100 Jahre Frauenwahlrecht: So kämpften Bremerinnen um ihre Stimmen

1918 bekamen Frauen endlich, was sie wollten: das Wahlrecht. Die ersten Bremerinnen wurden bald Abgeordnete in der Bürgerschaft. Doch der Weg dorthin war lang und steinig.

Illustration von Frauen an der Wahlurne um 1919 (Archivbild)
Im Januar 1919 durften deutsche Frauen zum ersten Mal wählen und gewählt werden. Bild: DPA | Costa

Als am 12. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen in Deutschland eingeführt wurde, hätte diese historische Errungenschaft in Bremen fast untergehen können. Denn nur wenige Tage vorher hatte sich in der Hansestadt zunächst ein Soldatenrat und dann ein Arbeiterrat gebildet. Der Arbeiter- und Soldatenrat entmachtete am 14. November den Senat und die Bürgerschaft. Bremen war also mitten im politischen Umsturz, als deutsche Frauenrechtlerinnen – darunter auch einige Bremerinnen – ihr lang gesetztes Ziel erreichten.

Mehr als 80 Prozent der Frauen wählten

Es kam anders als in England oder den USA, wo Suffragetten, so wurden die Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht genannt, erbittert auf der Straße um ihre Rechte gekämpft hatten. Das Frauenwahlrecht wurde vom Rat der Volksbeauftragten regelrecht verordnet. Das deutsche Kaiserreich stand an seinem Ende, eine neue politische Form sollte her: die Republik. Am 19. Januar 1919 durften deutsche Frauen damit erstmals an die Wahlurnen treten und sich selbst zur Wahl stellen.

Gewählt wurde die verfassungsgebende Nationalversammlung. Die Wahlbeteiligung der Frauen lag bei über 80 Prozent. Insgesamt zogen mit vier Nachrückerinnen 41 Frauen in die Nationalversammlung ein. Das war ein Anteil von fast zehn Prozent der Abgeordneten. Ein Frauenanteil in dieser Höhe wurde auf nationaler Ebene erst bei der Bundestagswahl im Jahr 1983 wieder erreicht, schreiben Historikerinnen.

Frauen hatten kein Versammlungsrecht – außer in Bremen

Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich mehr und mehr Vereine, die sich für die Rechte von Frauen stark machten. Bis 1908 war es Frauen allerdings verboten gewesen, sich zu versammeln oder in Vereinen zu organisieren. Gegner des Frauenwahlrechts wiesen gerne darauf hin, dass Frauen nicht politisch organisiert seien und es leicht zu Chaos kommen könne, wenn man sie auf einmal Wahlen mitbestimmen lasse.

In Bremen allerdings galten Versammlungs- und Vereinsgesetze, die Frauen nicht ausschlossen, wie die Historikerin Romina Schmitter in einem Aufsatz zur Rechtsstellung der Frau schreibt. Damit nahm Bremen eine besondere Stellung ein, meint Schmitter. 1904 gründete die Lehrerin Luise Koch den Bremer Verein für Frauenstimmrecht. Sein Zweck: "für die Frauen die politische Gleichberechtigung zu erkämpfen".

Welches Wahlrecht soll’s denn sein?

Auguste Kirchhoff
Die Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff forderte ein allgemeines, gleiches Wahlrecht. Bild: Staatsarchiv Bremen

In den Verein trat bald die bekannte Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff ein. Sie sprach sich für das allgemeine, gleiche, geheime und freie Wahlrecht aus. Über diese Frage zerstritten sich nicht nur in Bremen Aktivistinnen: Die einen, die eher zur gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung zählten wie die Bremerin Minna Bahnson, wollten das Klassenwahlrecht für Frauen einführen.

Andere forderten einen radikaleren Wechsel hin zu einem  demokratischen Wahlrecht. Das althergebrachte Klassenwahlrecht sollte weichen. Kirchhoff fragte, "was der Frau ein an Besitz und Bildung geknüpftes Wahlrecht" nütze, "solange die wirtschaftliche Lage der Frau eine so viel schlechtere als die der Männer" sei. Der Bremer Arbeiter- und Soldatenrat schaffte im Übrigen das Acht-Klassen-Wahlrecht ab.

Rita Bardenheuer schaffte es bis in die Bürgerschaft

Bild von Rita Bardenheuer
Rita Bardenheuer zog als eine von 18 Frauen in die Bremer Nationalversammlung ein.

Eine wichtige Mitstreiterin und Freundin von Auguste Kirchhoff war Rita Bardenheuer. Die Frauen kannten sich über die Arbeit im Frauenstimmrechtsverein. Als sich der Deutsche Bund für Frauenstimmrecht spaltete, weil seine Mitglieder unterschiedliche Meinungen dazu hatten, für welche Art von Frauenwahlrecht man eintreten solle, trat Bardenheuer dem Verein bei, der sich für das allgemeine und gleiche Wahlrecht einsetzte. Er nannte sich Deutscher Frauenstimmrechtsbund. Die ausgebildete Lehrerin wurde Vorsitzende der Bremer Ortsgruppe. 1919 trat sie in die SPD ein. Das jedoch hatte unschöne Folgen für die Familie: Ihr Mann, der Kaufmann war und für das Unternehmen Melchers arbeitete, verlor seinen Job. Doch Bardenheuer schritt weiter in ihrer politischen Karriere.

Am 9. März 1919 fand die Wahl zur Bremer Nationalversammlung mit erstmaliger Beteiligung von Frauen statt. 18 Frauen wurden in die Versammlung gewählt, darunter auch Rita Bardenheuer. Sie war bei der Wahl im Jahr 1920 auch eine der ersten weiblichen Bürgerschaftsabgeordneten.

Welche Auswirkungen hatte das Frauenwahlrecht?

1918 bereits das Frauenwahlrecht einzuführen – damit tat sich Deutschland innerhalb Europas schon hervor. Viele andere Staaten schufen erst Jahrzehnte später eine politische Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel allerdings brachte dieser wichtige Schritt zur politischen Teilhabe zunächst nicht. Gleichstellung von Frauen und Männern blieb ein Feld, auf dem vieles geändert werden musste – bis heute.

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 8. März 2018, 6.37 Uhr