Wie eine Aktion gegen sexuelle Belästigung zum Zankapfel wurde

"Ist Luisa da?" – diese Frage sollte Bremerinnen in Bedrängnis helfen. Jetzt gehen zwischen zwei Frauenberatungsstellen Anwaltsschreiben hin und her – dabei will keiner Streit.

Ein Schild mit einer Sprechblase, auf der "Ist Luisa da?" steht.

Der Bremer Frauennotruf startete 2017 eine Kampagne, die Frauen in bedrängenden Situationen Hilfe bieten sollte. Unter dem Code "Ist Luisa da?" sollten sich Frauen, die sich in Bremer Clubs und Kneipen belästigt oder bedroht fühlen, an das Personal wenden und Hilfe bekommen. Die Mitarbeiterinnen des Bremer Notrufs ließen ein Design, Flyer, Plakate erstellen. Inklusive Personalaufwand habe sie das Projekt 18.000 Euro gekostet, rechnet Mitarbeiterin Sina Nahrwold vor. Mehr als 30 Bremer Kneipen machten zuletzt mit, man hatte das Projekt auch ins Englische übertragen, es sollte an der Jacobs University an den Start gebracht werden. Doch nun ist es gestoppt, Plakate sind abgehängt, die Wirte über das Ende informiert.

Beratungsstelle in Münster entwickelte "Luisa ist hier"

Denn eine andere Beratungsstelle aus Münster macht eine Markenrechtsverletzung geltend. Sie hat im Frühjahr 2019 für das eigene Konzept Markenschutz in Anspruch genommen. Denn unter dem Code "Ist Luisa hier?" bekommen Frauen in Münster bereits seit 2016 Hilfe, wenn sie sich in Bars und Kneipen belästigt fühlen. Das Konzept dazu hat der Münsteraner Frauen-Notruf entwickelt. Dem ging eine eigene Umfrage unter Frauen zwischen 18 und 30 Jahren voraus. Sie wurden dazu befragt, ob sie bereits belästigt worden seien und wenn ja, an welchen Orten. Ergebnis: "An erster Stelle stand dabei die Straße, an zweiter Stelle die Kneipe", sagt Gerlinde Gröger, Leiterin der Münsteraner Bertungsstelle. Die Mitarbeiterinnen entwickelten die Kampagne "Luisa ist hier" und ließen sich dabei von einer ähnlichen Aktion unter dem Namen "Ask for Angela" inspirieren, die es bereits in Großbritannien gab, wie Gröger berichtet.

"Es gab großes mediales Interesse, auch bundesweit", sagt Gröger. "Es kamen immer mehr Einrichtungen auf uns zu. Wir haben uns gefreut über die Resonanz." Dann habe man eine eigene Koordinierungsstelle für die Kampagne eingerichtet. "Das Landeskriminalamt hat sich gemeldet und Unterstützung angeboten. Wir haben dann gemeinsam einen Leitfaden für teilnehmende Gastronomen entwickelt", sagt Gröger. Wer die "Luisa"-Kampagne nutzen will, kann eine Lizenz- und Bearbeitungsgebühr in Höhe von 100 Euro zahlen und verpflichtet sich, die angebotenen Materialien unter dem gleichen Design zu nutzen. "Wer das Projekt übernimmt, kann die Plakate mit dem eigenen Logo nutzen", sagt Gröger.

Bremer Notruf wollte anderes Konzept verwirklichen

In Bremen planten die Mitarbeiterinnen des Notrufs Anfang des Jahres 2017 ein Präventionsprojekt. "Wir sind dabei auf die Münsteraner Beratungsstelle gestoßen, weil sie ein Konzept für Deutschland entwickelt hatten", erklärt Sina Nahrwold von der Beratungsstelle. "Es gab telefonisch Kontakt und wir haben gefragt, ob wir die Kampagne nach Bremen bringen können", sagt Nahrwold. Münster bot an, das gegen 100 Euro und Übernahme des Corporate Designs zu tun. Soweit sind sich beide Beratungsstellen einig.

Doch die Bremer Beraterinnen wollten ein anderes Konzept und anderes Design verwirklichen. Sie zogen nach eigenen Angaben juristischen Rat hinzu und erfuhren, dass zu dem entsprechenden Zeitpunkt 2017 kein Markenschutz bestanden habe. Also entwickelten die Mitarbeiterinnen ein Projekt mit eigenem Design, ließen Plakate und Flyer drucken, noch im selben Jahr ging die Kampagne mit dem Code "Ist Luisa da?" an den Start. "Wir hatten die Idee: Es ist einfacher, wenn das Projekt bundesweit mit Luisa den gleichen Namen trägt", sagt Nahrwold.

Konflikt dreht sich um Nähe beider Kampagnen

Doch genau um diese Nähe dreht sich nun der Streit – wie immer bei der Frage, ob Markenrechte verletzt sind. Mit anderen Beratungsstellen in Deutschland gebe es den nicht, sagt Gerlinde Gröger. In Tübingen entwickelte man beispielsweise eine Aktion mit dem Code "Arbeitet Uli heute?", der ein anderes Konzept zugrunde liegt. Über die Nähe zur eigenen Kampagne habe man bereits im September 2017 telefoniert, sagt Gröger. Im Frühjahr 2019 meldeten die Münsteranerinnen in Bremen eine Markenrechtsverletzung an und baten darum, Zusammenhänge ihrer Kampagne zu der Münsteraner Kampagne von Website und Facebook zu entfernen.

Denn die Bremerinnen hatten stets darauf hingewiesen, dass es Anleihen für ihr Projekt in Münster gibt. Der Bitte kamen sie nach. Danach folgten mehrere Schreiben der Anwälte beider Seiten, schließlich gab der Bremer Notruf eine Unterlassungserklärung ab, die der Münsteraner Notruf nun auch akzeptierte. Gerlinde Gröger von der Münsteraner Beratungsstelle begründet ihr Vorgehen so: "Es geht um ein Hilfsangebot für Frauen, das auf Fachwissen über geschlechtsspezifische Gewalt basiert und eine polizeiliche Expertise vorweist. Bei Abweichungen wissen wir nicht, ob dieselben Standards dahinter stehen." Die Möglichkeit, eine eigene Kampagne zu machen, stände jeder Beratungsstelle frei.

Bremer Notruf gab Unterlassungserklärung ab

Sina Nahrwold vom Bremer Notruf sagt: "Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, warum die Münsteraner Beratungsstelle das macht, welche Gründe dahinter stehen." Man sei davon ausgegangen, dass sich die Sache erledigt hätte, als man der Bitte nachkam, Informationen auf der Website und bei Facebook anzupassen. Außerdem sei eine erste Version einer Unterlassungserklärung nicht akzeptiert worden, was die Beraterinnen aus Münster bestätigen. "Uns wurde unterstellt, wir würden das nicht ernst meinen", sagt Nahrwold. Es sei auch von Schadensersatzansprüchen die Rede gewesen. Das streitet die Münsteraner Beratungsstelle ab.

Eins äußern die Mitarbeiterinnen beider Beratungsstellen gleichermaßen: Erstaunen über das Verhalten der jeweils anderen.

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. August 2019; 19:30 Uhr