Dieses verfallene Haus bei Bremerhaven birgt ein düsteres Geheimnis

Sie waren eine Schande. Damit niemand erfuhr, was sie getan hatten, landeten junge Frauen in einem Heim in Loxstedt. Was sich einst dort abspielte, weiß kaum einer.

Ein heruntergekommenes Haus steht auf einem verwilderten Grundstück.
Das ehemalige Heim in der Straße "Sandberg" in der Gemeinde Loxstedt verfällt nach und nach.

Fensterscheiben fehlen, Dachpfannen sind heruntergestürzt, die Farbe blättert ab: Langsam rottet das alte Haus in der Straße "Sandberg" in der Gemeinde Loxstedt im Landkreis Cuxhaven vor sich hin. Was sich einst hinter den Mauern des verfallenen Hauses abspielte, weiß kaum einer. Die Nachbarn sprechen von einem "Mädcheninternat" oder einem "Mädchenheim".

Eine ältere Frau lächelt in die Kamera. Im Hintergrund sind unscharf ein Haus und Bäume zu erkennen.
Lisa Hülseberg wollte eigentlich in ihrer Chronik über das Heim schreiben.

Dass das kaum jemand weiß, sei kein Wunder, sagt Lisa Hülseberg. Schließlich sei das lange ein Tabuthema gewesen. Die Ortsheimatpflegerin aus dem Loxstedter Ort Hahnenknoop aber weiß, dass es sich nicht einfach nur um ein "Mädchenheim" handelte. Als die 85-Jährige an diesem Vormittag an ihrem Esstisch in der Stube alte Fotos aus einem Album heraussucht, tut auch sie sich schwer, zu erklären, um was für eine Art "Heim" es sich damals handelte: "Wenn sie etwas Böses getan hatten, wenn sie unter die Räder gekommen sind...". Lisa Hülseberg zögert. "Wenn sie sich mit Männern eingelassen hatten und schwanger wurden", erklärt sie dann. Mit Männern eingelassen hatten, mit denen sie nicht verheiratet waren.

Lisa Hülseberg hat eine Chronik über ihren Ort und die Umgebung geschrieben. "Hahnenknoop – Vom Vorwerk zum Dorf" heißt das 2007 erschienene Buch. Ganz am Ende, auf den letzten Seiten, schreibt sie auch über das Heim. Viel steht da allerdings nicht. "Ich habe nichts gefunden", sagt die 85-Jährige. Zwischen 1999 und 2007 forschte sie in Staatsarchiven, bei der Gemeinde und der Kirchengemeinde – vergeblich. Auch ihre Gespräche mit älteren Einwohnern brachten sie nicht weiter. Der eine oder andere hatte von den gefallenen Mädchen gehört, wusste aber nicht mehr. Darüber sprach man nicht.

Aber fünf alte Aufnahmen konnte Lisa Hülseberg auftreiben. Sie hatte in ihrem Ort dazu aufgerufen, ihr alte Fotos für die Chronik zur Verfügung zu stellen. Zu sehen ist das Heim von außen, ein Blick ins Nähzimmer, eine Aufnahme der Frauen und ihrer Betreuerinnen am Esstisch und ein Bild von der Heuernte.

Lisa Hülseberg spielte als Kind im ehemaligen Heim

Dabei würde die Seniorin gerne mehr wissen, denn sie hat einen persönlichen Bezug zu dem Gebäude. Das Heim muss es etwa bis zum Zweiten Weltkrieg gegeben haben, sagt sie. Denn als sie etwa sechs Jahre alt war, war es kein Heim mehr. Die Räume wurden vermietet. Eine befreundete Familie wohnte dort, erinnert sich Lisa Hülseberg. Mit den vier Söhnen und der Tochter der Familie spielte sie gerne. Deshalb weiß Lisa Hülseberg zumindest vage, wie die jungen Frauen gelebt haben.

Im Untergeschoss waren die Gemeinschaftsräume. Oben hatte jedes Mädchen ein eigenes Zimmer. An jeder Tür stand etwas wie Liebe, Hoffnung, Treue.

