Warum in Bremen Häuser in Toplage verrotten

Die sogenannten Kaisenhäuser stehen mitten im Grünen. Der Haken: Sie dürfen nicht mehr bewohnt werden. Hunderte fallen in Bremen nach und nach auseinander.

Video vom 31. Juli 2020
Ein Kaisenhaus im Bremer Westen mit viel Grün durmherum.
Bild: Radio Bremen

Die Immobilienanzeige würde wohl so lauten: Haus mit Blick auf das Hollerland direkt am Maschinenfleet günstig abzugeben. Rund 160 Quadratmeter Wohnfläche, Garage und Schuppen vorhanden, 1.000 Quadratmeter Gartengrundstück. Tatsächlich wäre das aber nur scheinbar ein gutes Geschäft. Denn die Sache hat einen Haken.

Dieses Kaisenhaus im Gebiet des Kleingartenvereins Mittelwischweg in Gröpelingen darf seit dem Umzug seiner Bewohnerin vor zwei Jahren ins Altenheim nicht mehr bewohnt werden. Einen Abriss auf Kosten der Stadt hat das Bauordnungsamt abgelehnt. Der Sohn heizte im ersten Winter noch. Jetzt hat er keine Lust mehr auf das Haus, heißt es. Hilflos gucken die Kleingärtner zu, wie es förmlich auseinanderfällt.

Verpachtung ist zu riskant

Hans Senkpiel ist Fachberater im Kleingartenverein Mittelwischweg. Er fährt mit der Hand einen dicken Setzriss im Mauerwerk ab: "Da kann ich schon meinen ganzen Finger reinstecken. Das Haus zieht sich immer mehr auseinander, und dann kommt die ganze Feuchtigkeit da rein."

Notdürftig haben die Kleingärtner versucht, den Riss zu füllen. Das Gebäude im Stil eines typischen Bremer Siedlungshauses steht in ihrem Kleingartengebiet. Und Senkpiel ist sicher: Noch ist das Haus zu retten. Aber es muss umgehend etwas getan werden.

Interessenten gibt es – aber der Verein zögert

Es gibt mehr als dreißig Interessenten für das Haus, berichtet der Vereinsvorsitzende Rolf Heide. Aber der Verein zögert, es zu übernehmen und zu verpachten. "Die Politik müsste das Bauordnungsamt anweisen, dass wir das Haus verpachten können und uns gleichzeitig garantieren, dass wir in ein paar Jahren nicht vielleicht auf den Abrisskosten sitzenbleiben." Das Bauordnungsamt, so Heide, habe aber genau das abgelehnt.

Die Kosten für den Abriss eines so großen Kaisenhauses mit Schuppen und Garage liegen ihm zufolge bei 30.000 Euro: "So ein Risiko kann ich meinem Verein nicht als Bürde ans Bein binden", sagt Heide. Ergo passiert momentan nichts. Und der nächste Winter bedroht die Bausubstanz des Kaisenhauses direkt am Wasser.

Politik ist sich nicht einig

Ralf Schumann von den Linken ist beim Ortstermin mit buten un binnen dabei. Er findet, dass die Vereine intakte Kaisenhäuser ohne die Kostenfalle Abriss an neue Bewohner verpachten können sollten. "Die Abbruchverpflichtung sollte meiner Meinung nach bei der Stadt bleiben. Wenn die Häuser gut in Schuss sind, kann das ja noch Jahrzehnte so weitergehen und alle sind glücklich."

Kleingartenverein und Kaisenhäuser Luftaufnahme
Über die Jahre wurden aus Lauben Wohnhäuser. Vor 75 Jahren boten die Kaisenhäuser für Zehntausende Bremer das einzige Dach über dem Kopf. Bild: Radio Bremen

Der Baupolitiker hält ohnehin viel davon, Wohnen im Grünen für alle wieder zu erlauben: "Schauen Sie sich im Sommer doch einmal in den Kleingartengebieten Bremens um", sagt er. "Dann sehen Sie doch, wer in der schönen Zeit ohnehin schon mehr oder minder dauerhaft hier wohnt – und das nicht nur in den ehemaligen Kaisenhäusern."

Die Idee vom freien Wohnen nur in alten Kaisenhäusern macht Silvia Neumeyer CDU hingegen absolut nicht glücklich: "Das wäre ungerecht, wenn man den Kleingärtnern sagt: Ihr dürft da nicht wohnen, aber die anderen dürfen das." Außerdem fehle die Infrastruktur, beispielsweise Abwasserleitungen. Der Ansatz der stellvertretenden Sprecherin der Baudeputation entspricht auch dem Bundeskleingartengesetz, das Wohnen in Kleingartengebieten grundsätzlich nicht zulässt.

Schauen Sie sich im Sommer doch einmal in den Kleingartengebieten Bremens um. Dann sehen Sie doch, wer in der schönen Zeit ohnehin schon mehr oder minder dauerhaft hier wohnt.

