Infografik

So helfen spanische Erzieherinnen Bremen aus der Personalnot

Zu Hause sind sie arbeitslos, in Bremen werden sie dringend gebraucht. Ein Modellprojekt setzt auf Fachkräfte aus Spanien. Paulina Guajardo erzählt von den größten Hürden.

Erzieherin Paulina Guajardo spielt mit Kindern

Langsam hebt Paulina Guajardo das blaue Seidentuch an, neugierig folgen die Kinder ihren Bewegungen. Jetzt wird sichtbar, was das Tuch zuvor verdeckt hat: eine kleine Sammlung an Musikinstrumenten, Klanghölzer, Schellen, Trommeln. Musikalisch wird es heute bei der Erzieherin. Sie hat ein Lied vorbereitet, die Kinder sollen sie dazu auf den verschiedenen Instrumenten begleiten. "Das Lied kenne ich noch aus Spanien", sagt die 24-Jährige.

Seit März arbeitet Paulina Guajardo in der evangelischen Kita in Bremen-Borgfeld. In Madrid studierte sie zuvor Elementarpädagogik. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich, nach Deutschland zu gehen. Denn während Erzieherinnen und Erzieher hierzulande dringend gesucht werden, sieht die Situation in Spanien ganz anders aus. Feste Stellen gibt es kaum, die Jugendarbeitsloskeit ist hoch. "Wenn man Glück hat, kann man vielleicht hier und da mal für ein Jahr arbeiten", sagt Paulina Guajardo.

Vergleich Kitas Bremen Evangelische Kirche ca. 2300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 89 Einrichtungen ca. 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Betreuung von ca. 9000 Kindern Betreuung von ca. 4600 Kindern 65 Einrichtungen Evangelische Kirche Kita Bremen

Zusammen mit neun weiteren Erzieherinnen aus Spanien nimmt die 24-Jährige an einem Modellprojekt in Bremen teil: Ein Jahr lang arbeiten die Spanierinnen in Bremer Kitas, danach steht eine Sprachprüfung und ein fachliches Kolloqium an, dann ein weiteres Anerkennungsjahr. Erst wer das alles erfolgreich durchlaufen hat, gilt als staatlich anerkannte Erzieherin in Deutschland. Bis dahin sind Paulina Guajardo und ihre Kolleginnen als Sozialassistentinnen beschäftigt, im Vergleich zur Erzieherin eine niedrigere Qualifikation.

Es ist durchaus ein langer Weg, der da vor den Erzieherinnen liegt. Die größte Hürde, die es dabei zu nehmen gilt: die Sprache. Schon in der Heimat haben Paulina Guajardo und die anderen Projektteilnehmerinnen Deutschunterricht bekommen, insgesamt rund 700 Stunden. Hier in Bremen läuft der Kurs weiter.

Deutsch ist eine schwierige Sprache. Als ich hierher kam, wusste ich zwar viel über Grammatik, aber mir fehlte die Sprachfähigkeit.

Paulina Guajardo, Erzieherin aus Spanien

Mittlerweile fühle sie sich sicherer, mit den Kindern sei das Sprechen nicht so schwer. "Wenn ich etwas nicht weiß, frage ich nach oder lass mir es zeigen", sagt sie. Auf den Weg gebracht hat das Projekt Guido Klemm von der Zentralen Auslands- und Fachberatung (ZAV) Bremen, die zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Betreut und unterstützt werden die spanischen Erzieherinnen durch die Bremer Organisation PractiGo. Sie hilft beispielsweise bei der Wohnungssuche in Bremen und organisiert Feedback-Gespräche in den Kitas.

70 offene Stellen gibt es derzeit in den städtischen Kitas in Bremen

Ziel des Projekts ist es, den Fachkräftemangel in den Bremer Kitas zumindest ansatzweise zu lindern. "Es kann helfen und unterstützend wirken" sagt Guido Klemm. Die derzeit 70 offenen Stellen bei Kita Bremen könne man natürlich nicht füllen, aber man arbeite an einer Steigerung. "Nächstes Jahr sind wir voraussichtlich mit 15 bis 20 spanischen Erziehern dabei."

Einige von ihnen werden dann wahrscheinlich auch wieder in evangelischen Kitas arbeiten. Carsten Schlepper vom Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder jedenfalls ist von dem Projekt überzeugt: "Die Menschen sind als pädagogische Fachkräfte schon qualifiziert. Die Arbeit in den Kitas gelingt gut, die jungen Menschen haben Lust, dort zu arbeiten und sind gut aufgenommen worden." Die Chance, dass sie dort in den nächsten Jahren auch bleiben, sei da, so Schlepper.

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Auch in den evangelischen Einrichtungen in Bremen werden Erzieherinnen und Erzieher gesucht. Zwar gebe es momentan keine unbesetzten Stellen, aber: "Wir haben keine Vertretungsressourcen mehr, jeder Ausfall einer Erzieherin oder eines Erziehers geht ans Limit", sagt Schlepper. Schon seit Längerem fordert er daher eine Ausbildungsoffensive in den Bremer Kitas. Das aktuelle Modellprojekt sei lediglich ein Baustein, um Fachkräfte zu finden.

Für die Kita-Leiterin ist Paulina eine Bereicherung

Ein paar Jahre in Bremen bleiben, das kann sich Paulina Guajardo gut vorstellen. Das offene Konzept in der Borgfelder Kita gefällt ihr sehr: "Die Kinder können sich frei bewegen und haben viel Zeit zum Spielen, ganz anders als in Spanien". Dort sei das Kita-System viel verschulter. Und dennoch sei es nicht immer leicht, hier in Deutschland anzukommen. Es gebe Tage, an denen sei sie nicht glücklich. Da falle ihr die deutsche Sprache schwer, und sie habe Heimweh nach der Familie, den Freunden in Spanien. Aber: "Ich mag es trotzdem in Deutschland und ich möchte hier sein", fügt sie hinzu.

Für die Kinder in der Borgfelder Kita gehört Paulina jedensfalls schon längst dazu. Für Leiterin Elke Meiners ist sie eine Bereicherung: "Paulina ist eine sehr sympathische und offene Frau, es ist toll mit ihr. Und: An Paulina können die Kinder lernen, wie es ist, wenn man nichts versteht, wenn man nachfragen muss und dass dieses Nachfragen in Ordnung ist."

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18.09.2019, 23:30 Uhr