Infografik

Wie der Jakobsweg in Bremen verläuft – und wie man ihn am besten geht

Ob man auf dem Teilstück des Jakobswegs in Bremen zu sich selbst finden kann? Aus seinem reichen Erfahrungsschatz erzählt der passionierte Pilger Martin Gottschewski.

Video vom 4. Juli 2020
An der Seite des Bremer Doms steht ein Mann mit Wanderstock und schaut auf ein Schild an der Wand.
Bild: Radio Bremen

Der Jakobsweg: eine Pilgerroute, die sich bis zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, in Nordspanien, erstreckt. Nach Santiago führt jedoch nicht nur ein einziger Weg, sondern mehrere, sodass man auch von "Jakobswegen" spricht. Einige davon verlaufen quer durch Europa über die Bundesrepublik, und Bremen hat ebenfalls seinen Pilgerweg. Die Via Baltica, die in Deutschland die Insel Usedom mit Osnabrück verbindet.

Wer sich auf den Weg zur Kathedrale in Santiago macht, übernachtet oft in Jugendherbergen und trifft unterwegs auf Pilger aus unterschiedlichen Ländern. In der Corona-Zeit stellt dies eine Herausforderung dar. Kann man dann noch guten Gewissens den Jakobsweg laufen? Und wie weit soll man gehen, damit die Wanderung zur Pilgerreise wird? Ein Experte gibt Antworten.

Herr Gottschewski, wie viele Menschen pilgern jedes Jahr in Bremen und dem Umland auf dem Jakobsweg?
Genaue Pilgerzahlen können wir für Bremen nicht benennen. Es gibt kein entsprechendes Pilgerverzeichnis. Nach vorsichtiger Schätzung gehen wir davon aus, dass inzwischen jährlich mehr als 1.000 Pilger auf der Via Baltica nach Bremen gelangen oder hier ihren Weg in Richtung Süden beginnen. Die Menschen kommen aus ganz Deutschland, dem Baltikum oder den skandinavischen Ländern

