Die unfreiwillige Weltwanderung der "Shanghailänder" über Bremerhaven

Vor 80 Jahren machten sich jüdische Emigranten auf die Reise nach Shanghai. Die "China-Deutschen" kehrten über Bremerhaven zurück – und wollten doch ganz woanders hin.

Drei Mädchen im Alter von etwas 6 bis 7 Jahren stehen nebeneinander und schauen fröhlich.
Ein jüdisches Mädchen mit chinesischen Freundinnen im Shanghaier Ghetto (Archivbild) Bild: Shanghai Jewish Refugees Museum

Die Presse der Zeit nannte sie "China-Deutsche" – jüdische Emigranten aus Deutschland, die sich vor den Nationalsozialisten nach Shanghai gerettet hatten. Rund 100 von ihnen kamen Jahre nach dem Krieg über Bremerhaven nach Deutschland zurück. Da hatten sie schon eine Odyssee um die halbe Welt hinter sich – und noch eine weitere vor sich. buten un binnen-Redakteurin Catharina Spethmann sprach mit einer Zeitzeugin. Das Interview führte sie wegen der Corona-Pandemie per Telefon.

"Ein Leben wie im Wartesaal"

Ich erreiche Sonja Mühlberger in ihrer Wohnung in Berlin. "Hören Sie mich?" – "Ich hör Sie gut. Hören Sie mich?" – "Ja. Können Sie einfach ein bisschen was erzählen, damit wir hören, ob Sie richtig gepegelt sind? Ich bin mal still." – "Ja. Na, sag ich erstmal, wie ich heiße. Ich heiße Sonja Mühlberger, geborene Krips, geboren in Shanghai."

Sonja Mühlberger
Sonja Mühlberger ist Zeitzeugin, sie wurde 1939 in Shanghai geboren. Bild: Sonja Mühlberger

Gut 80 Jahre ist das jetzt her – viele Jahrzehnte, die man Sonja Mühlberger nicht anhört: Wenn man mit ihr spricht, hat man Mühe, ihr ihr Alter zu glauben. 1939 wurde sie als Kind jüdischer Flüchtlinge in Shanghai geboren. Für ihre Eltern – wie für viele europäische Juden – war die chinesische Metropole die letzte Möglichkeit gewesen, den Konzentrationslagern in Europa zu entgehen, denn für die Stadt wurde kein Visum benötigt.

In China litten viele der europäischen Emigranten unter dem subtropischen Klima, Armut bis zum Hunger und einem Leben im Ghetto – in das die japanischen Besatzer in China sie seit Mai 1943 sperrten.

Also das Leben in Shanghai war schon nicht so einfach. Die Menschen hofften und glaubten und arbeiteten darauf hin, dass dieses Leben irgendwann beendet – also, dieses Leben, wie es dann dort war, dann beendet werden kann. Ein Leben im Wartesaal. So, und das mussten die Leute dann wieder und wieder erdulden.

Sonja Mühlberger

Von Shanghai über Bremerhaven Richtung USA

Eine Gruppe von 106 jüdischen Flüchtlingen trifft Anfang Juli 1950 auf dem amerikanischen Transporter "General Sturges" in Bremerhaven ein
Eine Gruppe von 106 jüdischen Flüchtlingen trifft Anfang Juli 1950 auf dem amerikanischen Transporter "General Sturgis" in Bremerhaven ein Bild: DPA | Bildarchiv

Sonja Mühlbergers Eltern konnten mit ihr und ihrem jüngeren Bruder bereits 1947 ausreisen – zurück nach Deutschland. Vor allem ihr Vater habe das gewollt, erzählt sie, um hier ein demokratisches Deutschland aufzubauen. Viele der "Shanghailänder", wie sie sich selber nannten, wollten aber in die USA. Auch für die 106 Männer, Frauen und Kinder, die am 2. Juli 1950 mit dem US-Truppentransporter "General Sturgis" in Bremerhaven ankamen, war Deutschland ausdrücklich nicht das Ziel.

In ein  Land, wo man sie herausgeworfen, ihre Würde mit Füßen getreten, ihnen alles quasi genommen hatte – das wollten die wenigsten der 18.000 bis 20.000 europäischen Flüchtlinge in China.

Sonja Mühlberger

Die 106 von der "General Sturgis" waren in Bremerhaven gestrandet. Dabei waren sie zunächst ihrem Ziel ziemlich nahe gekommen: Sie konnten im Mai 1950 Shanghai Richtung San Francisco verlassen. Dort gingen sie von Bord – aber nicht, um endlich ein neues Leben zu beginnen: Sie wurden in einen versiegelten Zug verfrachtet. Der fuhr sie quer durchs Land von der West- an die Ostküste. "Sie kamen dort, soweit ich aus den Erzählungen weiß, in Ellis Island an, wo sie dann einen weiteren Monat warten mussten, da sie über keine Einreisevisa verfügten. Sie waren staatenlos."

Eine unfreiwillige Weltwanderung

Ein chinesische Aufenthaltserlaubnis für staatenlosen jüdischen Jungen  (Archivbild)
Ein chinesische Aufenthaltserlaubnis für staatenlosen jüdischen Jungen (Archivbild) Bild: DPA | CPA Media/Pictures From History

Ellis Island ist eine Insel vor New York, wo Einwanderer untersucht und registriert wurden, bevor sie in die USA einreisen durften. Die deutschen Juden aus Shanghai aber wurden nicht ins Land gelassen: Das nationalsozialistische Deutschland hatte Flüchtlingen 1941 per Verordnung die Staatsangehörigkeit entzogen. Ihre chinesischen Papiere erkannten die USA nicht an.

Furchtbar, nicht? Also das war – so furchtbar für diese Menschen, die nun endlich glaubten, angekommen zu sein in einer neuen Heimat, aber sie galten als Displaced Persons, als DPs.

Sonja Mühlberger

Sie mussten zurück nach Deutschland, um sich von dort um eine Einreise in die USA zu bemühen. Von Bremerhaven reisten sie erst nach Bremen in die Tirpitzkaserne, später weiter nach Lechfeld bei München, von wo sie endlich ausreisen konnten:

Der Hohn – oder sagen wir: das Merkwürdige kommt noch. Dass sie nämlich auf demselben Schiff – ich nehme nochmal das Wort: "zurückgefahren sind, mit dem sie aus Amerika nach Deutschland verfrachtet wurden. Also das ist schon – sehr merkwürdig.

Sonja Mühlberger

Von "unfreiwilliger Weltwanderung" hatte schon der Reporter der Bremerhavener Nordsee-Zeitung im Juli 1950 bei der Ankunft der Gruppe gesprochen. Nicht für alle Reisenden lassen sich die Lebenswege nachverfolgen. Von einigen von ihnen weiß Sonja Mühlberger, wie es weiterging nach ihrer Odyssee. Aber das ist eine andere Geschichte.

Karl Fruchtmann: Der Mann, der Holocaust-Zeitzeugen zu Wort kommen ließ

Video vom 13. Juni 2020
Karl Fruchtmann an einer Studio-Kamera
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 2. Juli 2020, 13:38 Uhr