Das Bremer "Zenti": Die vielleicht schnellste Badewanne der Welt

Wo heute das Musicaltheater steht, befand sich früher das Bremer Schwimmbad schlechthin: das Zentralbad. Hier wurden Rekorde gebrochen – und trotzdem wurde es abgerissen.

Bremer Zentralbad (Archivbild)
Das Bremer Zentralbad blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bild: Radio Bremen

Das Bremer Zentralbad – einst vor allem von den Bremer Jugendlichen "Zenti" genannt – ist ein Ort mit Geschichte. Hier zogen sie schnellsten der Schnellen ihre Bahnen. Doch heute erinnert kaum mehr etwas daran. Statt geschwommen wird am Richtweg 7 jetzt bestenfalls gesungen, denn nach dem Abriss des Bades in den 80er Jahren hat man hier das Bremer Metropol Theater gebaut.

Schwarzweißbild von Wettkampf-Publikum im Bremer Zentralbad
Die Besucher schützten sich im Zenti mit Decken, um nicht (allzu) nass zu werden. Bild: Jochen Stoss

Für die, die damals dabei waren, als sich die Zuschauer um den Beckenrand drängten, bleibt das Bad unvergessen. So geht es nicht zuletzt Jochen Stoss, der beim Internationalen Schwimmfest 1967 als junger Fotograf für den Weser-Kurier gearbeitet hat.

Nur die Besten trainierten in Bremen

Schwimmer Mark Spitz bei Wettkampf in den 60er Jahren im Bremer Zentralbad
Auch der spätere Schwimmstar Mark Spitz war in jungen Jahren beim Wettkampf in Zentralbad Bremen. Bild: Jochen Stoss

Damals war das Zentralbad ein richtig heißes Pflaster. Die Top-Schwimmer kamen ins Zenti: "Es waren ja wirklich die Größten der Größten hier in Bremen. Und der absolut Größte war Mark Spitz", erinnert sich Stoss. Mark Spitz galt bei seinen Auftritten in Bremen 1967 und 1968 als großes Talent. Zu dieser Zeit trug er noch nicht den markanten Schnurrbart als Markenzeichen.

Fotografieren konnte Stoss ihn damals nur beim Training. So nah an die Athleten zu kommen war während des Rennens unmöglich. Zu eng war der Beckenrand, der knapp bemessene Platz gerade ausreichend für die Wettkampfteilnehmer, die Kampfrichter, Helfer und Gäste.

Die haben jeden Millimeter ausgenutzt am Beckenrand.

Jochen Stoss bei seiner Ausstellung
Jochen Stoss, Pressefotograf

Die räumliche Enge hatte Folgen für die Zuschauer in der ersten Reihe. Beim Sprung vom Startblock wurde so mancher außerhalb des Beckens nass. "Aber das gehörte dazu", erzählt Stoss mit einem kleinen Lächeln.

Ada Kok: Erst das "Zenti", dann Olympia

Schwarzweißbild von Schwimmerin Ada Kok im Zentralbad Bremen
Die Franziska van Almsick der 60er Jahre: Ada Kok. Bild: Radio Bremen

Zu den Schwimm-Stars der 60er Jahre gehörte auch Ada Kok. Erst war sie Europameisterin, später wurde sie Olympiasiegerin. Ihren ersten großen Wettkampf hatte sie in Bremen: als Teenager 1961 beim Internationalen Schwimmfest im Zentralbad. Und auch sie erinnert sich an die ganz besondere Stimmung des Zentralbads: "Es war klein. Es war vollgepackt mit Leuten. Und es gab so eine intime Atmosphäre." Besonders gerne denkt sie an die Unterstützung des Bremer Publikums: "Deswegen habe ich auch so gute Erinnerungen an Bremen!" Fast immer schaffte sie es auf das Podium. Und sie war ein absoluter Publikumsmagnet.

Das Internationale Schwimmfest wurde zunächst als nationales Schwimmfest gestartet. Karl-Walther Fricke, der Trainer des BSC 85, war auf der Suche nach internationaler Konkurrenz für seine Bremer Schwimmer. Fricke, ein erfolgreicher Architekt, der aber auch über Bremen hinaus als Schwimmtrainer bekannt war, galt als harter Trainer, dessen Schwimmer zahlreiche Titel holten.

Wir hatten in Deutschland keine Gegner mehr und somit mussten wir die internationalen Vereine nach Bremen holen. Und damit entstand das erste internationale Schwimmfest.

Karl-Walther Fricke, ehemaliger Trainer des BSC 85
Fassade des Bremer Zentralbads im Richtweg (Archivbild)
Unscheinbare Fassade: Das Bremer Zentralbad war Schauplatz internationaler Schwimmfeste. Bild: Radio Bremen

Das Zentralbad war Frickes zweites Zuhause. Im Zentralbad organisierte Fricke von Beginn an Wettkämpfe wie auch die Deutschen Meisterschaften. Für die Bremer ein Heimvorteil. Zu den erfolgreichsten zählte eine legendäre Herrenstaffel des Bremer Schwimmclub von 1885 mit bekannten Schwimmer wie Baumann, Bleeker, Sander und Hirsch. Sie galten als die damalige Rekordstaffel, die alles abgeräumt hat, was auf Meisterschaften zu holen war.

