Interview

Was den Freimarkt für uns so unwiderstehlich macht

Der Freimarkt ist heute so faszinierend wie vor fast 1.000 Jahren. Ein Volksfestforscher erklärt, warum das so ist – und der Markt sämtliche Moden übersteht.

Besucher fahren mit dem Kettenkarussell auf dem Bremer Freimarkt
Viele freuen sich das ganze Jahr auf die zwei Wochen im Oktober – rund vier Millionen Besucher zieht der Freimarkt jedes Jahr an. Bild: Benjamin Eichler
Herr Szabo, was ist das Geheimrezept des Bremer Freimarkts? Kann man es auf eine Formel bringen?
Feste wie der Freimarkt versprechen ein Erlebnis. Einen Zustand der Außeralltäglichkeit, das hat was Rauschhaftes. Man vergisst die Zeit, den Ort, Zukunft und Vergangenheit. Aber auch die kleinen Sorgen: Reicht das Geld? Habe ich Stress im Beruf? Dieses Erlebnis auf einem Jahrmarkt lässt sich natürlich nicht dauerhaft aushalten, weshalb diese Feste immer nur für eine bestimmte Zeit stattfinden. Man nimmt dann das Erlebte mit als Inspiration in den Alltag. Das ist die Faszination des Marktes. Was man aber auch nicht vergessen darf: Volksfeste geben diesen Erlebnissen eine Bedeutung. Deshalb sind Feste und Jahrmärkte wichtig für die Identität einer Gegend, und auch für die Identität der Besucher.
Aber eigentlich kann man sich doch heute Adrenalinkicks vom Sofa aus holen – mit Computerspielen zum Beispiel.
Das Besondere im Vergleich zu Computerspielen oder anderen Spielen ist, dass der Körper im Zentrum steht. Auf den Festplätzen wird massiv auf den Körper eingewirkt. Bei den Fahrgeschäften ist das offensichtlich, aber natürlich spielt auch der Alkohol eine Rolle – und die Sexualität, die auf den Festplätzen immer präsent ist. Sie ist vielleicht die ursprünglichste Form des sich selbst Vergessens.
Also mit anderen Worten: Auf der Kirmes kann man besser flirten als beim Computerspielen?
Hundertprozentig. Die Kirmes ist eine wunderbare Möglichkeit, um jemanden kennenzulernen. Sie war historisch immer auch eine Art Heiratsmarkt. Man geht mit seiner Clique dahin und fährt Autoscooter – Autoscooter ist ja letztlich eine Art Diskothek – und wenn man sich jemanden ausgeguckt hat, kann man mal unverfänglich hinfahren und gucken, ob der Funke überspringt. Angenommen, das ist so, kann man sich zusammen in ein etwas heftigeres Fahrgeschäft setzen. Da kommt man sich noch näher. Allein durch kinetische Kräfte wird Körperlichkeit hergestellt. Wenn das dann funktioniert, ist es gut. Wenn es nicht funktioniert, kann man sagen: 'Das tut mir leid, das war das Karussell, ich wollte das gar nicht.'

Wenn es aber geklappt hat, kann man wunderbar in die Geisterbahn gehen, was natürlich auch früher ein guter Ort war, um mal zu knutschen – vor 100 Jahren nannte man das poussieren – weil man einfach für einen kurzen Moment den Blicken entzogen war in der Dunkelheit. Man kann an die Schießbude gehen, um eine Plastikrose zu schießen. Und dann gibt es natürlich die gemeinsame Fahrt auf der Achterbahn. In einem Experiment in den 70er-Jahren ist erforscht worden, dass Menschen, die gemeinsam einer Extremsituation ausgesetzt sind, Stress als Verliebtsein missinterpretieren. Und am Schluss gibt es natürlich ein Lebkuchenherz als Liebesgabe, falls die Worte fehlen.
Soziologe Sacha Szabo
Sacha Szabo ist Soziologe und erforscht unter anderem, was Menschen an Jahrmärkten fasziniert. Bild: Bücher Foto
Das hört sich alles ein bisschen nach Teenie-Romanze an. Aber es gehen ja auch ziemlich viele andere Leute auf solche Märkte. Suchen die das Gleiche oder ist das was anderes?
Bei einem Festmarkt ist es nicht nur dieser Heiratsmarkt, sondern es geht auch um das Erlebnis. Volksfeste stellen eine Art Gegenwelt zum Alltag dar. Da gibt es natürlich die Achterbahn, die sehr dynamisch ist, aber im Gegenzug gibt es auch das Riesenrad, das einen entschleunigt, einen aus der Masse heraushebt und man blickt wie aus göttlicher Perspektive auf die Welt unter einem. Dann gibt es solche Dinge wie das Bierzelt, das über einen alkoholischen Rausch diese Erfahrungen ermöglicht. Es gibt Karussells, sogenannte Hoch-Rundfahr-Geschäfte, die einen kopfüber schleudern, bis die Welt tatsächlich auf dem Kopf steht. So spricht natürlich der Festplatz ganz unterschiedliche Bedürfnisse an.

