Vielfältig und verbindend: So lief die Hip-Hop-WM in Bremerhaven

Rund 3.500 Tänzer, 40 Länder und 8.000 Besucher – doch die Hip-Hop-WM ist so viel mehr als ein Sport-Event. Ein Rundgang durch die stimmungsgeladene Stadthalle.

Eine dunkel gekleidete Tanzgruppe zeigt eine Choreografie, auf dem Boden sitzen Zuschauer.

Auf dem Weg zum dritten Tag der Hip-Hop-Weltmeisterschaft in Bremerhaven wird die Atmosphäre immer dichter. Vorbei an unzähligen Autos mit ausländischen Kennzeichen auf dem Parkplatz – Slowenien, Dänemark, Niederlande. Hinein ins Foyer der Stadthalle, wo sich Kleingruppen mit Bluetooth-Ghettoblastern einstimmen und größere Formationen an ihren Choreografien feilen. Drinnen angekommen liegen fette Bässe, hohe Temperaturen und pure Euphorie in der Luft. Kostümierte Tänzer soweit das Auge reicht.

Teilnehmer aus Thailand, Kanada, USA und Südafrika

Ein Mann steht mit aufgestützten Armen in einer Halle und schaut in die Kamera.
Tim Pohlenz begleitet seine Tochter Leonie bei Wettbewerben und ist in der Szene gut vernetzt.

Von den nahezu lückenlos besetzten Rängen tönen Anfeuerungsrufe und Kreischen. Eltern mit Kameras und Großeltern mit Strickzeug sitzen dort. Alles blickt aufs Parkett, wo die Wettkämpfer nach und nach ihr Bestes geben. "Die längsten Anreisen hatten die Delegationen aus Thailand, Kanada, den USA oder Südafrika", erzählt Tim Pohlenz. "Viele Teilnehmer kommen jedoch aus Europa, darunter auch Russland." Seine Tochter Leonie war bereits Weltmeisterin und ist so etwas wie eine Lokalmatadorin im Hip-Hop-Tanz in Bremerhaven. Die 14-Jährige hat sich in der Ausscheidung am Morgen ins Finale ihrer Altersgruppe getanzt.

Das Feedback, das man hier bekommt, kann man nicht beschreiben.

Sidney Macauley, Tänzer
Ein dunkelheutiger, junger Mann in schwarzer Kleidung posiert für die Kamera.
Sidney Macauley aus Hannover stand im Finale der Hip-Hop-WM.

Bremerhaven ist gut erreichbar, es habe viel positives Feedback gegeben, sagt Pohlenz. Nicht so weit hatte es Sidney Macauley, der ist mit seiner Crew "Gangster Soul" aus Hannover angereist ist. "Das fühlt sich nach einem Heimvorteil an und ist sehr motivierend", sagt der 22-Jährige. Die jährliche Vorbereitung auf die Turniere sei vor allem Arbeit an sich selbst, denn für sich selbst mache er das alles. "Das Feedback, das man hier bekommt, kann man nicht beschreiben", sagt Macauley. Währenddessen spricht ihn eine Frau auf Englisch an und lobt seine vorherige Darbietung in höchsten Tönen. "Das ist viel Bestätigung", sagt der Tänzer und freut sich. Bei seinem Finale im Solo der männlichen Erwachsenen erreicht Macauley am Abend den dritten Platz.

WM-Ausrichter hätten sich mehr Unterstützung gewünscht

Ein junger Mann steht vor der Tanzfläche und guckt in die Kamera.
Moritz Beer gehört zum Organisationsteam der WM, die Tanzschule seiner Familie richtet sie aus.

Neben dem Parkett steht Moritz Beer. Die Tanzschule seiner Familie richtet die Hip-Hop-WM aus. "Der Wettbewerb wird reihum in verschiedenen Ländern ausgetragen", erklärt der 21-Jährige. "Deutschland hat sich in die Spitze getanzt und die Austragung erarbeitet." Die Tanzschule Beer hat bereits große Wettbewerbe veranstaltet und verfügt über die nötige Erfahrung. Im Vorjahr fand die Europameisterschaft in Bremerhaven statt, eine Art Testlauf. "Es läuft bisher sehr, sehr gut", zieht Beer eine positive Zwischenbilanz. "Die Richter und Tänzer sind zufrieden, die Stadt bietet sich super an."

