Interview

Die Frau hinter dem Senat: Eine Gebärdendolmetscherin erklärt Corona

Nicole Braun übersetzt die Corona-Ankündigungen des Senats in Gebärdensprache. Im Interview verrät sie, wie sie Worte übersetzt, die sie nicht kennt und was passiert, wenn sie sich verhaspelt.

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte spricht im Bremer Rathaus.
In Aktion: Nicole Braun übersetzt die Pressekonferenz des Bremer Senats mit Andreas Bovenschulte (SPD) für Gehörlose und Schwerhörige. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Frau Braun, normalerweise dolmetschen Sie bei Arztbesuchen, in Firmen, Kirchen, vor Gericht oder bei der Polizei. Wie bereiten Sie sich auf die Rhetorik der Bremer Politiker vor?
Bei Menschen, die häufig in den Medien sind wie beispielsweise Angela Merkel, ist es möglich, sich in den Sprachstil einzuarbeiten. Alles, was ich zu Andreas Bovenschulte sowie den anderen Senatsmitgliedern gefunden habe, habe ich mir nun natürlich angesehen. Ich merke schon, dass er anders als Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt, Finanzsenator Dietmar Strehl oder Mobilitätssenatorin Maike Schäfer spricht, aber ich kann noch nicht sagen, was für ihn spezifisch ist.
Öffnungsdiskussionsorgie, exponentielles Wachstum, Verdopplungszeit: Kein Pressetermin rund um Corona kommt ohne Wortneuschöpfungen und Fachausdrücke aus. Eine Hürde für die Übersetzung?
Ich verfolge regelmäßig die Pressekonferenzen des Robert Koch Instituts, lese Zeitung und schaue die Tagesschau, um informiert zu bleiben. Sonst hat man bei der Übersetzung einen schweren Stand. Zudem muss man wissen, dass ich bei Pressekonferenzen nicht rein in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetze. Ich muss an mein Zielpublikum denken. Das ist sehr heterogen, auch was ihre sprachlichen Anforderungen an die Verdolmetschung betrifft. Es besteht sowohl aus spätertaubten Menschen, die das Ganze gerne gebärdensprachlich mitverfolgen und DGS ganz gut können, sowie aus Schwerhörigen, die darauf angewiesen sind, ein klares Mundbild zum Lippenabsehen zu haben und tauben Menschen, die gehörlos aufgewachsen und in der DGS beheimatet sind.
Wie werden Sie all denen gerecht?
Ich mache eine Mischung aus DGS und Lautsprachbegleitendem Gebärden (LBG). Das ist das, was im Moment im Livestream zu sehen ist.
Wie übersetzt man Worte, die man selbst nicht kennt?
Zunächst einmal: Worte, deren Bedeutung ich nicht kenne, kann ich unmöglich in eine andere Sprache übertragen. Aber es gibt bei Wortschöpfungen ja meistens bekannte Komponenten. Dann greife ich auf LBG zurück. Ich zeige das deutsche Wort flankiert mit den Gebärden an. Oder ich buchstabiere es. Nicht für jedes Wort gibt es eine Gebärde. Das ist in allen Sprachen so. Nicht für jedes Wort der einen Sprache gibt es genau ein entsprechendes Wort in der anderen Sprache. Dann gilt es ein sprachliches Äquivalent zu finden oder die Bedeutung wird umschrieben. Gebärden können sich aber wie Worte auch entwickeln und etablieren. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Corona. Wir Dolmetscher orientieren uns dabei an der Sprachgemeinschaft. Zunächst wurde es mit dem Fingeralphabet buchstabiert, weil es unbekannt war. Mittlerweile gibt es eine eigene Gebärde
Seit dem 17. März lässt der Bremer Senat die Pressekonferenzen von Ihnen und Ihren Kollegen dolmetschen. Sind Sie noch aufgeregt, wenn die Kameras auf Sie gerichtet sind?
