Interview

Wie Slam-Poetry Gedichte wieder cool macht

Am Mittwoch hat das Literaturfestival "Poetry on the road" begonnen. Slam-Poet Bas Böttcher und Rapper Dizraeli erklären im Interview, wieso Lyrik wieder cool ist.

Bas Böttcher und Dizraeli
Bas Böttcher (li.) und Dizraeli nehmen an der diesjährigen Ausgabe des Literaturfestivals "Poetry on the road" teil.

Am Mittwoch ist in Bremen das Literaturfestival "Poetry on the road" gestartet. Zum 20. Mal treten Dichter aus der ganzen Welt an verschiedenen Orten der Hansestadt auf.

Den Auftakt macht ein Workshop für Studierende der Hochschule Bremen, geleitet vom deutschen Slam-Poeten Bas Böttcher und dem britischen Rapper Dizraeli. Im Interview mit buten un binnen erzählen die beiden, wie die Dichtkunst ihr angestaubtes Image verloren hat und wieso Gedichte auch für junge Menschen zunehmend attraktiv sind.

Herr Böttcher, Herr Dizraeli, Dichtung hatte lange Zeit ein etwas angestaubtes Image. Doch seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Slam-Poetry-Veranstaltungen zu. Hat Slam-Poetry das Genre gerettet?
Dizraeli: Das Image hat sich sicherlich geändert. Als ich früher Workshops an Schulen geleitet habe, habe ich versucht, das Wort "Poetry" zu meiden. Es wäre ein Hindernis gewesen, vor allem im Umgang mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen. Jetzt ist es nicht mehr so. Und ich denke, dass es zum Teil dem Internet zu verdanken ist. Spoken-Word-Künstler haben derzeit eine enorme Reichweite. "Poetry" ist kein Schimpfwort mehr. Und das führt dazu, dass Kinder vielleicht einfacher zu einem Gedichtbuch in der Bibliothek greifen.
Böttcher: Und das verläuft parallel zur Entwicklung der Mediengewohnheiten. Früher was das Buch das einzige Medium, das Lyrik verbreitet hat. Dann kam das Radio. Jetzt ist die Möglichkeit, dreiminütige Clips in Online-Netzwerken zu teilen, eine riesige Chance, um Lyrik zu verbreiten. Heutzutage kann man die Popularität von Gedichten nicht anhand der Best-Seller-Liste messen. Wir haben andere Kanäle.
Also sind es die neuen Medien, die das Überleben der Dichtkunst sichern werden?
Dizraeli: Das ist schwierig zu sagen. Einige denken, dass die neuen Medien die Standards senken. Aber ich sehe das anders. Die Standards des Spoken-Poetry haben sich in den letzten 15 Jahren drastisch erhöht, zumindest in meinem Land. Ich glaube, dass es auch an der Tatsache liegt, dass jeder junge Mensch Zugang zu den Video-Performances der besten Künstler der Welt hat.
Böttcher: Das war auch schon immer mein Ansatz: Meine Arbeit als Dichter endet nicht, wenn ich auf "Senden" auf meinem Laptop klicke und den Text dem Verleger schicke. Meine Arbeit ist erledigt, wenn meine Zeilen das Ohr des Hörers erreichen. Und wir sollten aufpassen, dass wir die sogenannten Sozialen Netzwerke nie für selbstverständlich halten. Ein Dichter kann auch neue Medienformate und Algorithmen entwickeln.
Sie arbeiten beide mit Lyrik und Musik und sind oft bei Slam-Poetry-Meisterschaften aufgetreten. Was hat Sie an diesem Genre überzeugt?
Böttcher: Ich experimentiere gerne mit Medien, bringe sie mit Spoken-Word-Poetry zusammen und habe verschiedene Formate dafür entwickelt.
Dizraeli: Ich habe mit Poetry-Slam angefangen, weil ich Rapper war. Es waren Hip-Hop-Texte, die mich zur Welt des Slams geführt haben. Ich kam zur Lyrik durch die Musik. Slam-Poetry und Rap haben eigentlich sehr viel gemeinsam. Der Slam ist ein Weg für Schriftsteller verschiedener Disziplinen, um Dinge zu teilen. Es ist ein sehr breites, vielfältiges Genre. Das finde ich aufregend.

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Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Rap und Slam-Poetry?
Böttcher: Rap hat eigentlich einen Vier-Viertel-Takt. Man kann es auf verschiedene Weise interpretieren, aber jeder Text muss diesem Takt folgen. Beim Spoken-Word kann man auch Rhythmen benutzen, aber mehr so wie beim Jazz. Man kann das Tempo variieren, die Metrik ändern, unterschiedliche Aspekte betonen – und ich genieße diese Freiheit.
Dizraeli: Da muss ich widersprechen. Es gibt so viele Rapper, die mit Jazz zu tun haben und davon beeinflusst wurden. Klar, beim Spoken-Word hat man nicht unbedingt mit den Einschränkungen der Musik zu tun, aber auch Rap kann ziemlich frei sein. Es gibt sehr viele Hip-Hop-Künstler, die als Slammer auftreten. Ein Austausch findet zwischen den beiden Genres statt.
Wie sehen Sie die Zukunft der Dichtkunst?
Böttcher: Es ist unvorhersehbar. Nächste Woche könnte ein Gedicht die Nummer-Eins-Nachricht sein. Wie im Fall vom Gedicht von Jan Böhmermann [Anm.d.R.: das "Schmähgedicht"]. Es war sehr provokativ und landete auf der Titelseite. Im Allgemeinen kann man sagen, dass Lyrik wichtig ist. Das war sie schon immer und wird es immer sein.
Dizraeli: Nach dem, was ich gelesen habe, denke ich, dass es wahrscheinlich in den nächsten Jahren einen großen, gesellschaftlichen Kollaps geben wird. Also ist es wahrscheinlich, dass wir wieder Gedichte um das Lagerfeuer erzählen werden. Das wird vermutlich die künftige Dichtkunst sein, denke ich.

Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 22. Mai 2019, 6 Uhr