Kein Integrationskurs? Bremens Geflüchtete verpassen Ausbildungsstart

Silifatu Danya Damisah will Pflegerin werden. Wegen Corona fallen aber die Integrationskurse aus – und damit auch der Sprachunterricht. Die Vorgaben des Bamf machen es nicht leichter.

Geflüchtete sitzen an Tischen in einem Schulungsraum und lauschen dem Unterricht.
Für Silifatu Danya Damisah ist der Kurs wichtig: Sie will die Sprache lernen – und mit Menschen zusammensein, die sie verstehen. Bild: Radio Bremen | Lieselotte Scheewe

Silifatu Danya Damisah strahlt. Ein glückliches Lächeln liegt auf ihrem Gesicht, wenn sie von ihrem Deutschkurs erzählt. "Für mich ist der Kurs sehr, sehr wichtig, weil ich arbeiten möchte. Ich möchte nach dem Sommer eine Ausbildung zur Pflegerin machen", sagt die junge Frau. Dafür braucht sie die Prüfung vom Integrationskurs. "Wenn ich in Deutschland arbeiten möchte, muss ich das Sprechen üben und die Prüfung schaffen. Das kann ich nur mit dem Kurs", sagt sie.

Wenn sie die Prüfung in zwei Wochen besteht, sieht es für sie gut aus mit einem Ausbildungsplatz im August. So viel Glück haben nicht alle. Siligatu Danya Damisak ist eine der wenigen in Bremen, die im Moment einen Integrationskurs besucht. Die Mindestabstände und Hygienevorschriften müssen auch hier eingehalten werden. Mit dem Beginn der Pandemie wurden aber fast alle Integrationskurse geschlossen.

Keine Ausbildung ohne Integrationskurs

Bis Anfang Juli warteten die Träger wie Bildungswerk und Volkshochschule (VHS) auf Informationen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Es war lange offen, wie die Kurse organisiert und vor allem finanziert werden sollten. In Bremen, aber auch bundesweit, finden im Moment kaum Integrationskurse statt. Ein Online-Angebot soll die Lernenden weiter unterstützen. Den direkten Unterricht ersetzen kann das nicht.

Vor allem denjeningen, die sich zum August oder September für eine Ausbildung, eine Einstiegsqualifizierung oder einen Arbeitsplatz bewerben wollen, fehlt dann ohne den Kurs aber das Sprachzertifikat. Das ist eine Voraussetzung für eine Ausbildung.

Der Kurs, den Siligatu Danya Damisak besucht, ist eine Ausnahme. Das Paritätische Bildungswerk hat sich dazu entschlossen diesen weiterzuführen, weil der Großteil des Kurses schon vor der Pandemie begonnen hatte, und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen nur noch wenige Stunden bis zur Prüfung fehlen. Genauso machen es in Bremen auch andere Träger wie die VHS mit einzelnen Kursen. Weil die Räume nicht groß genug sind, ist das aber meist ein finanzielles Minusgeschäft. Und es bleibt dabei: Die meisten Integrationskurse sind gestrichen.

Von der Tochter Deutsch lernen

Drei Schüler nehmen in einer Volkshochschule an einem Integrationskurs teil
In Bremen machten laut Bamf im vergangenen Jahr 2.500 Menschen einen Integrationskurs. (Archivbild) Bild: DPA | Sophia Kembowski

Deutschlandweit mussten 220.000 Zuwanderer ihre Kurse zur Integration unterbrechen. Bis vor den bundesweiten pandemiebedingten Schließungen hatten davon 140.000 einen Integrationskurs und rund 80.000 einen speziellen Berufssprachkurs besucht, erklärt das Bundesministerium. In Bremen machten laut Bamf im vergangenen Jahr rund 2.500 Menschen einen Integrationskurs. Im Moment ist es nur ein Bruchteil davon.

Zwölf von ihnen sitzen an Einzeltischen mit Abstand zueinander in dem hellen Klassenraum des Paritätischen Bildungswerks. Wenn sie sich im Raum bewegen, setzen sie einen Mundschutz auf, auf den Tischen steht Desinfektionsmittel. Sie hören gespannt zu, während ihre Lehrerin Jana Schäfer mit ihnen den Unterschied von "seit" und "seid" übt.

"Seit sechs Jahren lebe ich in Deutschland", wiederholt Hanadi Najmeh. Sie ist, genauso wie Silifatu Danya Damisah, froh darüber, dass sie den Integrationskurs weiter besuchen darf. In der Zeit, als der Kurs nicht stattfand, hatte sie versucht, über das Online-Angebot Sprachübungen zu machen, wie sie erzählt. Sie hat zwei kleine Kinder, die in der Zeit auch zu Hause waren. "Das war schwierig, da war nicht viel Zeit für das Lernen, mich lange zu konzentrieren", sagt sie. Handi Najmeh sagt, sie habe zwar ein paar deutsche Freunde, zu Hause aber niemanden, mit dem sie viel Deutsch sprechen kann. "Manchmal spreche ich mit meiner sechsjährigen Tochter Deutsch", sagt sie.

