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Unbezahlte Arbeit: Das wirft ein Bremer Fahrer Foodora vor

Der Lieferdienst Foodora soll in Bremen Arbeitslöhne nicht bezahlt und zu wenig Aufträge an Fahrer vergeben haben. Die Gewerkschaft übt starke Kritik.

Ein Foodora Boote fährt mit Arbeitskleidung an der Schlachte lang.

Mal schnell per App das Abendessen bestellen und es noch warm geliefert bekommen: Das macht das Leben einfacher. Komplizierter kann es hingegen für die Fahrer werden, die die gewünschten Mahlzeiten befördern. Vor allem dann, wenn der Arbeitslohn nicht gezahlt wird und die Aufträge ausbleiben, so wie es dem Bremer Foodora-Fahrer Leonard Suckau widerfahren sein soll.

Suckau erzählt, er habe am 3. Januar einen Arbeitsvertrag mit dem Lieferdienst unterzeichnet: Mindestens 60 Stunden im Monat, 9,19 Euro pro Stunde – ein geringes aber sicheres Gehalt. Mit diesem Geld hatte Suckau gerechnet, er braucht es für seinen Lebensunterhalt. Bis heute habe er allerdings keinen einzigen Cent gesehen.

Kaum Schichten und kein Geld

Leonard Suckau
Leonard Suckau arbeitet als Foodora-Fahrer.

In zwei Monaten habe er zwei Schichten erhalten, insgesamt sieben Arbeitsstunden. "Meine garantierte Arbeitszeit von 60 Stunden wird absolut nicht erfüllt", sagt der junge Mann. "An Geld bekomme ich derzeit gar nichts." Wie kommt es aber, dass der Fahrer keine Aufträge bekommt, obwohl der Markt für Online-Lieferdienste anscheinend boomt?

Suckau sagt: "Foodora hat uns gegenüber persönlich zugegeben, dass es zu viele Fahrer auf zu wenig Schichten gibt, dass sie zu viele Leute auf einmal eingestellt haben." Laut Suckau sei das Unternehmen sich des Problems bewusst. "Dem wollen sie jetzt entgegenwirken, indem sie Leute entlassen und dazu auffordern, zu kündigen", behauptet er.

Foodora: Wenn einem Mitarbeiter der Lohn zusteht, wird er auch bezahlt

Zu den Vorwürfen antwortet Foodora: "Selbstverständlich achten wir darauf, dass unsere Mitarbeiter den ihnen zustehenden Lohn auch erhalten. In diesem Zusammenhang muss aber angemerkt werden, dass Fahrer teilweise auch Schichten annehmen und diese dann tatsächlich nicht fahren." Das Unternehmen prüfe im Einzelfall, ob dem jeweiligen Fahrer der Lohn dennoch zustehe, zum Beispiel wegen Arbeitsunfähigkeit nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz. Sollte er einen Anspruch haben, werde der Lohn gezahlt. "Es gibt allerdings auch immer wieder Fälle, in denen der Fahrer seine Arbeitsleistung unentschuldigt nicht erbracht hat und ihm deshalb kein Lohn zusteht." Zum genauen Fall vom Fahrer Suckau könne das Unternehmen keine Stellungnahme abgeben. 

Selbstverständlich achten wir darauf, dass unsere Mitarbeiter den ihnen zustehenden Lohn auch erhalten.

Foodora

Gewerkschaft: nicht genug Arbeit für alle Fahrer vorhanden

Moritz Steinberger
Moritz Steinberger von der Gewerkschaft NGG bestätigt, dass mehrere Fahrer ihre Löhne nicht bekommen hätten.

Doch Suckaus Geschichte sei kein Einzelfall, sagt die Gewerkschaft. "Wir haben momentan das Problem, dass Löhne, die gezahlt werden müssten, nicht gezahlt werden", sagt Moritz Steinberger von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Der Grund: Die Firma habe in der Vergangenheit eine undurchschaubare Personalpolitik betrieben. "Es wurden ziemlich viele Fahrer eingestellt und tatsächlich ist für die Menge der Fahrer nicht genug Arbeit vorhanden."

