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So schwierig ist es, ein faires und nachhaltiges Unternehmen zu führen

Laura Brandt ist bei der Fair-Trade-Woche in Bremerhaven dabei. Die Unternehmerin will mit ihrem Gewürz-Start Up fair produzieren. Doch ohne Kompromisse geht es noch nicht.

Laura Brandt steht mit gekreuzten Armen vor dem Arbeitstisch.
Laura Brandt hat vor zwei Jahren das Start-up "Yummy Organics" in Bremen gegründet.

Laura Brandt wirkt im Grunde wie eine Idealistin. Das liegt an der Art, wie sie über ihre Idee erzählt. Vor zwei Jahren gründete die Bremerin ein nachhaltiges Unternehmen, das Gewürze wie Pfeffer, Nelken, Lemongrass und Muskatnuss aus Sri Lanka und weiteren Ländern importiert. Angebaut und geerntet von Kleinbauern, mit fairen Löhnen, ohne Pestizide. Die Kunden erfahren im Online-Shop, woher jede Packung stammt und dürfen den Preis selbst bestimmen.

Die Besonderheit von unserem Start-up war eben, dass wir die normalen Wirtschaftsmodelle hinterfragen wollten. Daher lassen wir die Kunden über den Preis bestimmen.

Laura Brandt, Unternehmerin und Gründerin von "Yummy Organics"

Denn der 34-Jährigen mit dem schräg geschnittenen Pony und der grünen Kurzjacke ging es nicht nur darum, ein weiteres Öko-Startup zu gründen, wie sie erzählt. Sie möchte im Prinzip das Wirtschaftssystem revolutionieren – wenn auch im kleinen Rahmen. "Wir zeigen den Kunden, woher das Produkt kommt und schauen, ob sie bereit sind, mehr als den kostendeckenden Preis zu bezahlen." Sie sagt, dass sie bislang mit dem Konzept gute Erfahrungen gemacht hat.

Öko-Produkte sind auch für Hersteller teurer

Samen mit Muskatblüten
Samen mit Muskatnussblüten verarbeitet das Bremer Unternehmen "Yummy Organics". Bild: DPA | Neil Bowman/FLPA

Also gründete sie 2017 die Firma "Yummy Organics", mithilfe von Gründungszuschüssen und Crowdfunding. Alles wollte sie so nachhaltig wie möglich gestalten, nicht nur die Produktion auf der asiatischen Insel. Der Transport sollte so umweltschonend wie möglich sein, die Behälter, die Verpackungen – sogar die Energiequellen fürs Büro und die Server für die Webseite. Und sie wollte so oft wie möglich vor Ort bei den Bauern sein, um auch in weitere soziale Projekte zu investieren. Doch bald musste sie sich mit der Realität konfrontieren. Und lernen, auch mal loszulassen.

Natürlich hätte man gern nicht nur faire Löhne, kurze Lieferketten und Bio-Produkte, sondern auch Öko-Strom im Büro und klimaneutrale Server, sagt sie. Doch man müsse von der Aktivität auch leben. Öko-Produkte, beispielsweise Verpackungen und Tinte, sind in der Regel teurer als die herkömmlichen. Vor allem, wenn man in kleineren Mengen bestellt.

Grafische Darstellung der Herstellung von Muskat So wi r d Muskatblüten-Pul v e r bei Y ummy O r ganics“ he r gestellt ... Die Muskatblüte (auch Macis genannt) ist der Mantel der Muskatnuss und stammt v om Muskatnussbaum. Die Pflan z en we r den bei Y ummy O r ganics nicht in Plantagen angebaut, sondern bestehen aus Wildwuchs und Mischkultu r en im Dschungel. Damit das Gewürz als „Ök o be z eichnet we r den kann, sollten am besten k eine P estizide v e r wendet we r den. Gesetzlich sind P estizide für Biop r odukte nicht komplett v erboten, die B r emer Firma v erzichtet alle r dings da r auf. Die ersten Lie f erungen v on neuen So r ten we r den im Labor in B r emen da r auf getestet. Die Muskatnüsse we r den per Hand geerntet. Die Muskatblüten we r den v om K ern get r ennt und in der Sonne get r ocknet. Nachhaltige Unternehmen achten auf eine fai r e Bezahlung der Bauern und Bäuerinnen . W enn die Blüten t r oc k en sind, we r den sie v erpackt und per A u t o oder Lkw zum Ha f en in die Hauptstadt Colombo befö r de r t. Eine B r emer Speditionsfirma übernimmt die F ormalien für den T r anspo r t im Container auf dem Schiff. Containerschif f e sind nicht sonderlich klimaf r eundlich. Doch selbst für Öko-Unternehmen ist es schwierig, P r odukte aus dem A usland klimaneut r al zu impo r tie r en. In Hambu r g we r den die Muskatblüten entweder auf Lkw nach B r emen v e r f r achtet oder v on Y ummy O r ganics abgeholt. Ha f en Colombo B r emen Ha f en Hambu r g In B r emen gehen die Muskatnüsse du r ch eine W a r eneingangskont r olle optische P r obe, Gewicht, Geruch. Sie we r den im T r oc k enlager aufbewah r t, dann kurz v or dem V erkauf in der Mühle gemahlen. Bei neuen So r ten sind am Anfang weite r e T ests im Labor notwendig. Die Gewür z e we r den v on Hand in der W erkstatt B r emen v erpackt. Die V erpackungen stammen aus Deutschland. Sie sollten am besten so wenig Plastik oder schädliche Substan z en enthalten wie möglich. Y ummy O r ganics holt dann die P ackungen ab und v erschickt sie an die K unden – und zwar mit einem sogenannten klimaneut r alen V ersand . Dabei wi r d der entstandene CO2- A uss t oß du r ch In v estitionen in Umweltschutzp r og r amme ausgeglichen. Schritt 6 Schritt 5 Schritt 4 Schritt 3 Schritt 2 Schritt 1