Ralf Schumann, Bauexperte der Linkspartei

Mit dem historisch begründeten Bremer Sonderweg sei doch zudem geklärt, dass kein Kaisenhausbewohner ausziehen müsse, sagt Neumeyer: "Grundsätzlich muss der Senat erst einmal seine Hausaufgaben machen und den seit Jahren ausstehenden Kleingartenentwicklungsplan vorlegen. Dann kann man ja über vieles reden – zum Beispiel über die Umwidmung von Gebieten zu Ferienwohngebieten."

Kein kleines Problem

Das Problem ist kein kleines: 1.100 Kaisenhäuser gibt es laut Bauressort in Bremen. Geschätzt 500 seien noch bewohnt. "Ziel ist es eigentlich, die Häuser zu erhalten, Absprachen zu treffen mit den jeweiligen Kleingartenvereinen, um sie dann für eine kleingärtnerische Nutzung heranziehen zu können", sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts.

Ruine eines ehemaligen Kaisenhauses im Grünen hinter einem Bauzaun
Der Etat für den Abriss unbewohnter und baufälliger Kaisenhäuser reicht nicht. Die Zahl der Ruinen wächst. Bild: Radio Bremen

Er weiß um den ausstehenden Kleingartenentwicklungsplan, der auch die Zukunft der intakten Kaisenhäuser klären könnte. Mit der neuen Geschäftsführung des Landesverbandes der Kleingärtner will das Bauressort die eingefahrenen Gespräche in den kommenden Monaten wieder aufnehmen, sagt Tittmann.

Die Zahl der Ruinen wächst

Ist aus einem unbewohnten Kaisenhaus wie dem am Klarapfelweg erst eine Ruine geworden, muss die Stadt es eigentlich abreißen. Das bestätigt auch Jens Tittmann: 350 Häuser sind schon weg. Aber auch Tittmann bestreitet nicht, dass der Abriss-Etat nie gereicht hat. So wächst die Zahl der Ruinen.

Aus Sicht von Falk Wagner (SPD), Sprecher der Baudeputation, sind diese verfallenen Gebäude inzwischen das größte Problem für die Kleingartenvereine, etwa im Waller Kleingartengebiet. Dort hat die letzte Hausbewohnerin auf einer Doppleparzelle illegal gewohnt. Als sie auszog, ging das Haus in Flammen auf. Ein Schornstein ragt hoch in die Luft. Das Dach gibt es nicht mehr. Durch zerbrochene Mauern ist 60er-Jahre-Tapete zu sehen.

Kindergärten statt Wohnhäuser

Wagner späht über den Zaun und schüttelt den Kopf: "Wenn Sie so ein Gebäude in einem Weg haben, dann bekommen Sie nicht nur diese Parzelle nicht verpachtet. Dann will auch die Parzelle vorne, hinten, rechts und links niemand haben", sagt er. "Das ist für die Vereine ein richtiger Dorn im Auge."

Wir reden hier auch über Bremens Historie: Hier haben mal Zehntausende Menschen gewohnt mit eigener Kirche und Läden. Mit solch einem Erbe sollte man angemessen umgehen.

Falk Wagner (SPD), Sprecher der Baudeputation

Nur einen Weg neben der Ruine stehen zwei Kaisenhäuser, die sich aus Wagners Sicht noch retten ließen. Wohnen will die SPD hier nicht wieder zulassen. Und auch für die Grünen kommt freies Wohnen in ehemaligen Kaisenhäusern nicht in Frage. Gärtnerische und andere Nutzungen aber schon.

Der baupolitische Sprecher der Grünen, Ralph Saxe, sieht im grünen Westen reichlich Platz für Projekte. Er kann sich Projekte mit Kindergärten vorstellen, Umweltbildungszentren, Obstwiesen, sagt er. Saxe erläutert auch die Idee von einem Naherholungsgebiet West, zu dem das ganze Gebiet über die Jahre umgewidmet werden soll. Das beinhalte aber auch den Abriss der Ruinen. "Grundsätzlich erwartet auch auf Seite der Kleingärtner niemand, dass wir da morgen fertig werden", sagt Saxe.

Hoffen auf schnelle Lösung

Ideen rund um die Renaissance der Kleingartengebiete gibt es viele. Thore Schäck von der FDP erlebt wie seine Kollegen aus der Baudeputation, dass "Parzelle" wieder angesagt ist – gerade in Corona-Zeiten. Auch Schäck fordert, dass sich das Bauressort jetzt mit den Kleingärtnern an einen Tisch setzt. "Wir müssen schleunigst dafür sorgen, dass die Kleingärten entwickelt werden. Dort, wo die Nutzung nicht mehr da ist, sollten sie umgewidmet werden", sagt er. Wo aber Nutzung und Nachfrage bestünden, sollten die Kleingärten entsprechend entwickelt werden. "Insbesondere das Thema Bauruinen muss dort ganz, ganz schnell angegangen werden."

Bis zur Apfelernte wird es diese neuen Regelungen sicher nicht mehr geben. Bis zum Winter hätten die Kleingärtner in Gröpelingen aber gerne eine Lösung für ihr leerstehendes Haus – und am besten ein Schild am Zaun im Klarapfelweg: "Dieses Kaisenhaus haben wir erfolgreich verpachtet."

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Autor

  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. Juli 2020, 19:30 Uhr