Ich bin immer aufgeregt vorher, obwohl ich schon ähnliche Einsätze hatte. Mittlerweile hat sich aber eine gewisse Routine eingestellt. Es gibt auch immer schnell Feedback. Wenn die Kamera zum Beispiel zu früh wegschwenkt, während ich noch dolmetsche, kann ein Sturm des Protestes im Internet von den Gehörlosen entstehen.
Wie war die Rückmeldung bisher auf Ihre Performance?
Bisher ganz gut – zum Glück (lacht). Aber es wird natürlich auch angemerkt, wenn ich bestimmte Gebärden unklar oder undeutlich gemacht habe. Ich kann mich auch mal verhaspeln.
Für die meisten Zuschauer der Pressekonferenzen bleiben Ihre Fehler unbemerkt. Erzählen Sie uns trotzdem, was schief gelaufen ist?
Am Anfang habe ich beispielsweise die Gebärde für Corona ein bisschen schief gebärdet. Dann wurde ich berichtigt und habe mich dem angepasst. Das Virus wird mit geballter Faust und gespreizter Hand dahinter dargestellt. Die gespreizte Hand war bei mir eher liegend statt aufrecht. Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung sind wichtige grammatikalische Komponenten in der DGS. Wenn eine Komponente verändert wird, kann es zu einer ganz anderen Bedeutung kommen. Die Gebärde für Corona – falsch ausgeführt – hat gewisse Ähnlichkeit mit der Gebärde für Unterdrückung und Diskriminierung. Da muss man aufpassen.
Sie arbeiten seit 20 Jahren als Gebärdensprachdolmetscherin. Welche Auswirkung hat die aktuelle Lage auf Ihren Job?
Es hat sich schlagartig verändert: Meine Kolleginnen und ich verzeichnen einen Wegbruch der Aufträge. Als Gebärensprachdolmetscherin bin ich freiberuflich tätig und auf Aufträge angewiesen. Hier und da gibt es noch Anfragen, bei Arztbesuchen zu dolmetschen, aber vieles wird abgesagt. Wenn ich nun nicht die Pressekonferenzen des Bremer Senats dolmetschen könnte, wäre ich arbeitslos.
Offiziell sind rund 550 Menschen im Land Bremen gehörlos. Mit der Zahl der Schwerhörigen dürfte die Summe deutlich höher sein. Wie erleben Sie die Rolle der Gebärdensprachdolmetscher?
Wir Dolmetscher bieten eine Dienstleistung an und sehen uns als Brücke zwischen der hörenenden und der gehörlosen Kultur. Es sind nicht nur zwei Sprachen, zwischen denen ich dolmetsche. Die Gebärdensprachgemeinschaft hat eine eigene kulturelle Identität. Gerade für viele ältere Gehörlose sind die Hürden hoch. Oft verfügen sie über ein relativ niedriges Bildungsniveau. Sie sind nicht dumm! Das möchte ich ganz klar unterschieden wissen. Aber für viele ältere gehörlose Menschen war die Schulzeit eine Tortur, da in der Gehörlosenbildung die Deutsche Gebärdensprache lange Jahre verboten war. Die Lehrkräfte konnten selber gar nicht gebärden oder wenn, dann durften sie im Unterricht nicht gebärden, so dass nur wenige oder keine Inhalte vermittelt wurden. Das galt auch nicht als primär wichtig; der Fokus lag vielmehr auf dem Sprechen-Lernen. Sinn-entnehmendes Lesen längerer Texte fällt vielen tauben Menschen insbesondere der älteren Generation daher schwer. Die Auswirkungen werden beispielsweise bei Behördengängen beziehungsweise bei der Korrespondenz mit Behörden deutlich. An dieser Stelle versuchen wir Dolmetscher, zu vermitteln.

Die Mitschnitte aller Pressekonferenzen stellt Radio Bremen online zur Verfügung, ebenso wie weitere barrierefreie Angebote mit hilfreichen Informationen rund um Corona.

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 30. April 2020, 23:30 Uhr