Interview

Corona-Infektionen in Krankenhäusern: Hygiene-Experte schlägt Alarm

In Bremer Kliniken haben sich mehrere Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt. Wie groß ist das Risiko, sich im Krankenhaus – auch als Patient – zu infizieren?

Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin, zieht sich auf einer Corona-Intensivstation Einweghandschuhe an. (Symbolbild)
Krankenhaushygiene war schon vor Corona ein heikles Thema – gerade auch in Bremen. Bild: DPA | Sebastian Kahnert

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis auch Bremer Kliniken dieses Problem bekommen: Im Klinikum Links der Weser wurden laut Bremer Gesundheitsbehörde 32 Beschäftigte positiv auf das Corona-Virus getestet und auch bei einigen Patienten bestehe Corona-Verdacht. Im St-Joseph-Stift wurden acht Mitarbeiter positiv getestet. Über Infektionen in Krankenhäusern wird jedoch auch außerhalb der Corona-Krise immer wieder berichtet. Das Klinikum Bremen-Mitte hat da eine besonders leidvolle Erfahrung machen müssen, als drei Frühgeborene 2011 nach einer Keiminfektion starben.

Wie hoch ist jetzt das Risiko einer Corona-Ansteckung? Was hat sich durch das neue Virus geändert und wie gut vorbereitet sind die deutschen Krankenhäuser? buten un binnen hat dazu mit Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene gesprochen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit zu "normalen" Zeiten, sich als Mitarbeiter oder Patient in einem Krankenhaus zu infizieren?
Pro Jahr werden in Deutschland fast 20 Millionen Patienten in Krankenhäusern versorgt. Zwischen vier und fünf Prozent erleiden eine Infektion während des stationären Aufenthaltes, von denen die meisten Wundinfektionen nach Operationen, Harnwegsinfektionen und Pneumonien sind. Infektionen beim medizinischen Personal können ebenfalls auftreten, oft im Zusammenhang mit Ausbrüchen von beispielsweise Grippe- und Darminfektionen, die Patienten und Personal gleichermaßen betreffen können.
Der Schutz von Patienten und Personal ist in Deutschland durch ein umfangreiches Regelwerk organisiert. Er setzt jedoch voraus, dass ausreichend geschultes, professionelles Hygiene-Personal und ausreichend persönliche Schutzausrüstung vorhanden sind.
Sind die Krankenhäuser in der aktuellen Corona-Krise ausreichend versorgt?
Nein. In der aktuellen Coronavirus-Krise mangelt es an allen Ecken und Enden, insbesondere bei Atemschutz, Schutzkitteln und Desinfektionsmitteln.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, sich jetzt im Krankenhaus als Mitarbeiter oder Patient mit dem Coronavirus zu infizieren?
Das Risiko scheint sehr hoch zu sein, hängt aber in hohem Maße davon ab, ob ausreichend Schutzausrüstung vorhanden ist und auch in allen kritischen Situationen tatsächlich getragen wird. Wo insbesondere Schutzmasken fehlen, ist das medizinische Personal erheblich gefährdet. Das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung ist normalerweise trainiert und allen Beteiligten im Personal gut bekannt.

