Interview

Können Beatmungsgeräte gefährlich für Corona-Patienten sein?

Aus den USA kommen Berichte, dass der Einsatz von Beatmungsgeräten schädlich für Corona-Patienten sein kann. Ein Bremer Arzt erklärt, warum es bei schweren Verläufen kaum anders geht.

Ein Beatmungsgerät wird bedient (Symbolbild)
Die maschinelle Beatmung stellt die Sauerstoffversorgung des Körpers sicher, kann aber auch das Lungengewebe nachhaltig schädigen (Symbolbild). Bild: DPA | Thomas Frey

Wegen der Corona-Pandemie ist der weltweite Bedarf an Beatmungsgeräten hoch – auch Bremen hat hier deutlich aufgerüstet, seine Krankenhäuser ausgestattet, Personal in der Bedienung der Geräte geschult. Schätzungen zufolge sterben 40 bis 50 Prozent der Patienten mit schweren Lungenerkrankungen, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen sind. Bei Corona-Patienten liegt diese Zahl offenbar höher, in den USA ist laut Medienberichten von bis zu 80 Prozent die Rede. Der Bremer Intensivmediziner Rolf Dembinski, Direktor der Klinik für Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Bremen-Mitte, berichtet von der Behandlung der Bremer Patienten und erklärt, warum die maschinelle Beatmung mitunter die einzige Möglichkeit ist.

