Interview

Bremer Oberärztin: Das große Kunststück wird sein, alle zu versorgen

Die Corona-Zahlen schnellen auch in Bremen in die Höhe. Das Klinikum Bremen-Mitte sieht sich gut vorbereitet. Doch eines muss man laut Oberärztin Christiane Piepel anders machen.

Krankenpfleger arbeiten in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums Essen.
Auf Pfleger und Ärzte in den Intensivstationen – wie hier am Uniklinikum Essen – könnte noch mehr Arbeit zukommen. Bild: DPA | Marcel Kusch

Am vergangenen Dienstag hat die Zahl der Neuinfektionen im Land Bremen ein Hoch erreicht: 50 Menschen sind binnen eines Tages auf das neuartige Coronavirus positiv getestet worden. So viele wie seit Beginn der Pandemie noch nie. Das wirft Fragen über den weiteren Verlauf der Corona-Krise auf. Darüber, wie gut die Bremer Krankenhäuser für einen eventuellen Anstieg an Erkrankten vorbereitet sind.

Oberärztin Christiane Piepel ist Leiterin der Isolierstation am Klinikum Bremen-Mitte. Sie erzählt, wie die Situation in ihrer Klinik derzeit aussieht und was die Entwicklungen der kommenden Wochen entscheidend beeinflussen könnte.

Frau Piepel, in den vergangenen Tagen ist die Zahl der Erkrankten in Bremen sprunghaft gestiegen. Wie sieht die Lage momentan im Krankenhaus und auf der Intensivstation aus?
Wir merken auch, dass die Zahlen steigen, weil wir jetzt mehr bei mehr Menschen Corona-Infektionen nachweisen. Erfreulicherweise sind es meistens Leute, die keine Behandlung im Krankenhaus benötigen. Die Anzahl der stationären Patienten ist weiterhin gering, bei uns auf der Intensivstation sind es momentan weniger als eine Handvoll. Die Betten, die für Corona-Patienten freigehalten werden, sind gar nicht alle belegt. Ihre Zahl orientiert sich immer an den Empfehlungen der Politik und dem aktuellen Patientenaufkommen. Und das ist gerade sehr, sehr niedrig.
Was sollen wir aber in den kommenden Wochen erwarten? Kommt erst jetzt die "große Welle"?
Im Moment sehen wir eher jüngere Patienten, meistens ohne Vorerkrankungen. Aber ich mache mir Sorgen wegen der Älteren und Vorerkrankten, die schwerere Verläufe haben könnten, sollten sie sich anstecken. Ich hoffe, dass wir sie dann gut versorgen können.
Fühlen Sie sich auf einen eventuellen Anstieg ausreichend vorbereitet?
Wir haben jetzt zum Glück die Vorerfahrung aus dem Frühjahr. Wir haben schon sehr viel vorbereitet und daraus gelernt. Fürs Erste hätte ich also keine großen Sorgen. Wir haben weiterhin unsere Corona-Strukturen und sind auf deutlich mehr Corona-Patienten eingestellt. Und sollten es viel mehr Patienten werden als im Frühjahr, haben wir schon Ideen, wie man darauf flexibel reagieren könnte.
Denken Sie aber, dass auch hier bei uns extreme Szenarien mit überfüllten Krankenhäusern, wie man sie aus anderen Ländern kennt, möglich sein könnten?
Wir sind erfreulicherweise in einem Land, wo es viele Ressourcen gibt. Wir haben ein flexibles System, um auf die Situation zu reagieren. Bevor wir eine vollkommene Überschwemmung der Intensivstationen erreichen, würde man auf vielen verschiedenen Ebenen versuchen, gegenzusteuern. Es wird sicherlich nicht so sein, dass die Zahlen explosionsartig steigen und keiner tut was. Ich würde unserer Gesellschaft, dem Gesundheitsamt und der Politik schon zutrauen, dass wir es schaffen, das abzuwenden.
Haben Sie in den Kliniken genug Personal, um flexibel reagieren zu können?
Bundesweit gibt es Personalknappheit. Man muss dann gucken, was in welchen Bereichen dringender ist. Im Moment haben wir aber für die Corona-Bereiche kein großes Problem. Und auch beim Schutzmaterial ist die Lage jetzt entspannt.
Würden Sie jetzt mit der Erfahrung der vergangenen Monate etwas anders machen als zu Beginn der Pandemie, sollten die Zahlen weiter steigen?
Im Frühjahr mussten wir die chirurgischen Stationen leeren und die Operationen verschieben. Wir haben gemerkt, dass das nicht gut ist. Viele Menschen konnten erst viel später operiert werden und es hat sich ein Stau gebildet. Man hat gemerkt, dass es dann andere Schäden gab. Wir wollen natürlich die Corona-Patienten gut versorgen, aber alle anderen auch. Sollten die Corona-Zahlen stark zunehmen, wird das große Kunststück sein, eine gute Versorgung der Corona-Patienten zu gewährleisten, ohne alle anderen operativen Bereiche zu schließen. Das wird auch organisatorisch und personaltechnisch für die Kliniken eine Herausforderung.  

Und wir sollten erreichen, dass Menschen mit anderen Erkrankungen früh genug ins Krankenhaus kommen. Im Frühjahr haben Menschen mit Schlaganfällen und Herzinfarkten große Angst gehabt, in die Kliniken zu gehen. Dadurch haben sich die Krankheitsverläufe dramatischer entwickelt.
Kann man den Verlauf der Pandemie noch beeinflussen?
Das hängt von uns allen ab. Es hängt davon ab, wie wir uns im Kontakt mit anderen Menschen verhalten und wie verantwortungsbewusst wir mit den Corona-Maßnahmen umgehen. Abstandhalten, Maskentragen, Aufklärung der Übertragungsketten. Und es hängt auch von den Empfehlungen der Politik und des Gesundheitsamtes ab, um der Situation frühzeitig zu begegnen. Das Virus an sich ist nicht weniger oder mehr gefährlich als im Frühjahr.

Zu viele Corona-Infektionen: Wie kann Bremen reagieren?

Video vom 1. Oktober 2020
Die Bremer Senatorin Claudia Bernhard im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. Oktober 2020, 19:30 Uhr