Die Katastrophe ist der Mangel und die Notwendigkeit, in der Verzweiflung zu improvisieren. Wir werden mit hohen Zahlen infizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen rechnen müssen. Im selben Zusammenhang werden auch andere Patienten angesteckt, die primär nicht an Covid-19 erkrankt sind. Wie die Verhältnisse in den Krankenhäusern sind, lässt sich aktuell noch nicht mit konkreten Zahlen belegen. Erste Daten aus Italien, Spanien und China lassen Schlimmes erahnen.
Welche Schutzausstattung ist für Mitarbeiter derzeit sinnvoll?
Zur persönlichen Schutzausrüstung gehören Atemschutzmasken beziehungsweise Mund-Nasenschutz, Augenschutz in Form von Schutzbrillen oder Gesichtsschilde, Schutzhandschuhe, Schutzkleidung in Form von Kitteln, flüssigkeitsundurchlässigen Schürzen, Kopfbedeckungen und auch Schutzschuhe. Das Tragen der unterschiedlichen Ausrüstungen regeln Empfehlungen, die je nach Risiko gestaffelt sind.
Welche Vorkehrungen sind empfehlenswert, um Personal und Patienten vor Coronaviren zu schützen?
Zwei Maßnahmen sind von zentraler Bedeutung. Erstens: testen, testen und testen. Wer früh weiß, wer infiziert ist – sei es bei Patienten oder beim Personal – kann sich adäquat schützen. Zweitens: konsequentes Tragen der Schutzausrüstung, insbesondere des Mund-Nasen-Schutzes oder in kritischen Situationen der Atemschutzmasken. Die professionellen Atemschutzmasken müssen dringend für den Medizinbetrieb reserviert werden – sie gehören nicht in den privaten, nicht-medizinischen Bereich.
Wie sollte ein Krankenhaus am besten vorgehen, wenn sich Mitarbeiter infiziert haben?
Es ist unter Bedingungen eines Personalmangels durchaus möglich, infizierte aber symptomlose Mitarbeitende weiter arbeiten zu lassen, wenn sie sich ausreichend mit Schutzausrüstung versehen können. Sie könnten auch gerade in der Versorgung von Covid-19-Patienten eingesetzt werden, da hier die Ansteckungsgefahr keine Rolle mehr spielen würde. Während der gesamten Tätigkeit ist natürlich wichtig, dass eine Symptomkontrolle gesichert ist.
Pfleger beschweren sich insgesamt schon länger, dass sie zu viele Patienten und daher zu wenig Zeit haben. Führt Zeitmangel eventuell zu Fehlern, die eine Ansteckungsgefahr erhöhen?
Es ist zwangsläufig, dass unter Bedingungen von Personalmangel und Arbeitsüberlastung Hygienemaßnahmen auf der Strecke bleiben. Der Zusammenhang von Personalmangel und Rate an Krankenhausinfektionen ist mehrfach beschrieben. Jeder normale Mensch kann sich vorstellen, dass einer Intensivpflegekraft, die drei bis vier Intensivpatienten versorgen muss, nur ein Bruchteil der Zeit zur Verfügung steht, die zum Beispiel für Händedesinfektion in allen erforderlichen Momenten nötig ist.
Welche sind jetzt die besonderen Herausforderungen?
Die Covid-19-Pandemie ist ein Jahrhundert-Ereignis, auf das einige Experten zwar theoretisch, die Mehrzahl der Verantwortlichen in allen Bereichen einschließlich der Politik aber nicht praktisch vorbereitet waren. Für die mangelnde Vorbereitung zahlen wir einen hohen Preis.
Das Krisenmanagement muss tagesaktuell entscheiden, es läuft in den betroffenen Ländern sehr unterschiedlich. Jeden Tag werden neue Fakten veröffentlicht, die die aktuellen Maßnahmen bestätigen oder in Frage stellen.
Die deutschen Krankenhäuser haben im Vergleich zur Situation in vielen anderen Ländern Zeit gewonnen, die ohnehin schon hohe Zahl an Intensiv- und Beatmungskapazitäten noch einmal zu erhöhen. Noch haben wir die maximale Belastungsgrenze nicht erreicht, aber aller Voraussicht nach wird sie erreicht werden.
Wie blicken Sie in die Zukunft?
Aktuell steht die Bewältigung der medizinischen Versorgung auf den Intensivstationen im Vordergrund. Die betrifft sowohl jede einzelne Klinik als auch die regionale und überregionale Koordination der Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Die Zahlen der Schwerkranken, der Intensivaufnahmen, der Beatmeten und der Gestorbenen werden Auskunft darüber geben, wo die Belastungen an ihre Grenzen kommen und wo sie überschritten werden. Meiner Einschätzung nach ist der Höhepunkt noch nicht erreicht.
Die aktuellen Herausforderungen verlangen zielgerichtete Präventionsmaßnahmen in den Bereichen, wo Personen mit erhöhtem Risiko für schwere, potenziell tödliche SARS-Cov-2-Infektionen leben. Eine umfassende Aufarbeitung der gesamten Breite der Krise und ihre Folgen wird erst danach möglich, aber auch zwingend erforderlich sein.

Knappe Schutzkleidung: In Bremens Kliniken wird Mundschutz mehrfach benutzt

Video vom 11. April 2020
Eine Person in Schutzkittel und Schutzbrille setzt eine Atemschutzmaske auf.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. April 2020, 19:30 Uhr