Mit diesen 10 Problemen kämpft die Bremerhavener Innenstadt

Video vom 16. September 2021
Blick in eine Straße, links und rechts sind Gebäude zu sehen.
Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers
Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Leer, billig, nicht zeitgemäß: Die Bremerhavener Innenstadt kommt bei vielen Bürgern nicht gut an. Woran das liegt – und was die Stadt jetzt dagegen unternehmen will.

Karstadt, Saturn, McDonalds, Rossmann, DM, Schuhhaus Lange. Die Liste der Läden, die in den vergangenen Monaten in der Bremerhavener Innenstadt geschlossen haben, ist lang. In einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Stadt schneidet die Innenstadt bei vielen Befragten nicht gut ab: "Es braucht eine zeitgemäße Shoppingmall", "Es müsste attraktivere Geschäfte geben, weg von billig", "Es müsste lebendiger werden", finden die Teilnehmer.

Der Magistrat hat im vergangenen Jahr 2,5 Millionen Euro für ein "Aktionsprogramm Innenstadt" bereitgestellt. Die Ergebnisse bisher: ein Stadtgutschein, Kirchplatzkonzerte und kleine rote Häuschen, die als Sitzgelegenheiten, für Bepflanzung oder kleine Auftrittsorte für Künstler dienen sollen. Diese Ideen lösen aber nicht die großen Probleme.

1 Ungewisse Zukunft des Karstadt-Gebäudes

Blick auf ein Gebäude mit der Aufschrift "Karstadt".
Abriss oder alternative Nutzung – was soll mit dem ehemaligen Karstadt-Gebäude passieren? Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Große Diskussion gibt es insbesondere um das verlassene ehemalige Karstadt-Gebäude, das mitten in der Fußgängerzone steht. Die RFR Holding aus Frankfurt hat das Gebäude gekauft. Die Stadt möchte ihr den Komplex abkaufen. Beide Seiten äußern sich nicht zum Stand der Verhandlungen. Was mit dem Gebäude passieren soll ist noch unklar. Der Magistrat will sich auf Nachfrage von buten un binnen nicht zu seinen Plänen äußern. In der Stadt gibt es sowohl unter den Bürgern als auch in der Politik Stimmen für einen Abriss. Viele finden das Gebäude hässlich.

Andere wiederum wünschen sich, dass der Komplex wiederbelebt wird, entweder mit neuen Einkaufsläden, als Treffpunkt mit Gastronomie und Kultur oder als kreativer Raum für die Hochschule oder Künstler.

2 Einkaufsmagneten fehlen

Neben Karstadt hat auch Ankermieter Saturn Ende vergangenen Jahres die Fußgängerzone verlassen. Wenn große Anlaufpunkte fehlen, ist eine Innenstadt auch für kleinere Läden weniger attraktiv. Das ist kein Bremerhavener Phänomen, sondern eine Gesetzmäßigkeit, die auch andernorts zu beobachten ist.

3 Leerstand wächst

Blick in einen Gang, durch den Leute laufen, rechts und links sind geschlossene Läden zu sehen.
Heruntergelassene Rolltore, zugeklebte Schaufenster: Der Karstadt-Trakt steht leer. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Die Schließung von Karstadt löste quasi eine Kettenreaktion aus: Karstadt kündigte seinen Untermietern im Columbus-Center. 15 Geschäfte mussten schließen, darunter auch die Filiale des Drogeriemarktes DM. Ein paar Geschäftsleute haben sich neue Ladenlokale gesucht, andere haben aufgegeben – auch wegen des steigenden Online-Handels und der unsicheren Zukunft durch die Corona-Pandemie.

Letztere war auch Schuld, dass weitere Läden die Innenstadt verließen. So hatte etwa Rossmann ursprünglich große Pläne: Das Unternehmen hatte die bestehenden Räumlichkeiten im Columbus-Center gekündigt, weil die knapp 330 Quadratmeter große Ladenfläche zu klein war, um das gesamte Sortiment zu präsentieren. An anderer Stelle im Center sollte eine größere, rund 1.000 Quadratmeter große Filiale eröffnet werden. Diese Pläne sind aber zu Beginn der Pandemie auf Eis gelegt worden. 

4 Geringe Kaufkraft

Die Arbeitslosigkeit in Bremerhaven ist hoch, die Kaufkraft gering. Laut größtem deutschen Marktforschungsinstitut GfK beläuft sich die Kaufkraft in Bremerhaven aktuell auf 19.751 Euro pro Kopf. Damit liegt Bremerhaven 19 Prozent unter dem deutschen Bundesdurchschnitt und damit auf dem drittletzten Platz unter allen 401 deutschen Kreisen.

5 Fehlendes Angebot

Blick in einen leeren Gang, links und rechts sind Schaufenster zugeklebt.
Hier im Übergang vom Hanse-Carré zum Columbus-Center reiht sich ein leer stehendes Ladenlokal ans nächste. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Das Ergebnis der Online-Umfrage im Auftrag der Stadt zeigt: Viele Bürger wünschen sich unter anderem eine größere Auswahl an Läden. Genannt werden Outdoorläden, Elektrogeschäfte, Boutiquen mit nachhaltiger oder Designer-Mode, aber auch günstige Modeläden wie Primark. Auf der einen Seite fallen Worte wie fair, regional und nachhaltig. Unter den Vorschlägen sind unter anderem ein faires Kaufhaus und eine Markthalle mit regionalen, nachhaltigen Angeboten. Andere wünschen sich hingegen mehr Ketten mit billigen Produkten für junge Leute.

