5 Jahre IS-Kalifat: Die Spuren nach Bremen

Ende Juni 2014 rief die Terrorgruppe ISIS im Irak und in Syrien das Kalifat aus. Heute soll der Islamische Staat (IS) besiegt sein. Reicht der Arm des IS noch bis zu uns?

Männer sitzen mit einer schwarzen Flagge auf einem Auto.
Mittlerweile ist das Kalifat des IS zerschlagen – doch die Gefahr ist womöglich noch nicht gebannt. Bild: DPA | Dabiq/Zuma Press

Rückblick. Bremen im Februar 2015. Terrorwarnung. In der Innenstadt stehen an jeder Ecke bewaffnete Polizisten. Später heißt es, dass gewaltbereite Islamisten in der Stadt gewesen seien. Schon ein Dreiviertel Jahr, nachdem der IS sein Kalifat ausgerufen hatte, war er plötzlich so nah. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) hatte seinerzeit diese Erklärung parat: "Wir haben seit März letzten Jahres konkrete Hinweise bekommen aus verschiedenen Quellen, dass es Personen gibt, die wir der salafistischen Szene zuordnen, die versuchen, sich zu bewaffnen."

War Terrorwarnung angemessen oder Überreaktion?

Bewaffnete Polizisten vor Rathaus und Dom. (Symbolfoto: Anti-Terror-Einsatz vom 28.02.2015))
Ungewohnt für Bremen: Nach der Terrorwarnung prägten bewaffnete Polizisten das Stadtbild. Bild: DPA | Carmen Japersen

Jochen Grabler leitet die Rechercheredaktion bei Radio Bremen und beschäftigt sich schon lange mit dem sogenannten Islamischen Staat. Zu den Geschehnissen 2015 sagt er: "Dieser Terroralarm stand auf tönernen Füßen, weil die Informationen, die dazu geführt haben, von sehr windigen Quellen kamen und dazu auch, wie sich herausstellte, grandios überinterpretiert waren. Dass tatsächlich eine Gefahr bestand, halte ich für ausgeschlossen mittlerweile."

Zu den Gründen für die Fehleinschätzung sagt er: "Ich glaube, dass die Dynamik dieser Zeit und auch die Bewertung, die im Bremer Innenressort vorgenommen worden ist, dazu geführt haben, dass die Bremer Behörden tatsächlich überreagiert haben – auf eine dann doch sehr dürftige Quellenlage."

Rückkehrer Harry S.

Auch mit einem Rückkehrer hat Radio Bremen gesprochen. Harry S. war 26 Jahre alt, als er nach Syrien zum IS gereist ist. Er hatte gehofft, dort das Paradies zu finden, wie er sagt. Dass es eher die Hölle ist, erkannte er ziemlich schnell.

Ein Mann sitzt auf einem Sofa.

"Die ersten Tage war nur Laufen. Die haben uns nur laufen lassen in der heißen Sonne. Es war heiß, extrem. Manche konnten nicht mehr, besonders die Jüngeren, die erst 14, 15 waren. Die waren schon am Ende. Und wenn man nach Trinken gefragt hat, wurde man geschlagen", erinnert sich Harry S.

Manche, die aufgegeben haben, wurden ausgepeitscht, vor versammelter Mannschaft. Und man musste dann immer sagen: Wir sind Verlierer, wir sind Versager, weil wir das Training nicht aushalten.

Harry S.

Sind Rückkehrer Signal für das IS-Ende?

44 Menschen aus Bremen haben sich dem IS angeschlossen, in Niedersachsen sind es 85. Zurückgekehrt sind in Bremen 13, in Niedersachsen gibt es 37 Rückkehrer. Im März dieses Jahres hieß es: Der Islamische Staat ist besiegt. Gefährlich bleibt er trotzdem.

Jochen Grabler erklärt, warum die Gefahr durch den IS seiner Meinung nach weiterhin besteht: "Diese Leute sind immer noch da oder sie kehren zurück, sind erstmal untergetaucht oder in der Region unterwegs und aktivierbar. Wir wissen, es gab große Trainingscamps für Selbstmordattentäter. Die Bereitschaft dieser jungen Männer, sich – zumeist nach einer Gehirnwäsche – selbst in die Luft zu sprengen für den heiligen Krieg, war sehr groß. Dass die das einfach so loswerden, weil der IS militärisch verloren hat, das glaube ich nicht."

Innensenator Ulrich Mäurer im Gespräch mit Reportern

Auch Hazim Fouad glaubt nicht daran, dass der IS ungefährlich geworden ist. Er ist Islamwissenschaftler und beim Bremer Verfassungsschutz unter anderem zuständig für den IS. Seiner Beobachtung nach geht die Propaganda weiter: "Die Gefahr des IS geht von der Ideologie aus, die immer noch verbreitet wird – in Internetforen, in Chatgruppen – und die von den Anhängern weiter forciert wird. In denen wird dazu aufgerufen, mit einfachsten Mitteln Anschläge zu begehen."

Wir können nicht sagen, dass mit der physischen Zerschlagung des sogenannten Kalifats auch die damit einhergehende Bedrohung vollständig beendet ist.

Hazim Fouad, Islamwissenschaftler

Heute mehr Islamisten als vor fünf Jahren

In Bremen soll es heute 540 Salafisten geben – 200 mehr als noch 2015. In Niedersachsen spricht man von einem leichten Anstieg auf 880 Salafisten. Deswegen gibt sowohl Bremens Innensenator Mäurer als auch der niedersächsische Innenminister Pistorius keine Entwarnung: Beide gehen von einer gleichbleibend hohen Bedrohung aus.

Beim Bremer Verfassungsschutz heißt es, dass Anschläge der Größenordnung wie im Februar 2015 momentan unwahrscheinlich sind – kleinere Anschläge sind aber weiterhin denkbar.

Merh zum Thema:

Autorin

  • Kirsten Rautenberg

Dieses Thema im Programm: Der Morgen, Bremen Zwei, 28. Juni 2019, 07:35 Uhr