Wie gehen die Schausteller damit um, dass immer mehr Menschen sehr viel Freizeit im Netz verbringen? Nehmen die neuen Fahrgeschäfte das auf?
Viele Fahrgeschäfte wurden bisher als sehr passiv wahrgenommen. Man versucht jetzt, die Fahrgeschäfte interaktiver zu machen. Es gibt Achterbahnen, Geisterbahnen, bei denen man virtuell Ziele treffen kann [auch bei der "Geisterfabrik", der neuen Geisterbahn auf dem Freimarkt, Anm. d. Red.].

Was auch sehr in Mode kommt: dass man mit Head Mounted Displays, also diesen Bildschirmen, die wie eine Brille am Kopf befestigt sind und Videos zeigen, auf einer Bahn fährt und gleichzeitig einen anderen optischen Reiz bekommt. Auf der Kirmes gab es schon immer Adaptionen der Alltagstechnik. Das beginnt bei dem, was wir heute als Kinderkarussell haben. Das war ursprünglich mal ein Trainingsgerät der mittelalterlichen Ritter. Ein Aufzug  wurde im 19. Jahrhundert auf der Kirmes zum Aussichtsturm, und die Eisenbahn war ein Stück weit Ideengeber für die Achterbahn. Menschen, die sich das sonst nie hätten leisten können, hatten auf der Kirmes die Möglichkeit, mal in einem Auto oder auf einem Fahrrad zu sitzen.
Kann man sagen, es gibt bestimmte Typen von Menschen, die Jahrmärkte besuchen?
Es gibt erst einmal zwei Typen: Die, die sich davon angesprochen fühlen, dass es auf einem Jahrmarkt unmittelbarer, roher und sensationeller zugeht und die deshalb hingehen. Und es gibt die anderen, die genau aus den Gründen wegbleiben. Für einen kurzen Moment sind auf Volksfesten und Jahrmärkten die sozialen Schichten aufgehoben. Es herrscht dort eine Art von Verbrüderung. In dieser Gemeinschaft ist man für diesen kurzen Moment gleich.

Eines meiner liebsten Fahrgeschäfte ist die Achterbahn. Sie spricht die Angstlust im Menschen an. Auf der Achterbahn kann man sehr schön beobachten, wie Menschen unterschiedlich mit der Angst umgehen. Man sagt in der Psychoanalyse: Es gibt Angstsucher und Angstmeider. Auf der Achterbahn also diejenigen, die die Arme hochreißen und jauchzen und die, die sich lieber festklammern und die Augen schließen. Wenn man solche Feste besucht, ist das außerdem eine Art Alltagsflucht, kann man sagen.
Den Freimarkt gibt es schon sehr lange, schon seit fast 1.000 Jahren. Was meinen Sie, überlebt er noch weitere 1.000 Jahre?
Spontan: Ja! Ich habe ja schon erwähnt, dass der Körper bei dem Erlebnis auf Jahrmärkten ganz wichtig ist. Natürlich wird der Körper auch beim Computerspielen zu Hause am Schreibtisch in irgendeiner Form angesprochen. Natürlich gibt es Überlegungen, den Geist auf Festplatten zu bannen und ins Internet einzuspeisen. Aber ganz ehrlich: Der Körper ist ein Ort des Lustvollen, und eine Welt ohne Lust ist ehrlich gesagt doch recht unlustig.

Autorin

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. Oktober 2019, 17:10 Uhr