Infografik

Endstation Werkstatt: Das Märchen von der Inklusion

Bremen ist Spitzenreiter in der Inklusion – in der Schule. Doch auf dem Arbeitsmarkt liegen wir unter dem Bundesdurchschnitt. Mit traurigen Folgen für die Betroffenen.

Luca Nelde bei seiner Arbeit im Werder Bremen Fanservice

Vor zehn Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben – eine Verpflichtung zur einer inklusiven Gesellschaft. In der Bildung hat Bremen die Inklusion auch konsequent umgesetzt: 83 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen hier eine ganz normale Schule. Der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 40 Prozent, in Bayern sind es gerade mal 26 Prozent. Aber was wird aus diesen Kindern, wenn sie die Schule verlassen? Dann ist es mit der Inklusion in der Regel vorbei. Das gilt für ganz Deutschland und für Bremen insbesondere. Die Leittragenden sind die Jugendlichen. Nach zehn Jahren Schule müssen sie erfahren, dass es mit dem Miteinander nun vorbei ist.

Der ausgeträumte Traumberuf: Lokführer

Endstation Werkstatt: Lukas Hinz
Lukas hängt seinen Jobträumen am Computer nach.

Der 18-Jährige Lukas Hinz hat einen Traum. Er will zur Bahn - am liebsten als Lokführer. Doch dieser Traum ist unrealistisch. Lukas ist als Frühchen zur Welt gekommen. Zurückgeblieben ist eine geistige Beeinträchtigung. Wie die meisten Bremer Kinder hat er trotzdem eine ganz normale Schule besucht. Bis zur 10. Klasse. Danach wird selbst im Inklusionsvorzeigeland Bremen wieder getrennt. Die einen machen Abitur oder eine Ausbildung. Jugendliche mit einer geistigen Behinderung landen fast immer in der so genannten Werkstufe – genau wie Lukas Hinz.

Die Werkstufe ist ein Ort, an dem Behinderte unter sich sind. Hier werden sie auf ihr Arbeitsleben vorbereitet: In einer Behindertenwerkstatt. Die Schüler lernen praktische Dinge, wie Einkaufen, Straßenbahnfahren oder Kochen. Lukas Hinz ist ein fröhlicher Mensch, der sich nicht beschwert. Doch den Unterschied zur anderen Schule spürt er natürlich auch:

Auf der anderen Schule, da hatten wir immer Mathe, immer Lesen oder irgendwas gehabt. Hier muss man es nicht machen.

Lukas Hinz

Auch Lukas wird nach der Schule in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Dafür muss er morgens pünktlich sein und sich bestimmte Abläufe merken können. Das lernen die Schüler hier. Sie werden unterstützt, neues Selbstvertrauen zu finden und ihre Fähigkeiten zu entdecken. Bewerbungen schreiben lernen die Schüler hier nicht. Das hätte ohnehin wenig Sinn, berichtet Karin Kreuser, Lukas Lehrerin.

Von der Werkstufe direkt auf den ersten Arbeitsmarkt hat es noch kein Schüler geschafft. Die Schüler bekommen ja keinen Abschluss. Das heißt mit den Fähigkeiten, die sie hier erwerben, sind sie für den ersten Arbeitsmarkt erstmal nicht brauchbar.

Karin Kreuser, Lukas Lehrerin

Lukas Chancen, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen, sind statistisch betrachtet aussichtslos. Die Arbeitslosenquote für Menschen mit Behinderung ist 60 Prozent höher als die von Nichtbehinderten. Geistig Behinderte werden bei dieser Quote gar nicht erst mitgezählt. Sie gelten in der Regel als arbeitsunfähig. Für sie ist die Werkstatt vorgesehen. Das gilt auch oder sogar erst recht in Bremen – dem Vorreiterbundesland bei der schulischen Inklusion.

Inklusion im Vergleich Bremen und Bundesdurhschnitt Bremen Bremen: Bundesdurchschnitt: 26% 83% ca. 40% Bayern:
Quelle: Kultusministerkonferenz

 

Andere Regeln auf dem Arbeitsmarkt

Doch in der Arbeitswelt ergibt sich ein ganz anderes Bild: In Bremen liegt die Beschäftigungsquote von Schwerbehinderten in der Privatwirtschaft bei 3,8 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 4,1 Prozent Gesetzlich vorgesehen ist, dass Unternehmen 5% ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen müssen. Doch viele Unternehmer zahlen lieber eine "Strafabgabe" als diese Vorgabe zu erfüllen. Auch bei der Vermittlungsquote von Menschen aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt steht Bremen schlecht dar. Bundesweit beträgt die Vermittlungsquote ein Prozent, in der Werkstatt Bremen nur 0,3 Prozent. Acht Personen konnten im Land Bremen 2017 vermittelt werden, acht von 2.888 Beschäftigten. 