Das ist arbeitsrechtlich nicht in Ordnung. Der Arbeitgeber hat eine gewisse Anzahl von Stunden zugesichert und muss für die vertraglich zugesicherten Stunden trotzdem zahlen, auch wenn die Arbeit nicht geleistet werden konnte, weil keine Aufträge da waren.

Moritz  Steinberger, Gewerkschaft NGG

Leonard Suckau öffnet die App auf dem Display seines Smartphones, durch die er seine Aufträge bekommt. Dort steht: "No shifts available for this day", auf Deutsch: "Für heute sind keine Schichten vorhanden." Wie viele Schichten ein Fahrer bekommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Einer davon ist die interne Bewertung. Die Fahrer bekommen sogenannte Badges, also Leistungsstufen,  je nachdem, wie gut und wie oft sie arbeiten.  Das bedeutet: Je weniger man arbeitet, desto schlechter wird man bewertet. Und wer eine Einstufung sechs bekommt, so wie Suckau, der erhält anscheinend fast keine Schichten mehr.

Ohne Arbeitskleidung dürfte der Fahrer die Schicht nicht antreten

Zudem müssten Foodora-Fahrer eine pinke Foodora-Jacke und den Rucksack bei ihren Touren tragen. Haben sie noch keine erhalten, dürften sie nicht arbeiten, erläutert Suckau. Das wiederum würde bedeuten: Sie bekämen eine schlechtere Bewertung. Genau das sei ihm an seinen ersten zwei Arbeitstagen passiert.

Das ist einfach unfair, eigentlich schon kriminell.

Leonard Suckau, Foodora-Fahrer

Foodora werde wegen der Arbeitsbedingungen als schwieriger Arbeitgeber wahrgenommen, sagt der Gewerkschaftssekretär Steinberger. "Und das, obwohl das Unternehmen bei vielen Leuten, die dort arbeiten, eigentlich sehr beliebt ist." Das Bewertungssystem der Badges ist per se nicht rechtswidrig. Aus Sicht des Arbeitgebers sichere es, dass Mitarbeiter, die den Job hauptberuflich betreiben, auch mehr Aufträge bekommen und somit davon leben können. Allerdings hätten die anderen dann plötzlich finanzielle Einbrüche. "Wir sehen da ein Problem, das Verbesserung bedarf", so Steinberger.

Fahrer werden online getrackt

Die Fahrer werden auch durch die App getrackt, damit sieht die Zentrale wer wo wann war. "Das birgt die Gefahr einer Leistungskontrolle", sagt der Gewerkschafter. Die Situation der Online-Lieferdienste sei komplex: Einerseits brachten sie eine Flexibilität mit sich, die zu einem gewissen Grad von den Mitarbeitern auch gewünscht sei. Andererseits sei wichtig, dass diese neuen Arbeitsformen geregelt werden.

Auch für Restaurants und Gaststätten sei die Beziehung zu Online-Lieferdiensten problematisch, findet Dehoga-Bremen-Chef Thomas Schlüter. "Die Risiken sind, dass unseren Betrieben das Geschäft entgeht und dass die Lieferdienste irgendwann den Restaurants die Preise diktieren", fasst er zusammen.

Fahrern wie Suckau bleibt im Moment nicht viel anderes übrig, als zu versuchen, die vertraglich geregelten Ansprüche geltend zu machen. Zu lange warten sollte man dabei nicht, rät Steinberger. "Der Anspruch sollte so schnell wie möglich schriftlich an den Arbeitgeber geltend gemacht werden." So wie auch bei den Lieferungen gilt hier, keine Zeit zu verschwenden.

Autoren

  • Torben Ostermann
  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. März 2019, 19:30 Uhr