Eine Anekdote besagt, dass das Team eines Tages nach dem Wettkampf bereits angekleidet an der Theke saß, um sich ein Bier zu genehmigen, als die Nachricht kam, eine andere Mannschaft habe irgendwo "einen deutschen Rekord aufgestellt über vier Mal einhundert Meter Freistil." Sie sollen nicht lange gezögert haben: "Sie haben sich umgezogen und sind wieder ins Becken gegangen und haben diesen Rekord geknackt", erinnert sich Lutz Naupold, selbst ehemaliges Mitglied des BSC 1885 und einer von Frickes Schützlingen.

Die Weltspitze zu Gast in Bremen

Von 1956 bis 1977 war das kleine Bremer Zentralbad mit Stars gespickt. "Die Schwimmstars sind sehr gerne nach Bremen gekommen, weil sie wussten, dass es hier eine große Bühne gab", erzählt Naupold. Auch Kok erinnert sich gern an Bremen zurück: "Da kamen so viele bekannte Leute und es war ein herrlicher Wettkampf." Zu gewinnen gab es damals Teller, Vasen und Medaillen. Nebenbei übernahmen die Bremer auch noch die Hotel- und Reisekosten.

Am Beckenrand fanden sich viele freiwillige Helfer. Das hielt die Kosten im Rahmen. Die Ansagen in der Halle machte der Chef persönlich: Karl-Walter Fricke. Als Pausenprogramm bot man beim Schwimmfest Wasserballett.

Die Tragödie von 1966

Gedenkstätte im Park links der Weser in Bremen Huchting.
Im Park links der Weser erinnert heute ein Denkmal mit zwei Stelen an den Flugzeugabsturz von 1966. Bild: Radio Bremen | Madita Thomas

Während sich im Januar 1966 alle auf das 10. Internationale Schwimmfest freuten, passierte am Bremer Flughafen die Katastrophe. Am 28. Januar 1966 stürzte die Maschine mit den Schwimmern der italienischen Nationalmannschaft ab. Alle 46 Insassen kamen ums Leben, darunter sieben italienische Schwimmer.

Bremen stand unter Schock. In einem Trauergottesdienst in St. Johann gedachten die Menschen der Toten. Auch, wenn Fricke es zunächst nicht wollte, fanden die Spiele trotzdem statt.

Das war kein schöner Wettkampf. Gar nicht! Die Atmosphäre war auch drückend. Selbstverständlich!

Ada Kok, ehemalige Schwimm-Olympiasiegerin
Ada Kok, ehemalige Olympiasiegerin

Mit einem Kranz wurde auch während des Wettkampfs der Tragödie gedacht.

Der Durchbruch der Schallmauer

Schon bald waren es wieder die sportlichen Erfolge, die das Schwimmfest in die Schlagzeilen brachte. Auch einer der großen deutschen Schwimmstars der siebziger Jahre, Klaus Steinbach, kam ins Zentralbad. Steinbach durchbrach damals eine Schallmauer mit einem ganz besonderen Rekord für den internationalen Schwimmsport: Die 100 Meter Freistil in unter fünfzig Sekunden war zuvor noch keiner geschwommen.

Steinbach selbst freut sich, den Rekord in Bremen erzielt zu haben: "Dass es natürlich in Bremen geklappt hat, war umso besser. Weil man das nicht auf einem Dorfschwimmfest geschwommen ist, wo keine Konkurrenz war, wo es keine Wellen gab. Sondern da, wo die besten Sprinter der Welt am Startblock standen."

Ein "schnelles" Bad

Bremer Zentralbad (Archivbild)
Zuletzt lief das Unibad dem in die Jahre gekommenen Zenti den Rang ab. Bild: Radio Bremen

Das Bremer Zentralbad war für sein besonderes Wasser bekannt. Als "griffig" beschreibt es Klaus Steinbach. Aber weshalb war das Zentralbad eigentlich ein so schnelles Bad? "Das war so konzipiert, dass die Wellen geschluckt wurden von dem Rand", erklärt Jochen Stoss. Für Kok war es rückblickend aber auch zum Teil eine Kopfsache.

Man war schnell. Aber vielleicht auch im Kopf. Wenn jeder es sagt, dann wird es auch schnell.

Ada Kok, ehemalige Schwimm-Olympiasiegerin
Ada Kok, ehemalige Olympiasiegerin

Trotzdem kam das Zentralbad aus der Mode. Mit dem Bau der Universität entstand das Uni-Bad mit einer 50-Meter-Bahn, was Ende der 70er Jahre ein internationaler Standard ist. Aber mit dem Umzug ging der Reiz des Schwimmfestes verloren.

Das legendäre Zenti wurde nur noch von der Allgemeinheit genutzt. Einmal diente es gar als pittoreske Kulisse für eine Modenschau. Schließlich wurde es abgerissen. Eine neue Markthalle zog in den Neubau. Schlagzeilen machte diese nur noch mit ihrer Schließung. Doch der Standort des einstigen Kult-Bades bleibt für viele mit der besonderen Geschichte des Bremer Zentralbades verbunden.

Autoren

  • János Kereszti
  • Michael Denk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. August 2020, 19:30 Uhr