Von der Tourismusabteilung hätte man sich im Vorfeld allerdings mehr erhofft. "Am Ende sind sie uns mit einem Infostand entgegen gekommen, schön wäre zum Beispiel ein Shuttle in die Stadt gewesen." Trotzdem würden die Besucher essen und einkaufen gehen, die Hotels seien ausgebucht, selbst in Bremen seien viele untergekommen. Die meisten seien für die ganze Woche angereist. Aber auch Publikum aus Bremerhaven käme in die Stadthalle. "Die Stimmung ist sehr cool", beschreibt der 21-Jährige die Atmosphäre. "Das ist mehr als Sport, das ist ein großes Miteinander, alle gratulieren einander, obwohl natürlich auch Konkurrenzkampf herrscht." Als in dem Moment eine Tänzerin verletzt am Boden liegen bleibt, wird die Musik gestoppt. Die Halle verstummt, Sanitäter eilen herbei. Schließlich steht das Mädchen wieder und es brandet aufmunternder Applaus auf.

Inklusive Gruppe wird Weltmeister

Eine Gruppe junger und alter Tänzer posiert für ein Gruppenfoto.
Die inklusive Tanzgruppe "Your Dance Generation" wurde Weltmeister in der Kategorie "Production".

Besonders laut wird es auch, als die rund 150 Tänzer der inklusiven Gruppe "Your Dance Generation" aus Osnabrück und Emsdetten ihren Auftritt haben. Sie sind zwischen sieben und 60 Jahren alt, berichtet Patsy Hull, zu deren Tanzschule die Formation gehört. Der Beitrag läuft in der Kategorie "Production" und widmet sich einem speziellen Thema. "We are Fighting for our Future" ist der Titel und greift Umweltverschmutzung und Diskriminierung auf. "Die Politik soll sich zusammenreißen", sagt Hull. Für die Message und ihre Darbietung wird die Truppe schließlich mit dem Weltmeistertitel belohnt.

Die Tanzschulen leben von ihren Hip-Hop-Abteilungen. Das ist auch ein Riesen-Markt.

Moritz Beer, WM-Organisationsteam

Angesprochen auf die vielen ausgefallenen Outfits, unterstreicht Moritz Beer dieses besondere Merkmal der Kultur. "Hip-Hop-Tänzer sind sich ihres Styles bewusst und auch auf der Straße schnell erkennbar." Dahinter steckten teilweise ganze Geschichten. Momentan seien etwa schusssichere Westen angesagt, die wohl mit dem Gangster-Image der Hip-Hop-Szene spielten. Für die Europameisterschaft im Vorjahr seien von der Stadthalle doppelt so viele Ordner wie jetzt eingesetzt worden. Womöglich in Erwartung einer Horde eben jener Gangster. Beer lacht. Im Grunde handele es sich jedoch um Leistungssport. "Die Tanzschulen leben von ihren Hip-Hop-Abteilungen", sagt Beer. "Das ist auch ein riesen Markt."

Rike Jürgens holt WM-Titel in die Region

Zwei Mädchen zeigen Urkunden, Medaillen und einen Pokal.
Leonie Brouwer-Pohlenz (links) und Rike Jürgens nach ihren Finals. Bild: Tim Pohlenz

Eine Welt, in der sich auch Leonie Brouwer-Pohlenz trotz jungen Alters schon lange bewegt. Vater Tim Pohlenz betreut sie seit zehn Jahren beim Tanzen, kümmert sich um Medien und Sponsoren. "Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen", sagt der 39-Jährige. "Ich bin da mit rein gewachsen, das ist inzwischen so etwas wie mein Ausgleich zum Job als Geschäftsführer einer Stiftung." Am Abend belegt Leonie den fünften Platz im Solo Finale der weiblichen Junioren. Bei den Erwachsenen ertanzt sich schließlich die 17-jährige Rike Jürgens aus Langen bei Bremerhaven den Weltmeistertitel.

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Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 17. Oktober 2019, 18:06 Uhr