Lernen, Kompromisse einzugehen

Also muss man lernen, Prioritäten zu setzen. "Es stellt sich die Frage: Was ist wichtiger?" Brandt sagt, sie müsse ab und an Kompromisse eingehen. Zum Beispiel beim Warenvertrieb. Mittlerweile verkauft sie ihre Produkte auch auf Amazon. Die Online-Plattform stand mehrmals wegen ihrer Arbeitsbedingungen und wegen ihres negativen ökologischen Fußabdrucks in der Kritik.

Grundsätzlich steht Nachhaltigkeit in Konkurrenz zur Wirtschaftlichkeit. Die größte Herausforderung ist dieser Spagat zwischen fair, nachhaltig und wirtschaftlich.

Laura Brandt, Unternehmerin
Ein Schüssel mit gemahlenem Macis.
Macis, auch Muskatblüte genannt, ist eines der Gewürze, die die Bremer Firma "Yummy Organics" aus Sri Lanka importiert.

Doch die Unternehmerin sagt, es sei schwierig, auf diese Einnahme zu verzichten. Schließlich kauften die Menschen immer häufiger online Lebensmittel auf Online-Plattformen. "Manchmal muss man den Idealismus überwinden und auch mal wirtschaftlich denken. Kompromisse eingehen, nicht von Anfang an perfekt sein wollen, sondern langsam dahin kommen. Das ist super schwierig."

Man muss sich vom Perfektionismus verabschieden. Und verstehen, dass jeder kleine Schritt etwas bringt.

Laura Brandt, Unternehmerin

"Man muss sich auf andere verlassen können"

Auch das Herstellen nach ökologischen Parametern habe ihre Tücken. "Es gibt viele Punkte, die man nicht in der Hand hat", erläutert sie. Man sei darauf eingewiesen, dass Transportunternehmen die Vorgaben für Bio-Produkte erfüllen, genauso wie die Bauern. Das gilt nicht nur für den Anbau der Gewürze, sondern auch für die weiteren Rohstoffe, die verwendet werden. "Man muss gute Kontakte vor Ort knüpfen, die auch öko-zertifiziert sind, wenn man das Bio-Siegel erhalten möchte." Das Siegel hat das Unternehmen seit Anfang des Jahres für mehrere Produkte.

Laura Brandt berührt das gemahlene Gewürz in ihrer Küche.
Laura Brandt mahlt ihre Gewürze selbst. Doch nicht alle: Bei vielen sei es für den Geschmack besser, dass sie direkt vom Kunden kurz vor der Verwendung pulverisiert werden. Bild: Yummy Organics | Anna-Verena Hornung

Eigentlich fing die Geschichte des Unternehmens schon 2015 an. Und zwar in der schwülen Hitze des tropischen Dschungels, tief im Inneren von Sri Lanka. Brandt hatte sich damals eine Auszeit genommen. "Es war auch privat einiges zusammengekommen und da dachte ich: 'Ich muss in den Dschungel'", sagt sie mit einem Lächeln. Eigentlich hatte sie damals einen festen Job bei einer Werbeagentur. Eine sichere Beschäftigung. Doch so richtig zufrieden war sie nicht.

Die 34-Jährige erzählt ihren Lebenslauf in kurzen Blöcken: Studium der digitalen Medien in Bremerhaven, Arbeit bei einer Werbeagentur in Hamburg und Bremen, Master in Süddeutschland, Rückkehr nach Norddeutschland, wo die meisten ihrer Freunde sind, Job in einer Bremer Werbeagentur. Bis sie vor vier Jahren zwei Monate als ehrenamtliche Mitarbeiterin in einem Öko-Lodge auf Sri Lanka verbringt.

Arbeiten an der Idee parallel zum Vollzeitjob

Laura Brandt sitzt im Dschungel auf einem Stuhl mit ihrem Laptop auf dem Schoß.
Große Freiheit: So sieht Brandts Büro aus, wenn sie im Dschungel auf Sri Lanka ist. Bild: Laura Brandt

"Dadurch bin ich mit dem Anbau von Gewürzen in Kontakt gekommen", erzählt sie. "Und als ich zurückkam, war es für mich klar, dass ich nicht mehr so wie vorher arbeiten wollte. Ich wollte selbstständig sein, etwas aufbauen." Also arbeitete sie zwei Jahre lang an ihrer Idee. In ihrer Freizeit, parallel zum Vollzeitjob. "Ich musste einiges lernen: Wie funktioniert Import/Export, wie handelt man mit Lebensmitteln", sagt sie. Erst 2018 kündigte sie ihre Stelle.  

Genaue Zahlen will sie nicht nennen, aber ihr Ziel ist es, dass sich das Unternehmen im kommenden Jahr selbst trägt. Momentan nimmt Brandt noch parallel Grafikaufträge entgegen. Doch sie hat bereits Pläne für die Zukunft: Events und Seminare möchte sie anbieten. Und zunehmend auch andere Firmen beliefern, vielleicht eine neue Manufaktur aufmachen. Vor allem aber: weiter an ihrer Vision von einer nachhaltigeren Welt arbeiten.

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