Bisher gab es vor allem die Sorge, dass nicht genügend Beatmungsgeräte verfügbar sind. Nun legen Berichte zum Beispiel aus den USA nahe, dass die Beatmung möglicherweise sogar schädlich sein kann. Wie schätzen Sie das ein?
Es gibt überhaupt keinen Grund, auf maschinelle Beatmung zu verzichten, wenn der Mensch in einer lebensbedrohlichen Situation ist, das heißt, wenn die Lunge nicht in der Lage ist, den Gasaustausch sicherzustellen. In der Akutsituation gibt es keine Alternative. Hinzu kommt, dass im Falle von Covid-19 bei alternativen Verfahren das Ansteckungsrisiko für das medizinische Personal zu groß ist.
Warum ist das so?
Man unterscheidet zwischen invasiver und nicht-invasiver Beatmung. Bei der maschinellen Beatmung liegt der Patient im künstlichen Koma und ist intubiert. Die Beatmung ist ein geschlossenes System, die Viren dringen nicht nach außen. Bei nicht-invasiven Maßnahmen, wie einer Sauerstofftherapie über eine Nasenkanüle, haben wir Befürchtungen, dass es zur Aerosol-Bildung kommt. Das heißt, dass die Viren quasi in der Luft hängen. Eine nicht-invasive Beatmung kommt nicht infrage, damit Mitarbeiter sich nicht anstecken.
Welche Erfahrungen haben Sie bei der Behandlung der Bremer Corona-Patienten gemacht?
Wie bei allen Infektionen ist der Gesundheitszustand ein wichtiger Faktor. Je mehr Vorerkrankungen, desto größer das Risiko erstens zu erkranken und zweitens einen schweren Verlauf zu haben. Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen lassen sich deutlich schwerer behandeln. Eine Corona-Infektion verläuft auch bei jüngeren Menschen häufig fulminant, das heißt, dass sich neben dem Lungenversagen häufig eine Sepsis, also eine Blutvergiftung, mit Mehrorganversagen entwickelt. Das beeinträchtigt alle Körperfunktionen. Die Lunge steht im Fokus, aber auch die anderen Organe sind betroffen. Die Erfahrung ist, dass sich die Patienten nach einer Akutphase stabilisieren, doch der weitere Krankheitsverlauf ist langwierig. Durch die Schwächung der Lunge besteht zudem das Risiko, dass sich bakterielle Infektionen auflagern.
Wie ist das Vorgehen bei Corona-Patienten mit schwerem Verlauf? Gibt es da ein Protokoll oder einen Leitfaden zur Behandlung?
Die grundlegenden Therapiestrategien sind die gleichen wie bei anderen Virus-Lungenentzündungen. Es gibt keine spezifische Corona-Therapie. Ich fürchte, dass wir ähnlich wie bei der Grippewelle mittelfristig keine spezifische Therapie anbieten können. Das einzige, was hilft, ist eine gute Impfung. Bei den Corona-Patienten geht es grundsätzlich darum, die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten. Im Rahmen der Infektion kommt es zur Schädigung der Lunge, es sammelt sich Wasser im Gewebe, was zu einem Lungenödem führen kann. Deshalb ist es wichtig, den Wasserhaushalt des Patienten zu kontrollieren. Wir hatten auch schon zwei Patienten, die eine Lungenembolie bekamen, also ein Blutgerinnsel, dass die Lunge an einer Stelle verstopft. Die Infektion bringt offenbar das Blutgerinnungssystem durcheinander, weshalb wir die Blutgerinnung medikamentös hemmen. Viele Kollegen machen verschiedene Beobachtungen, das ist aber nichts, woraus man eine generelle Behandlungsstrategie ableiten könnte.
Inwiefern kann die maschinelle Beatmung den Patienten schaden?
Die invasive Beatmung ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen kann mit ihr die Lungenfunktion, also der Gasaustausch, sichergestellt werden. So bekommen alle Organe genügend Sauerstoff. Zum anderen muss ein gewisser Druck aufgebaut werden, um ausreichend Sauerstoff in den Körper zu bekommen. Das ist Stress für die Lunge und kann zu einer mechanischen Schädigung des Lungengewebes führen. Es ist ein Teufelskreis: Je kränker der Patient, desto invasiver muss die Beatmung eingestellt werden, was wiederum mehr Stress für die Lunge bedeutet. Ein beatmungsinduzierter Lungenschaden kann dauerhaft Auswirkungen auf die Lungenfunktion haben. In der ersten Phase der Intensivmedizin denken wir nur daran, den Patienten zu retten. Ein Beatmungsschaden ist da ein Risikofaktor.
Welche anderen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Eine Maßnahme, die in Studien erfolgreich war, ist die Bauchlagerung. In der akuten Infektionssituation ist die Lunge nass und schwer, Wasser lagert sich ein, die Lungenbläschen werden zusammengedrückt und die Lunge kann nicht mehr richtig funktionieren. Durch die Bauchlagerung kann man das umkehren, die kollabierten Lungenbläschen gehen wieder auf. Die Lagerungstherapie ist ein gängiges Konzept. Der Patient wird, allerdings auch unter maschineller Beatmung, für mindestens 16 Stunden auf den Bauch gelagert. Die letzte Behandlungsoption ist, eine künstliche Lunge anzuschließen. Dabei wird Blut über die Beinvene aus dem Körper geleitet, außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versetzt und über eine Halsvene wieder in den Körper geleitet. Dadurch wird die Sauerstoffversorgung des Körpers sichergestellt. Das Verfahren ist sehr invasiv und die letzte Therapiemöglichkeit.
Wie geht es den Bremer Corona-Patienten, die intensivmedizinisch in Ihrer Klinik behandelt werden müssen?
Die Patienten mit schweren Verläufen sind seit drei Wochen bei uns. Sie sind auf dem Weg der Besserung, momentan entwickeln sich alle in eine ganz gute Richtung. Einige können hoffentlich bald auf die Normalstation verlegt werden. Wir halten zwölf Betten für die Behandlung dieser Patienten frei, von denen sind aktuell acht belegt. Wir hoffen, dass wir aufgrund der rückläufigen Infektionszahlen nicht mit starkem Zuwachs rechnen dürfen. Wir müssen die nächsten Wochen abwarten, haben uns aber gut vorbereitet. Wir sind gut aufgestellt.

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Autorin

  • Greta Block

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 16. April 2020, 23:30 Uhr