Interview

Warum die Gründung des AWI eine "tränenreiche Geschichte" war

Das AWI in Bremerhaven wird im Juli 40 Jahre alt. Helmut Schmidt hatte vielleicht Einfluss auf die Wahl des Standorts – und Klimawandel war früh ein Thema. Der erste Direktor erzählt.

Video vom 3. Juni 2020
Zwei dick eingepackte Männer im Schnee. Der eine drehteinem Stab in den Boden, der andere verpackt den Bohrkern.
Bild: Radio Bremen
Herr Hempel, wie erinnern Sie sich an die Gründung des AWI?
Das war eine lange und streckenweise tränenreiche Geschichte. Grund waren ressourcenpolitische Fragen. Die deutsche Hochseefischerei hatte durch das Seerecht ihre Fangplätze verloren und musste nach neuen Fanggründen suchen. Außerdem war klar, dass sich alle Mineralien verknappen, also auch da suchten nun die Geologen nach neuen Lagerstätten. Und nur die Antarktis war noch frei. Deswegen bestand der Drang in der Bundesregierung, hier etwas zu tun. Seit 1975 gab es Antarktis-Expeditionen mit Fang- und Fabrikschiffen, die fingen vor allem den Krill, eine fünf Zentimeter große Leuchtgarnele. Man nahm an, dass der Gesamtbestand an Krill größer war als der gesamte Fischbestand im Ozean. Davon wollte man profitieren. Das war eine der Fragen, die die Bundesregierung veranlasste.
Und die andere Frage?
Die andere Frage war eine politische. Wir hatten bei den Seerechtsverhandlungen schlecht abgeschnitten. Wir hatten nur einen ganz kleinen Wirtschaftssektor in der Nordsee und in der Ostsee, also wollte man bei neuen Verhandlungen über die Antarktis ein Mitspracherecht haben. Das Mitspracherecht wiederum hing an der Mitgliedschaft in der Konsultativrunde der Antarktis-Vertragsstaaten. Das waren seinerzeit zwölf Staaten, die praktisch über die antarktischen Gewässer regierten. In diese Konsultativrunde wollte die Bundesrepublik einsteigen, dazu musste man aber dauerhaft dort forschen. Um dauerhaft dort forschen zu können, musste man dort eine Station haben. Also musste eine Forschungsstation her. Und wenn man eine Forschungsstation haben will, dann braucht man auch ein Versorgungsschiff. Und wenn man ein Versorgungsschiff haben will und die Logistik richtig betreiben will, braucht man ein Forschungsinstitut.
Und warum wurde Bremerhaven als Standort gewählt?
In Bremerhaven gab es den SPD-Bundestagsabgeordneten Horst Grunenberg, der seit 1976/77 die Idee hatte, dass Bremerhaven ein Forschungsinstitut haben muss, und ein Versorgungsschiff, das so groß ist, dass es auch ein Forschungsschiff sein kann. Er hatte einen guten Draht zu Helmut Schmidt, seinem Parteifreund. Also bewarben sich Bremerhaven und Bremen als Standort für das Polarinstitut und man wollte dort auch das Schiff bauen.
Gab es denn andere Bewerber?
Kiel war sehr stark in der Meeresforschung. Ich war damals in Kiel. Wir betrieben sehr stark eine Bewerbung für Kiel für das Polarinstitut. Internationale Spitzenkräfte hatten uns bestätigt, dass Kiel der geeignete Standort ist und nicht Bremerhaven, weil Bremerhaven wissenschaftliches Hinterland war. Die wissenschaftliche Kommission im Wissenschaftsrat schloss sich dem Gutachten an und sagte, Kiel sei der Ort der Wahl.
Und dennoch wurde es Bremerhaven.
Bremen und Bremerhaven gaben nicht auf, machten große Versprechungen, wie sie ihre Universität mit weiteren Professuren aufpeppen würden.
Und das hat am Ende überzeugt?
Schleswig-Holstein war ja damals CDU-regiert und Bremen SPD-regiert, das kann vielleicht eine Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall sagte Bremen, das Institut kommt nach Bremen, nicht nach Bremerhaven. Es soll auf den Campus der Universität und hat so ein wissenschaftliches Umfeld. Das wiederum veranlasste Werner Lenz, den Oberbürgermeister von Bremerhaven, dazu, sich an Helmut Schmidt zu wenden. Und der entschied dann schließlich am 12. Dezember 1979: Das Polarinstitut kommt ins Land Bremen zur Stärkung der wissenschaftlichen Standorte Bremen und Oldenburg. Beide Universitäten sollten davon profitieren. Und Bremerhaven sollte der endgültige Standort sein.
Konnten Sie denn damit leben? Sie waren doch eigentlich für Kiel.
Ich hatte für Kiel gekämpft. Ich wurde dann sehr schnell gefragt, ob ich Direktor werden will. Ich habe es mir dann nur kurz überlegt, und mir gesagt, eigentlich ist das eine gute Sache und jetzt versuchst du mal, daraus etwas Schönes zu machen. Ich war mir sicher, dass sich die Bremerhavener große Mühe geben würden. Die waren weichgekocht durch diesen langen Kampf. Und tatsächlich haben Bremerhaven und das Land Bremen alle ihre Zusagen voll erfüllt. Sie haben also große Anstrengungen unternommen. Es gab damals eine enge Vernetzung zwischen der SPD, der Landesregierung, dem Bremerhavener Magistrat und der Neuen Heimat als dem großen Grundbesitzer in Bremerhaven, und so ergaben sich günstige Voraussetzungen für einen schnellen Bau.
Was waren damals Ihre Forschungsziele? Der Bund wollte ja, dass Sie auch Ressourcen auftun, das ist ja eher unwissenschaftlich.