6 Kaum attraktive Aufenthaltsorte

Neben einer größeren Ladenauswahl hoffen viele Befragte zudem auf mehr Aufenthaltsqualität. Die Teilnehmer nennen zum Beispiel Cafés und Restaurants mit schönen Sitzgelegenheiten. Auch eine Markthalle mit einem Streetfood-Angebot und Grünflächen werden von vielen vorgeschlagen. Und insbesondere jungen Leute fehlt es an attraktiven Veranstaltungen. Viele Befragte können sich vorstellen, dass die Hochschule und Kulturvereine helfen, die Innenstadt zu beleben.

7 Verbindung zum Wasser fehlt

Blick auf eine breite Straße. Rechts ist ein Gebäude mit der Aufschrift "Columbus Center" zu sehen, links ist ein Hafenbecken.
Die breite Columbusstraße trennt die Innenstadt von den Havenwelten. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Ein Abriss des Karstadt-Gebäudes würde auch den Weg freimachen für eine Verbindung der Innenstadt mit dem Hafenbereich. Denn viele stört außerdem, dass die Innenstadt durch die breite Columbusstraße von den Havenwelten und vom Wasser getrennt ist. Sie wünschen sich eine Verbindung der beiden Bereiche, schließlich ist Bremerhaven eine Küstenstadt. Auch Verkehrsexperten wie Olaf Orb von der Handelskammer Bremen sehen hier Handlungsbedarf: "Die Columbusstraße hat eine enorme Barrierewirkung, und sie wirkt auch aus der Zeit gefallen. Es bietet sich einfach an, über die Columbusstraße nachzudenken." Abschaffen würde Orb sie nicht, aber sie schmaler machen und die freigewordene Fläche anders nutzen.

8 Mehr Aufenthaltsqualität am Wasser

Blick auf einen Sandstrand mit Strandkörben.
Bis zum schönen Weserstrandbad muss man ein ganzes Stück laufen. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Aber auch am Wasser wünschen sich die Bremerhavener mehr Aufenthaltsqualität. Hier gibt es kaum Möglichkeiten, gemütlich zu sitzen und etwas zu essen oder zu trinken. Das Weserstrandbad ist schwer zu erreichen. Man kommt nicht von der Deich-Promenade an den Strand, sondern muss einmal um das Strandbad herumlaufen – ein Umweg von ein paar Hundert Metern. Weiterer Wermutstropfen: Das Westerstrandbad ist nur von 10 bis 20 Uhr geöffnet und an einigen Tagen muss man Eintritt zahlen: Erwachsene 3 Euro pro Tag, Kinder ab 4 Jahre einen Euro, eine Familie zahlt 5 Euro.

9 Attraktive Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung

Rund um Bremerhaven zieht es viele Menschen zum Shoppen eher in Städte wie Oldenburg, Bremen oder Hamburg. Fragt man auf der Straße, schwärmen viele von "der schönen Oldenburger Innenstadt mit vielen Restaurants". In Bremen ist es gar nicht unbedingt die Innenstadt, die viele reizt, sondern die gut erreichbaren Shopping-Zentren wie Weserpark und Waterfront.

10 Unklare Zukunft

Auf einem Schild an einer Fensterscheibe steht "Zukunftscamp".
Hier in der ehemaligen Saturn-Filiale soll das "Zukunftscamp" stattfinden. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Nach der Online-Umfrage sollen jetzt erneut die Bürger ran, um die Innenstadt weiterzuentwickeln. In einem fünftägigen "Zukunftscamp" können alle Bremerhavenerinnen und Bremerhavener ihre Ideen austauschen. Passend zum Thema findet das Camp in den leer stehenden Räumen der ehemaligen Saturn-Filiale statt. Die Stadt veranstaltet die Aktion gemeinsam mit Urbanista, einem Büro für Stadtentwicklung aus Hamburg. Auf dem Programm stehen unter anderem Vorträge von Architekten, Workshops zu Themen wie Jugend, Wissenschaft und Nachhaltigkeit sowie Spaziergänge.

Auf die Frage, was das Ziel dieser Aktion ist und was mit den Ergebnissen passieren soll, antwortet der Magistrat knapp und vage: "Grundsätzlich ist es natürlich so, dass die Stadt, also der Magistrat, nur gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren eine Verbesserung der Situation bekommen kann. Gerade deshalb wird das Zukunftscamp als Baustein für ein integriertes Innenstadtkonzept veranstaltet", so Magistratssprecher Volker Heigenmooser.

Experten sehen aber auf jeden Fall Potenzial. So sagt Christian von Wissel, Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur, dass die Ausgangssituation Kreativität wecken kann und viele Möglichkeiten bietet: "Bremerhaven ist so ein Ort, wo man sich vorstellen kann, dass man Dinge bewegen kann. Wo man als junge Person das Gefühl hat: Hier kann ich Dinge anders tun, anders machen, weil es Freiräume gibt, die ich besetzen kann."

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Video vom 16. September 2021
DIe Fußgängerzone in der Bremerhavener Innenstadt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorinnen

  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin
  • Marissa Kimmel Webproducer/Webproducerin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. September 2021, 19:30 Uhr