Was Bremerhavener Feuerwehrleute von Brasilianern lernen können

Sie nehmen Urlaub oder bauen Überstunden ab, um nach Brasilien reisen zu können. Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Bremerhavener und brasilianischen Feuerwehrleuten.

Feuerwehrmänner sitzen am Tisch und beraten sich.
Wissensaustausch: Lutz Schüßler (rechts), Teamleiter Katastrophenschutz in Bremerhaven, stellt mit seinen Kollegen und einer Delegation aus Brasilien Abwehrpläne für Katastrophen auf. Bild: Feuerwehr Bremerhaven

Ein plötzlicher Stromausfall in der ganzen Stadt, eine Überschwemmung, ein Unfall im neuen Hafentunnel – Szenarien wie diese sind in Bremerhaven durchaus möglich. Genauso wie im brasilianischen Bundesstaat São Paulo. Sintflutartige Regenfälle und daraus folgende Erdrutsche trafen vor fast vier Jahren die brasilianische Stadt Rolândia. In São José dos Campos steht ein Tanklager mitten in der Stadt – ähnlich dem im Bremerhavener Überseehafengebiet. Und Caraguatatuba ist genau wie Bremerhaven eine Küstenstadt, der Überschwemmungen drohen.

Sowohl die Bremerhavener als auch die brasilianischen Feuerwehrkräfte wollen auf solche Katastrophen bestmöglich vorbereitet sein. Deshalb unterstützen sie sich dabei. Was viele Einheimische gar nicht wissen: Seit 2017 arbeitet die Bremerhavener Feuerwehr mit Einsatzkräften aus Brasilien zusammen.

Städte verbindet lange Geschichte

Nach der Naturkatastrophe in Rolândia waren die Bremerhavener zur Stelle. Sie unterstützten die Stadt beim Aufbau eines Katastrophenschutzes. Bremerhaven und Rolândia verbindet eine lange Geschichte. Die Kolonie Rolândia, benannt nach dem Bremer Roland, bot ab Anfang der 1930er-Jahre deutschen Auswanderern günstig Land zum Kauf an. Unter anderem ließ sich dort der frühere Bremerhavener Stadtdirektor und spätere Reichsminister Erich Koch-Weser nieder, als er 1933 vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fliehen musste.

Ein Blick aus der Luft auf die Stadt Caraguatatuba.
Caraguatatuba ist genau wie Bremerhaven eine Küstenstadt. Bild: Feuerwehr Bremerhaven | Lutz Schüßler

Das Unterstützungsangebot fand in Brasilien große Beachtung. Auch die Städte Caraguatatuba und São José dos Campos, ebenfalls im Bundesstaat São Paulo gelegen, hatten Interesse, vom Wissen der Bremerhavener zu profitieren. Im Mai vergangenen Jahres war eine Delegation aus Brasilien in Bremerhaven, im Oktober folgte der Gegenbesuch. Und nun erwartet Bremerhaven Fördermittel, um weiter mit der knapp 714.000 Einwohner starken Stadt São José dos Campos zusammenarbeiten zu können. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung stellt voraussichtlich rund 20.000 Euro für Reisekosten und Unterbringung zur Verfügung.

Was die Brasilianer lernen

Lutz Schüßler, Teamleiter Katastrophenschutz der Bremerhavener Feuerwehr, reiste mit nach Caraguatatuba und São José dos Campos – und das in seiner Freizeit. Alle Beteiligten nehmen dafür Urlaub oder bauen Überstunden ab. Auch per Videotelefonie tauschen sich die Feuerwehren regelmäßig aus, Bilder und Grafiken schicken sie per Mail hin und her. "Es geht um Wissensaustausch, wir bringen kein Fahrzeug dahin", stellt Schüßler klar. Neben den Einsatzkräften sind auch Studenten des Studiengangs "Integrated Safety and Security Management" (Management für innere und äußere Sicherheit) der Hochschule Bremerhaven eingebunden, denn dort unterrichtet Schüßler als Dozent.

Feuerwehrmänner sitzen am Tisch und beraten sich.
So sieht eine typische Feuerwehrwache in São Paulo aus. Bild: Feuerwehr Bremerhaven | Lutz Schüßler

Die brasilianischen Feuerwehren sind besser ausgestattet als es ein Laie vielleicht erwarten würde, sagt Schüßler. Allerdings fehlen in Brasilien Einsatzkräfte. Die Berufsfeuerwehr ist dem Militär unterstellt, Freiwillige Feuerwehren gibt es hier nicht. "Bei einem Unfall warten Sie dann auch schon mal eine Stunde, bis Hilfe kommt." Die Bremerhavener unterstützen die Brasilianer nun beim Aufbau der Freiwilligen Feuerwehren und klären gemeinsam Fragen wie: Welche Gesetze müssen geändert werden?, Wie gewinnt man Freiwillige?, Woher kommen entsprechende finanzielle Mittel?

Stellen Sie sich mal vor, hier würde es keine Freiwilligen Feuerwehren geben. Die nächste Berufsfeuerwehr wäre von hier aus dann erst wieder in Hamburg.

Lutz Schüßler, Teamleiter Katastrophenschutz der Bremerhavener Feuerwehr

Was die Bremerhavener lernen

Beeindruckt habe ihn, so Lutz Schüßler, dass es in Brasilien einen Bevölkerungsschutz gibt: Das sind Haupt- und Ehrenamtliche, die genau wissen, welche Gefahren in ihrem Stadtteil drohen und wie man am besten darauf reagiert. "Bei uns gibt es das Technische Hilfswerk, aber so eine genaue Aufteilung, welche Gefahr in welchem Stadtteil droht, haben wir nicht", sagt Schüßler. Bremerhaven könnte sich mit entsprechenden Analysen und Plänen besser auf Großschadenslagen vorbereiten. Derzeit sei die Bremerhavener Wehr dabei, einen digitalen Katastrophenabwehrplan zu erstellen. So soll für jedes Gebiet der Stadt festgelegt sein, wo Gefahren drohen, was im Schadensfall zu tun ist und wo etwa Altenheime und Krankenhäuser liegen.

Darüber tauschen sich die Bremerhavener regelmäßig mit den Brasilianern aus – derzeit noch per Telefon und Internet. Aber im Oktober steht das nächste Treffen an: Dann kommt eine Delegation aus São José dos Campos nach Bremerhaven.

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Autorin

  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 29. Mai 2019, 23:30 Uhr