Warum es ohne Oma und Opa in vielen Bremer Familien nicht geht

Viele Kinder in Bremen und umzu werden regelmäßig von Oma und Opa betreut. Das hat sich auch in der Pandemie nur wenig geändert, denn ohne sie funktioniert es oft nicht.

Video vom 24. Februar 2021
Ein älteres Ehepaar wird auf einem Spielplatz interviewt.
Bild: Radio Bremen

Ohne Großeltern, die die Enkel betreuen, funktionieren viele Familien nicht. Das galt vor Corona und vielfach noch mehr in der Pandemie. Denn durch die sind noch ganz neue Aufgaben hinzugekommen – zum Beispiel für die Bremerin Kirsten Riedt.

Seit der Trennung ihres Sohnes spielt die 56-Jährige eine große Rolle im Leben ihres Enkels, denn der achtjährige Elias lebt seitdem mit seinem Vater bei Oma im Haus. Im Moment ist sie aber nicht nur die Großmutter, die bei der Betreuung aushilft, sondern auch die Hauslehrerin. Sie plant den Unterricht – und die Pausen – und versucht, jeden Tag ein bestimmtes Pensum mit Elias zu schaffen. Selbst dann, wenn der dazu keine Lust hat.

Sie sei zwar keine Lehrerin, habe aber immer noch mehr Geduld als der Opa des Kindes, erzählt Kirsten Riedt und lacht. "Das ist stellenweise recht anstrengend", sagt sie und erzählt von mühsamen Starts in den Tag und schwer verständlichen Arbeitsblättern.

Einschnitt durch erste Infektionswelle

Rund sechs Millionen Großeltern in Deutschland betreuen laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen regelmäßig ihre Enkelkinder. Auch in Bremen und umzu springen Omas und Opas ein, wenn ihre Kinder und Enkel sie brauchen. Während der ersten Corona-Welle und dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 änderte sich das in vielen Familien jedoch schlagartig.

Großmutter spielt mit Enkelin eine Klatschspiel (Symbolbild)
Auch jetzt noch eine Gratwanderung: Wie viel Nähe ist gut – und ab wann ein Risiko? Bild: Imago | PhotoAlto

Damals warnten Landes- und Bundesregierung sowie Forscherinnen und Epidemiologen vor dem Kontakt mit den Großeltern. Wo es möglich war, gingen Familien auf Abstand. Das zeigte sich auch in einer Online-Umfrage des Deutschen Jugendinstituts, an der sich im April und Mai 2020 deutschlandweit mehr als 8.000 Eltern von Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren beteiligten: Vor der Pandemie waren bei mehr als der Hälfte der unter sechsjährigen Kinder Großeltern an der Betreuung beteiligt. Während des ersten Lockdowns ging dieser Anteil auf unter 20 Prozent zurück. Eine harte Zeit für Kinder, Eltern und Großeltern gleichermaßen.

Marina Segelken erinnert sich: "Ganz am Anfang der Pandemie war es sehr schwierig, weil der Kontakt ganz eingeschränkt war." Sie vermisste ihre Enkel – doch vor allem sah sie, wie ihre Tochter litt. "Meine Tochter war ziemlich fertig", erzählt die 64-Jährige. Es schmerzte sie, dass sie ihre Tochter nicht besser unterstützen konnte – vor allem, weil die gerade wieder schwanger war.

Auch Marieanne Häuschen aus Bremen-Hastedt sah ihre beiden Enkel Luis und Lennard zwischen März und Juli gar nicht. Die 72-Jährige ist vor allem traurig über die vielen verpassten Erlebnisse – wie viel Zeit einem zusammen bleibe, sei schließlich auch ohne Pandemie immer völlig ungewiss. Sie sagt: "Bei mir zuhause waren die beiden seit zwei Jahren nicht mehr."

Pragmatisch durch die Pandemie

Mit der Gewöhnung an die Pandemie haben viele Familien die zunächst strengen Regeln gelockert – und wieder mehr Kontakt mit den Großeltern. Marina Segelken zum Beispiel ist wieder ziemlich eingespannt. Ihre Tochter hat vor einer Woche den dritten Sohn bekommen, deshalb spielt Segelken zurzeit oft mit den beiden älteren Brüdern.

Großvater puzzelt mit Enkelin auf dem Wohnzimmertisch (Symbolbild)
Viele Großeltern holen mit den Enkelkindern auch nach, was sie bei den eigenen Kindern verpasst haben. Laut dem Deutschen Jugendinstitut gilt das besonders für Großväter. Bild: Imago | Imagebroker/

Segelken nimmt sich Zeit für den vierjährigen Remus und den zweieinhalbjährigen Elia, damit ihre Tochter sich um das Baby kümmern und ausruhen kann. Sorgen um ihre eigene Gesundheit macht Segelken sich dabei nicht. Sie und ihr Mann seien fitte Segler, die normalerweise den Sommer auf ihrem Boot verbringen.

Kirsten Riedt erzählt hingegen, dass sie manchmal fast durchdrehe vor Sorge. Nicht wegen ihrer eigenen Gesundheit, sondern wegen der ihres Mannes. Der ist lungenkrank und gilt deshalb als Hochrisiko-Patient. Weil sie aber im selben Haus wohnen, sei es gar nicht möglich, ihren Enkel nicht zu sehen. Elias vollständig abzuschirmen sei aber auch keine Option: "Wir können den Kleinen auch nicht völlig isolieren", sagt Riedt. Er darf also weiterhin zwei seiner besten Freunde treffen.

Sorgen um Entwicklung der Kinder

Auch Marieanne Häuschen lässt es sich nicht nehmen, ab und zu wieder auf den zweieinhalbjährigen Luis und den achtjährigen Lennard aufzupassen. Sorgen macht sie sich dabei vor allem um ihre Enkel.

Ich mache mir mehr Sorgen darum, welche Auswirkungen das alles auf die Kinder hat. Dem Großen fehlt ganz viel – besonders, wenn ich das so mit meinem Sohn in dem Alter vergleiche.

Marieanne Häuschen (72) aus Bremen-Hastedt

Häuschen fürchtet, die Prägungen, die die Kinder jetzt erfahren, könnten dauerhaft etwas verändern. Sie ist besorgt, dass die Kinder zu viele problembelastete Gespräche der Erwachsenen mitbekommen. Außerdem würden ihnen viele wichtige Erfahrungen fehlen. Häuschen sagt: "Etwas Schönes zu machen, ist schwieriger geworden." An ihr und den anderen engagierten Großeltern liegt das allerdings nicht.

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Video vom 16. Februar 2021
Ein Schild mit "Kinder & Bildung".
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 8:40 Uhr, 24. Februar 2021