Also primär sollte das Institut ein Logistikzentrum sein. Die Logistik sollte im Vordergrund stehen, weil ja die deutschen Universitäten an verschiedenen Stellen etwas Polarforschung betrieben. Und dann haben andere und ich argumentiert, dass ein Logistikzentrum nicht lohnt, sondern wir Begleitforschung machen müssen. Und dadurch wurden dann erstmals 60 Leute eingestellt und das AWI ist zum Forschungszentrum geworden.
Woran haben Sie denn geforscht?
Ich habe mich sehr danach gerichtet, was im Ausland im Moment großes Thema ist oder wo es eine Lücke gibt, die wir gut füllen könnten. Die Polarstern ist für uns der große Schlüssel für den Eintritt in die internationale Gemeinschaft der Polarforscher gewesen. Die Meeresforschung war nicht so gut entwickelt und die Polarstern war damals mit weitem Abstand das beste Forschungsschiff. Etwa ein Drittel der Plätze auf diesem Schiff sollte ausländischen Forschern dienen, ein Drittel deutschen Universitäten oder anderen deutschen Instituten, und ein Drittel AWI-Leuten. Am Anfang war es sogar so, dass mehr Leute aus dem Ausland da waren und wir von denen auch noch eine Menge gelernt haben. Das Schiff war also ein schwimmendes wissenschaftliches Zentrum.
Konnten Sie denn frei forschen?
Wir konnten im Alfred-Wegener-Institut sehr frei forschen und es ist uns nie vom Bund gesagt worden, was wir tun müssen. Da waren wir so frei wie ein Max-Planck-Institut, das war also großartig.
Haben sich die Forschungsziele mit der Zeit verändert?
Die Forschung wurde breiter. Es hat sich dadurch verändert, dass das AWI 1986 das Institut für Meeresforschung in Bremerhaven übernommen hat. Damit haben wir die Nordseeforschung mit übernommen. Das Institut war besonders gut bei der Untersuchung von Meeresverschmutzung. Mit dieser Übernahme veränderte sich der Name des Alfred-Wegener-Instituts, ursprünglich war es ein Institut für Polarforschung, und nun heißt es Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.
Spielte der Klimawandel in Ihrer Zeit als Direktor schon eine Rolle?
Ab 1986/87 spätestens spielte der Klimawandel in unserer Forschungsplanung eine doch immer wachsende Rolle und dies war unser Glück, denn die Ressourcenfrage, die war Mitte der 80er-Jahre tot. Also die Daseinsberechtigung unserer Marinenpolarforschung ging langsam ein und dann bekam ich durch einen guten Freund in Amerika, der ein Berater der amerikanischen Regierung war, den Hinweis, sie würden gerne mit den Europäern auf irgendeine Weise den "Global Change", wie es damals hieß, erforschen, und das müsse international gemeinsam gemacht werden. Damals waren die Amerikaner der Meinung, dass man so etwas nur durch internationale Zusammenarbeit machen könnte. Wir zogen zum Wirtschaftsminister und von da an spielte der Klimawandel eine entscheidende Rolle für das AWI. Also der Klimawandel kam genau zur rechten Zeit – also der Gedanke an den Klimawandel.
Sie waren zwölf Jahre Leiter des AWI. Was war Ihr persönliches Highlight?
1986 hatten wir eine fünfmonatige Expedition im antarktischen Wedellmeer. Meine Frau, die ja Meeresbiologin ist, war auch mit auf dem Schiff. Es war ein internationales Leben auf dem Schiff, das war einfach wunderbar. Das war meine schönste Reise.
Worum ging es bei dieser Reise?
Unsere Gruppe untersuchte vor allem die Jugendstadien des Krills und ich hatte eine ganze Menge Doktoranden, die systematisch die verschiedenen Lebensgemeinschaften im Wedellmeer untersucht haben: Wer lebt am Meeresboden? Wer lebt als pflanzliches Plankton im freien Wasser? Wer ist da als tierisches Plankton? Wer frisst wen? Es war ja Neuland. Diese Untersuchungen, die in der Nordsee seit 100 Jahren gemacht wurden, die wurden da zuerst gemacht. Da war eine fantastische Aufbruchstimmung dabei.
Das klingt ja bisher alles super. Gab es denn auch Schwierigkeiten?
Das große Problem war, wirklich gute Leute nach Bremerhaven zu bekommen. Bremerhaven war damals eine von wirtschaftlichen Nöten – hohe Arbeitslosigkeit, zusammenbrechende Werften, zusammenbrechende Fischindustrie – gebeutelte Stadt. Nicht attraktiv, die roch immer noch ein bisschen nach Gammel. Die Stadt war insbesondere für die Ehefrauen wenig attraktiv. Für die Frauen war praktisch keine Arbeit dort. Wenn sie nicht Lehrerinnen waren, dann waren sie also praktisch verloren. Die Suche nach Personal war wirklich mein größtes Problem.
40 Jahre AWI – was bedeutet das für die Wissenschaft?
Das Alfred-Wegener-Institut ist insbesondere durch die Polarstern aus der internationalen Polarforschung nicht mehr wegzudenken. Es ist eines der führenden Institute, es zeichnet sich dadurch aus, dass es in der Arktis und in der Antarktis gleichermaßen arbeitet – von vornherein war das so geplant.
Macht Sie das stolz?
Ach, was heißt stolz? Ich bin dankbar, dass das Institut so entstanden ist, so gewachsen ist, und dass ich meinen Anteil daran habe.

Klima, Meer und ewiges Eis: Die wichtige Botschaft des AWI

Video vom 6. Juni 2020
Der Boden ist eben und mit Schnee bedeckt. In der Ferne türmen sich schneebedeckte Berge auf.
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Mathias Siebert
  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Juni 2020, 19:30 Uhr