Der Jakobsweg in Bremen

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Wer sind die Menschen? Eine Pilgerreise hatte traditionell mit der Religion zu tun. Gibt es heute auch Atheisten, die auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela aufbrechen?
Die Pilgernden sind so "bunt" wie die Menschen unserer Gesellschaft. Früher waren es häufig religiöse Gründe, Buße oder Dankbarkeit, die den Menschen zu einem solchen Weg haben aufbrechen lassen. Aber auch der Reiz des Neuen und Unbekannten, von Reise- oder Abenteuerlust, waren und sind Beweggründe. Es gibt dabei kein "richtig" oder "falsch". Im Rucksack sollte Platz sein für Offenheit und Achtung vor jenen, die anders denken. Pilgernde sind unterwegs weitestgehend befreit von Kategorisierungen wie Bildung, Beruf, Status, Herkunft oder Religion. Sie lassen Gewohntes zum überwiegenden Teil zu Hause zurück. Auch Geschlecht und Alter haben scheinbar keine Bedeutung. Pilgern spricht nahezu jeden Menschen an und erreicht alle Altersgruppen. Und der Austausch untereinander ist möglich und gewünscht.
Austausch in Zeiten von Corona: Ist das überhaupt eine gute Idee? Lohnt es sich jetzt zu pilgern?
In diesem Jahr ist alles anders. Die Pandemie hat viele Bereiche unseres gesellschaftlichen Umfeldes verändert. Das gilt ebenso für das Pilgern. Die zurückliegenden Monaten waren nicht die Zeit, um zu einer längeren Pilgerwanderung aufzubrechen. So waren Übernachtungen aufgrund der Corona-Einschränkungen nicht möglich. Hotels und Pilgerherbergen waren auch in Spanien geschlossen – und damit auch der Jakobsweg. Das ändert sich inzwischen nach und nach. Längst nicht alle Übernachtungsmöglichkeiten nehmen wieder Pilgernde auf. Wer sich derzeit auf den Weg begibt, sollte sich frühzeitig um seinen Schlafplatz kümmern. Zudem sollte der Pilgernde sich vermehrt darauf einstellen, eine gewerbliche Unterkunft zu buchen. Es bietet sich gerade jetzt an, sich für einen Tag auf den Weg in unserer näheren Umgebung zu begeben, abends zurückzukehren und im eigenen Bett zu schlafen. Denn Pilgern ist wieder möglich, aber es ist (noch) anders als vor der Pandemie.
Lieber kürzere als längere Wege also. Gibt es aber eine Mindestlänge, damit man sagen darf, dass man "gepilgert" ist?
Nein. Nicht die Länge oder die zurückgelegte Strecke macht meinen Weg zu einer Pilgerwanderung. Wer das möchte und den zurückgelegten Weg in seinem Pilgerausweis nachweist, bekommt beim Erreichen der Kathedrale in Santiago de Compostela eine Bestätigung über seine Pilgerschaft. Die Voraussetzung dafür ist der Nachweis, dass die letzten 100 Kilometer Fußweg (mit Rad oder Pferd die letzten 200 Kilometer) zurückgelegt worden sind. Ansonsten darf jeder für sich entscheiden, wie viel, wie lange und aus welchem Grund er diesen Weg geht. Für mich hat es jedoch immer etwas mit der Bereitschaft zur Toleranz, mit der Offenheit für andere und deren Ansichten zu tun.
Wieso begeben sich die Menschen in der Regel auf eine solche Reise?
Die Beweggründe sind unterschiedlich. Jedoch haben diese Menschen eine verbindende Gemeinsamkeit: Sie alle haben sich aufgemacht, manche für Wochen, andere für einen Tag oder einige Stunden. Sie haben ihren Alltag für eine gewisse Zeit zurückgelassen, sich ungewohnten körperlichen und mentalen Anforderungen gestellt. Diese Menschen sind Pilgernde. Auch wenn sie selbst das so manches Mal erst nach und nach feststellen. Viele sagen von sich, die Entscheidung habe ihnen neue Gedanken und Sichtweisen ermöglicht.
Aber kann man sich selbst finden, wenn man eine kurze Strecke läuft – zum Beispiel nur rund um Bremen?
Das kann jeder mit Interesse am Pilgern für sich ausprobieren. An jedem Anfang eines langen Weges steht der erste Schritt. Die Frage ist vielleicht eher: Habe ich mich dabei? Und finde ich bei einem langen Weg automatisch zu mir?
Was soll man sonst noch dabei haben, außer sich selbst?
Nicht viel. Häufig höre ich im Gespräch mit Interessierten: "Das wollte ich schon immer tun, aber (...)". Am Anfang steht jedoch die Entscheidung. Bei dem Unterwegssein auf Jakobswegen handelt es sich um eine Art Fernwanderung. Pilgernde sind häufig über Tage oder Wochen unterwegs. Für die Übernachtung bieten sich neben Hotels, Gasthäusern und Fremdenzimmern auch Pilgerherbergen an. Viele Kirchengemeinden in Deutschland nehmen ebenfalls Pilger für eine Nacht auf. Hier ist oftmals das Mitbringen von Isomatte und Schlafsack erforderlich. Aber auch Privatpersonen bieten dem Pilgernden für eine Nacht ein Dach über dem Kopf. Für viele Menschen machen gerade diese Kontakte einen bedeutenden Teil ihres Weges aus, für einige Menschen wird erst dadurch das Zurücklegen eines langen Weges finanziell möglich.
Wie oft sind Sie denn den Jakobsweg gelaufen?
Seit rund 15 Jahren haben meine Frau und ich mehr als 25.000 Kilometer, jeder von uns allein oder zu zweit, auf Jakobswegen zu Fuß zurückgelegt. Schon lange zähle ich unsere Wege nicht mehr. Im Jahr 2013 waren wir ein halbes Jahr unterwegs, von Bremen bis ins nordspanische Santiago de Compostela. Aber nicht jede oder jeder hat die Möglichkeit, über einen so langen Zeitraum, einen solch umfangreichen Weg zu gehen. Das ist auch nicht erforderlich. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass schon ein oder zwei Wochen auf einem der Jakobswege für eine ganz besondere "Auszeit" gesorgt hat. Die Eindrücke von Land, Kultur und Leuten, die erfrischenden Begegnungen und Gespräche mit interessanten Menschen, all dieses führte nach der Rückkehr in den Alltag immer für ein befriedigendes Gefühl – trotz der körperlichen Anstrengungen. Ich kann also nur jedem Menschen empfehlen: Versuche es, begib dich einmal auf den Weg und mache dir deinen eigenen Eindruck.

Das ist die Geschichte des Jakobswegs rund um Bremen

Video vom 30. Juni 2020
Eine typische Landschaft rund um Bremen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 04. Juli 2020, 19:30 Uhr