Bei Husten sollen Kinder zu Hause bleiben. Das macht vielen Eltern Sorgen, denn gerade Kleinkinder schnupfen und husten im Herbst und Winter über Monate. Wie soll das aufgefangen werden? Jedes Elternteil kann sich wegen Krankheit des Kindes bis zu zehn Tage im Kalenderjahr krank schreiben lassen und erhält dann Krankengeld. Die zehn Tage sind in dieser Erkältungszeit schnell verbraucht. Das wäre ein Punkt.
Aktuell stehen die Sommerferien vor der Tür...
Bisher wurde kein Plan für die Zeit nach den Sommerferien bekannt gegeben. Es wird wahrscheinlich weiter einen eingeschränkten Betrieb geben, aber was ist, wenn es lokale neue Infektionen, Infektionen in der jeweiligen Einrichtung oder gar eine "Zweite Welle" gibt? Eltern haben Angst, dass nach den Sommerferien alles wieder von vorne los geht. Es muss ein Plan B und C für die nächsten Monate her. Wie sollen die Eltern die Betreuung bei einer erneuten Schließung leisten - Urlaubstage und Überstundenkonten sind längst aufgebraucht. Wie können Kinder soziale Kontakte aufrecht erhalten und lernen?
Wie gut wird derzeit Familien geholfen, deren Mitglieder einer Risikogruppe angehören?
Hier muss es Alternativen geben. Diese Familien wollen oder können ihre Kinder nicht in die Betreuung oder die Schule geben. Bisher gibt es aber kein Konzept für diese Gruppe. Sie können nicht einmal die staatliche Lohnfortzahlung aus dem Infektionsschutz nutzen, da es ihnen ja theoretisch frei steht, das Kind in die Betreuung zu schicken.

Rückblick: Kitas öffnen in Bremen – Das erwartet Eltern und Kinder

Video vom 9. Juni 2020
Petra Katzorke der zentralen Elternvertretung Bremen im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 10. Juli 2020, 14:10 Uhr