Interview

Wie der Coronavirus auch in Bremen für Medikamentengpässe sorgen kann

Viele Wirkstoffe werden in Asien hergestellt – auch im chinesischen Wuhan. Das könnte hier eine ohnehin schwierige Situation weiter verschlimmern, sagt ein Bremerhavener Apotheker.

Video vom 19. Februar 2020
Apotheker Thomas Anthes steht hinter einem Computer und liest.

Mehr als 75.000 Menschen sind mittlerweile weltweit an dem Coronavirus erkrankt, 2.012 von ihnen sind an der Krankheit gestorben – der Großteil davon in China, vor allem in der Stadt Wuhan. In Deutschland gibt es noch keinen Todesfall, insgesamt sind laut des Bundesgesundheitsministeriums 16 Personen infiziert. Doch selbst wenn sich die Krankheit hier nicht ausbreiten sollte, befürchtet die Politik akute Lieferengpässe für Medikamente. Denn viele Wirkstoffe werden in Asien hergestellt – auch in der besonders betroffenen Provinz Hubei. Der Bremerhavener Apotheker Thomas Anthes klagt schon jetzt über Medikamentenknappheit. Diese könne sich durch den Virus weiter verschlimmern.

Der Apotheker Thomas Anthes.
Der Apotheker Thomas Anthes beklagt sich über Lieferengpässe.
Herr Anthes, Deutschland galt früher als Apotheke der Welt. Warum ist das heute nicht mehr so?
Das liegt ganz klar am wirtschaftlichen Druck in diesem System. Es gibt im Prinzip bei sehr einfachen Arzneimitteln keine Möglichkeit mehr, zu den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen Arzneimittel oder auch nur Grundstoffe in Deutschland zu produzieren. Das hat zur Folge, dass ungefähr 80 Prozent der sogenannten generischen Arzneimittel aus dem asiatischen Bereich kommen, sprich aus Indien und aus China.
Jetzt gibt es die besondere Situation, dass in China der Coronavirus um sich greift. Wie wirkt sich das auf ihr Geschäft aus?
Das ist natürlich im derzeitigen Moment noch etwas Kaffeesatzleserei. Aber grundsätzlich: Falls es weitere Quarantänemaßnahmen in China gibt, wird es mit einer gewissen Zeitverzögerung in Deutschland oder in der kompletten EU zu Mangel an Arzneimitteln kommen. Derzeit gibt es schon Statistiken, welche Grundstoffe in der Region Wuhan produziert werden. Das sind ungefähr 60 Stück. Daraus kann man ableiten, dass es hier mit einer Zeitverzögerung von sechs bis neun Monaten zu Ausfällen in der Produktionskette kommen wird.
Auch ohne den Einfluss des Coronavirus meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte derzeit Engpässe bei 276 Arzneimitteln. Wenn sich jetzt noch der Coronavirus auf die Produktion auswirkt, droht dann eine Medikamentenknappheit?
Wir sind nicht auf dem Weg dahin, wir sind da schon. Ich bin seit 25 Jahren Apotheker und an so eine Situation, wie wir sie jetzt im Augenblick haben, kann ich mich nicht erinnern. Dass wir bestimmte Arzneimittel über Monate nicht verfügbar haben, kenne ich nicht, bin ich so nicht gewohnt. Das geht von Schilddrüsenhormonen über Blutdruckmedikamente bis hin zu profanen Dingen wie Ibuprofen. Ibuprofen ist eben auch so ein Allerweltsmolekül, das mittlerweile kaum mehr wirtschaftlich produziert werden kann. Es gibt derzeit vier "Plants" weltweit, die den Rohstoff produzieren: Eine Anlage ist abgeschaltet wegen Restaurierung, eine ist abgebrannt und eine steht in der Region Wuhan. Das heißt, da kann man sich überlegen, wie das in Kürze weitergehen wird.
Wie groß ist das Verständnis bei den Patienten, wenn Sie sagen: "Haben wir gerade nicht"?
Das Verständnis ist sehr gering. Wir haben eine hohe Erwartungshaltung. Deutschland ist ein hoch entwickeltes Land. Und wir haben teilweise Liefersituationen, die mich an die Dritte Welt erinnern lassen. Dass bestimmte Arzneimittel überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen und wir hier eigentlich nur noch den Notstand verwalten.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Februar 2020, 19:30 Uhr