Lisa Hülseberg, Chronistin

Als junges Mädchen habe sie einmal den Begriff "gefallene Mädchen" aufgeschnappt. Sie habe damals gedacht, es handele sich um ein Krankenhaus für Mädchen, die etwa gestürzt sind. Ihre Mutter klärte sie dann auf, aber nur kurz und knapp.

"Ich weiß nur, dass die Mädchen tüchtig arbeiten mussten in der Landwirtschaft", berichtet Lisa Hülseberg. Alles andere kann die Chronistin nur vermuten: "Sie blieben wohl dort, bis ihre Kinder geboren wurden oder sie sich mit ihren Eltern versöhnt hatten", sagt sie. Die Babys wurden laut Hülseberg wahrscheinlich zur Adoption freigegeben. Die 85-Jährige glaubt nicht, dass damals Mädchen aus der Umgebung dort unterkamen. Schließlich sollte ihre Schwangerschaft ja geheim bleiben.

Heime dieser Art gab es früher viele. Meistens auf dem Land, gut versteckt. Man nannte sie auch Mütterheime oder Entbindungsheime. Den dicken Bauch der jungen Frauen – und die Schande, die er bedeutete – sollte niemand sehen. 

Inschrift gibt Hinweis

In ihrer Chronik schreibt sie vom "Heim der Eben-Ezer". Eben-Ezer stand nämlich an der Hauswand des Heimes, darunter ein Kreuz und der Zusatz "hierher hat uns der Herr geholfen". Das ist auch auf einer der alten Aufnahmen zu sehen. Lisa Hülseberg schloss daraus, dass das Heim zur Eben-Ezer-Stiftung, einer christlichen Einrichtung innerhalb der evangelischen Kirche, gehörte. Auf Nachfrage von buten un binnen teilte die Stiftung jedoch mit, nichts mit diesem Heim zu tun zu haben.

Recherchen von buten un binnen ergaben, dass es sich bei dem Vers auf der Hauswand um ein Bibelzitat handelt. Weitere Recherchen verliefen zunächst im Sande.

Da nahm Samuel einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen und hieß ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen.

Lutherbibel von 1912 (1. Samuel 7:12)

Spuren im Stadtarchiv

Doch dann meldet sich Archivarin Daniela Stammer zurück. Im Bremerhavener Stadtarchiv hat sie zwar nicht viel gefunden, aber immerhin geht aus Briefen, Urkunden und einem alten Zeitungsartikel hervor, dass Bernhard Krause, ein Geschäftsmann aus Bremerhaven-Lehe, das Heim für die gefallenen Mädchen mit privaten Geldern gegründet hat. Auch seine Todesanzeige findet Daniela Stammer. Krause verstarb 1934 im Alter von 74 Jahren. Die Trauerfeier fand beim Heim "Eben Ezer" statt. Wenige Jahre nach seinem Tod, 1937, wurde das Haus verkauft und das Heim aufgelöst. Wer die jungen Frauen waren und wie es ihnen in dem Heim ergangenen ist, darüber gibt es auch im Stadtarchiv keine Informationen.

Lisa Hülseberg hätte gerne mehr erfahren, nicht nur für sich. Die 85-Jährige erinnert sich an eine Situation im Lebensmittelladen vor mehreren Jahren. Da sprach ein junger Mann sie und einige Frauen aus dem Ort an, die gerade in ein Gespräch vertieft waren. "Der suchte auch dieses Heim. Da wäre irgendjemand von seinen Vorfahren gewesen. Er hätte die Papiere gefunden und die Adresse. Und dann wollte er da hin."

Was aus ihm geworden ist, weiß Lisa Hülseberg nicht. Und auch nach der Veröffentlichung ihres Buches hat sich niemand bei ihr gemeldet.

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  • Sonja Klanke
  • Dörthe Schmidt

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Schauplatz Nordwest, 19. August 2019, 10:40 Uhr