Corona-Impfstoff: Glaeske übt Kritik – Ärztekammerchefin ist empört

Einige Pflegekräfte in Bremen sind noch skeptisch, ob sie sich impfen lassen möchten. Ein Bremer Experte kann das nachvollziehen – doch das sorgt für Empörung.

Video vom 8. Januar 2021
Der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske in einem digitalen Interview.
Bild: Radio Bremen

Viele haben die Corona-Impfung lange erwartet und hoffen, dass sich die Pandemie damit in den Griff bekommen lässt. In Deutschland ist die Impfkampagne gegen Covid19 vor knapp zwei Wochen angelaufen. Erst einmal sind die über 80-Jährigen dran, sowie ihre Pflegekräfte in den Heimen. Doch viele Beschäftigte sind skeptisch, was die Impfung angeht.

Diese Skepsis teilt Gerd Glaeske. Er ist Apotheker und hat neben Heinz Rothgang die Leitung der Abteilung "Gesundheit, Pflege und Alterssicherung" am Socium der Uni Bremen inne. Bei Bremen Eins erläuterte er im Gespräch, wie er zum Corona-Impfstoff steht.

Mich treibt die ganze Zeit ein Punkt um: Wie läuft eigentlich die Kommunikation über die Impfstoffe? [...] Da kommt einiges zusammen. Ich glaube, dass die Skepsis da nicht unberechtigt ist, weil noch viele Fragen unbeantwortet sind.

Gerd Glaeske, Apotheker

Glaeske kritisiert die Schnelligkeit der Zulassungen. "Es ist problematisch, dass man aus den Studien noch nicht alle Daten vernünftig interpretiert oder analysiert hat, weil die Studien bisher nur den Behörden vorliegen, aber nicht externen und unabhängig analysierenden Wissenschaftlern", so der Apotheker.

Für ihn sei es wichtig, dass die Fragen der Skeptiker Ernst genommen werden – und Antworten gesucht werden. Vor allem brauche es weitere Hinweise auf die Größenordnung der unerwünschten Nebenwirkungen. "Was man deutlich machen sollte: Es ist ein Schutz für mich selbst, wenn ich mich impfen lassen. Man weiß aber noch nicht genau, ob es auch ein Schutz für die anderen ist", sagt Glaeske. Auf diese Fragen müsse man gute Antworten geben können.

Ich glaube, dass ist ein wesentlicher Aspekt in der Kommunikation, der bisher ein wenig fehlt. Die Schnelligkeit der Impfkampagne hatte Vorrang als die Interpretationen und Analyse der Daten, die vorliegen.

Gerd Glaeske, Apotheker

Ob er sich selbst impfen lassen würde, weiß Glaeske noch nicht abschließend. Er sei da zurückhaltend. "Je mehr man darüber liest, auch von seriösen Kolleginnen und Kollegen, desto mehr kritische Fragen kommen einem." Deshalb würden Wissenschaftler – und auch er selbst – fordern, dass die Rohdaten der Hersteller extern analysiert werden. Um eine informierte Entscheidung zu treffen, bräuchten wir noch mehr Antworten auf die offenen Fragen. "Und von diesen informierten Entscheidungen sind wir noch recht weit entfernt", sagt Glaeske.

Präsidentin der Ärztekammer ist empört

Ganz anders sieht Heidrun Gitter die aktuelle Impfsituation. Sie ist die Präsidentin der Ärztekammer Bremen. Impfen sei wie jede medizinische Maßnahme immer eine Abwägung von Risiko und Nutzen, deshalb "empört es mich wahnsinnig, dass Herr Glaeske andeutet, die Schnelligkeit der Impfkampagne hätte Vorrang gehabt." Laut Gitter sei bei der Zulassung des Corona-Impfstoffes nur eine Sache anders gelaufen als bei anderen Arzneimitteln. Und zwar habe die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) die Daten laufend bewertet, anstelle darauf zu warten, dass alle Daten gleichzeitig vorliegen. "Inhaltlich war die Prüfung nicht anders als bei anderen Medikamenten auch", erläutert Gitter. Jedes neue Medikament sei noch nicht langzeiterprobt. Sie würden nach der Zulassung quasi im Feldversuch der breiten "klinischen" Anwendung weiter erforscht. Und genau das werde mit dem Impfstoff jetzt auch gemacht.

Der Nutzen dieser Impfung im Vergleich zu dem bestehenden Risiko ist nach unserem aktuellen Wissenstand viel höher. Bestimmte Gruppen haben ein hohes Risiko an dieser Krankheit zu sterben – das war der Grund für die Eile.

Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen

Problematisch finde Gitter, dass Glaeske suggeriere, medizinisches Personal würde nicht auf den Impfstoff warten. Das Gegenteil sei aus ihrer Sicht der Fall, die Bremer Ärzte und das Personal in den Praxen würden auf ihr Impfangebot warten.

Laut Gitter seien alle Altenheimbewohner, die sich impfen lassen wollten, einmal geimpft worden. Sie sei stolz auf die Leistung der Bremer. Der Sprecher des Gesundheitsressorts, Lukas Fuhrmann, widersprach der Darstellung. Es werde noch bis Ende Januar dauern bis alle Bewohner in Alten- und Pflegeheimen geimpft seien.

Nach der zweiten Impfung hätten die Heimbewohner zu 95 Prozent die Chance entweder gar nicht mehr zu erkranken oder auf einen leichteren Verlauf, so Gitter. Das sei segensreich und es wäre unärztlich, nicht zu impfen. "Natürlich steht es jedem frei, sich nicht impfen zu lassen. Es gibt keine Impfflicht."

Außerdem deute Glaeske an, nur wegen fehlender Daten sei unklar, ob der Impfstoff andere Menschen mitschütze. "Das ist so aber nicht richtig: Es ist immer wieder kommuniziert worden, dass dieser Impfstoff hauptsächlich die Person schützt, die geimpft wird. Anders ist es als beispielsweise bei der Masernimpfung, deshalb gibt es bei der auch eine Verpflichtung für bestimmte Berufsgruppen zum Beispiel in der Patientenversorgung oder im Umgang mit Kindern. Was die epidemiologische Wirkung des Impfstoffs angeht und auch wie lange die Wirkung der Impfung anhält, muss jetzt noch weiter untersucht werden. Es ist von seriöser Seite aber auch nie etwas anderes gesagt worden."

Darüber hinaus seien die Daten zur Zulassung des Impfstoffs bei der EMA frei einsehbar – in mehreren Sprachen. Es sei eine alte Forderung, alle Daten der Firmen öffentlich machen zu müssen – nur liegen auf neuen Arzneimitteln Patente und deshalb greife da zum Teil das Geschäftsgeheimnis. "Mit einer Verschleierungstaktik, wie Herr Glaeske es andeutet, hat das nichts zu tun", wehrt sich Gitter gegen die Aussagen des Apothekers.

Wer wird wann gegen Corona geimpft?

Video vom 27. Dezember 2020
Eine Grafik mit der Überschrift "Wer wird wann gemipft?". Zu sehen sind Spritzen, im Hintergrund die Umrisse von Bremen und Bremerhaven sowie die Zahl "4875".
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 8. Januar 2021, 8:40 Uhr