Endgeräte für Online-Angebot fehlen

Auch andere aus dem Kurs hatten Probleme, das Online-Angebot zu nutzen. Nicht alle haben ein geeignetes Endgerät oder eine ausreichende Internetverbindung. "Den Unterricht auf dem Handy nur mit mobilen Daten zu verfolgen, ist sehr mühsam", sagt Kursleiterin Jana Schäfer. Außerdem fehle beim Online-Lernen der mündliche Austausch. "Ein wichtiger Teil der Prüfung ist Dialog und Sprechen. Das funktioniert nur im Präsenzunterricht", sagt sie. Und auch, zu den Teilnehmer*innen den Kontakt zu halten, sei digital nicht immer einfach gewesen.

"Wir gehen davon aus, dass wir durch die lange Pause einige Teilnehmer verloren haben. Die meisten wollen aber weiter lernen. Sie fragen beim Kursleiter danach. Sie wollen wieder im Klassenraum lernen", sagt Milda Girdzijauskaite. Sie leitet den Fachbereich für Deutschkurse beim Paritätischen Bildungswerk in Bremen und ist froh, dass das Bundesamt in dieser Woche die neuen Regelungen zu den Integrationskursen herausgegeben hat. Es sei gut, dass sie jetzt wieder planen kann, sagt sie. Direkt aufatmen kann sie aber nicht. Die neuen Regelungen des Bamf bringen Lösungen, aber auch Probleme mit sich.

Corona-Auflagen des Bamf schwierig umsetzbar

Das Bamf schlägt fünf Modelle vor, die meisten kombinieren Online-Lernen und Präsenzunterricht. Eines sieht vor, dass die Gruppe geteilt wird, und der Dozent immer von einem Raum in den anderen wechselt. Dazu seien nicht immer geeignete Räume da. "Wir müssen jeden einzelnen Kurs anschauen und priorisieren, welche Variante denkbar ist. Es kommt auf uns sehr viel Koordinationsarbeit zu", sagt Milda Girdzijauskaite. Der Pandemie-Zuschlag von 1.500 Euro pro Kurs sei besser als nichts, sagt die Fachbereichsleiterin, decke aber nicht die Kosten für einen Integrationskurs nach Corona-Auflagen.

Bernd Schneider, Pressesprecher des Bremer Sozialressorts, sieht die Lage realistisch und vorsichtig optimistisch. "Das Bamf hat sich überhaupt bewegt, das ist erst einmal ein Fortschritt." Optimal seien die Regelungen nicht. Es werde für Träger, Kursteilnehmerinnen und Kursleiter eine Herausforderung. Dennoch ist er der Meinung: "Wir sollten es erst einmal ausprobieren und sehen, wie es läuft." Es sei in allen sozialen Bereichen, in Schulen, Kitas, Unis oder eben den Bildungseinrichtungen, die Deutschkurse anbieten, keine leichte Aufgabe diese schrittweise wieder zu öffnen. "Corona bringt sowieso alles ins Stocken, auch die Integration", sagt er.

Kurse wieder ab September?

Dass sich die Integration verschiebt, meint auch Ricarda Knabe, Fachbereichsleiterin für Deutschkurse an der VHS Bremen: "Für die Kursteilnehmer ist es enorm wichtig, dass sie zu den Kursen kommen können. Sie haben sonst kaum soziale Kontakte, und der Lernfortschritt leidet, wenn sie nicht weitermachen mit dem Deutschlernen."

Genau wie die anderen Bildungsträger will die Volkshochschule nach den Sommerferien, spätestens im September flächendeckend wieder Integrationskurse anbieten. Dann hat Silifatu Danya Damisah, die junge Frau mit dem glücklich-strahlendem Lächeln, die jetzt noch für ihre Abschlussprüfung lernt, vielleicht schon ihre Ausbildung zur Pflegerin begonnen.

Zwei Plätze neben ihr, in dem hellen Schulungsraum des Paritätischen Bildungswerkes sitzt Tamara Kaitov vor einem Zettel mit Grammatikübungen. "Hier habe ich keine Angst vor Fehlern. Hier lerne ich die Themen, die ich brauche", sagt sie. Der Kurs ist für sie aber nicht nur ein Sprachkurs, er hilft ihr auch anzukommen. "Die anderen verstehen meine Situation, weil sie sie selbst kennen."

Rückblick Oktober 2019: Immer mehr Geflüchtete finden Jobs in Bremen

Video vom 4. Oktober 2019
Zwei Maler streichen eine Wand.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Lieselotte Scheewe

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 4. Juli 2020, 23.30 Uhr