Beschäftigungsquote von Schwerbehinderten Bremen: Bundesdurchschnitt: 3,8% 4,1% 1% 2% 3% 4% 5% 0% Gesetzlich geregelt: 5,0%
Quelle: BM Arbeit- und Soziales

Joachim Steinbrück, der Landesbehindertenbeauftragte Bremens kritisiert diese Entwicklung. Mit der Inklusionsvorreiterrolle in der der Schule passe das nicht zusammen: "Ich vermisse jemanden in der Politik der sagt, wir wollen mal (….) gucken, ob wir nicht alternative Beschäftigungsformen zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung schaffen."

Es gibt viele Stellschrauben, an denen man was machen muss, aber im Moment gibt es niemanden, der wirklich versucht, da was zu verstellen.

Ein Mann mit Sonnenbrille und kurzen grauen Haaren schaut in die Kamera.
Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter

Der Arbeitssenator Martin Günthner weißt die Verantwortung dafür von sich:  "Wir haben unfassbar viele Fördermöglichkeiten, Unterstützungsmöglichkeiten. (….) Am Geld kann es eigentlich nicht scheitern."

Es ist die Frage: Wie gelingt es uns, Unternehmen davon zu überzeugen, Menschen mit Beeinträchtigung eine Perspektive in den Unternehmen zu geben, mit den entsprechenden Hilfsmaßnahmen drumherum?

Martin Günthner
Martin Günthner, Senator für Arbeit

Andere Bundesländer haben bereits Antworten gefunden. Im Landkreis Westphalen Lippe in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel kümmert sich der Intergrations-Fachdienst darum, Menschen aus der Werkstatt in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Petra Mönstermann macht nichts anderes: "So wie der Weg in die Werkstatt klar vorgegeben ist, genau solche Strukturen muss es innerhalb der Werkstatt geben: Wie geht denn der Weg raus, damit es keine Endstatdion bleibt."

 Ausnahmen bestätigen die Regel

Endstation Werkstatt: Luca bei Werder
Luca hat es geschafft: Er arbeitet bei Werder Bremen.

Auch in Bremen gibt es positive Fälle: Luca Nelde ist 21 und hat das Down Syndrom. Er arbeitet bei Werder Bremen in der Fanartikel-Versand-Abteilung. Wenn er morgens das Büro betritt, geht die Sonne auf, sagt Anne-Kathrin Laufmann, Direktorin Gesellschaftliche Verantwortung bei Werder Bremen. Luca sei eine Bereicherung für den Betrieb:

Er ist total authentisch und offen, er sagt was er denkt. Im Arbeitsleben ist es ja manchmal so ein bisschen mit Ellenbogenmentalität. Das bringt Luca überhaupt gar nicht mit. 

Anne-Kathrin Laufmann, Werder Bremen

 Luca Nelde hat einen klar definierten Arbeitsalltag. Es sortiert aufbügelbare Logos, schreddert Papier, sorgt für Getränkenachschub und packt im Lager die Werder-Fantassen aus. Nach und nach kommen neue Aufgaben dazu. Um Luca im Betrieb zu integrieren, gehört eine Menge Kreativität der Kollegen dazu. Weil wenn die da ist, funktioniert es, meint Markus Scholz, der Vorgesetzte von Luca beim Werder Bremen Fanservice: "Er braucht relativ feste Strukturen und da mussten wir nen bisschen Fantasie spielen lassen.“

 Integration gibt es nicht zum Nulltarif

Endstation Werkstatt: Luca bei Werder
Werder Bremen zeigt, dass gelebte Inklusion in der Arbeitswelt alle bereichert.

Luca Nelde bekommt einen Stundenlohn, der über dem Mindestlohn liegt. Möglich ist das durch einen staatlichen Lohnzuschuss, dass sogenannte Budget für Arbeit. Dadurch kann ausgeglichen werden, dass Luca oft Hilfe braucht oder manchmal etwas langsamer ist. Doch das allein reicht nicht, meinen alle hier. Luca wurde in der Anfangsphase von einer Sozialpädagogin begleitet. Die kannte seine Schwächen und Bedürfnisse, hat geholfen sinnvolle Tätigkeiten zu finden und Berührungsängste abzubauen.

Luca Nelde hatte Glück. Denn die Vermittlung und Betreuung hat im Rahmen eines Projektes stattgefunden. Ein Projekt, dass mittlerweile wieder eingestellt wurde. Ohne diese Vermittlungstätigkeiten haben es Menschen mit einer geistigen Behinderung ungleich schwerer, selbst wenn sie von ihren Eltern unterstützt werden, wie Lukas Hinz. Seine Mutter hilft wo sie kann, schreibt mit ihrem Sohn Bewerbungen. Bisher ohne Erfolg: 

Ich versuch natürlich mein Bestes, ihn in die Richtung zu lenken. Und in der Werkstatt denke ich, dass er so ein bisschen unter seinen Fähigkeiten arbeiten würde. Er kann mehr als dort verlangt wird.

Lukas Mutter

Doch die Wege sind festgefahren. Lukas Hinz ist tatsächlich in der Werkstatt Bremen gelandet. Seine Aufgabe heute: Polizeifahrzeuge reinigen. Im Schnitt reinigen die Mitarbeiter 15 Autos am Tag. Leistungsdruck spielt hier keine Rolle. Doch Lukas verdient nur 67 Euro im Monat. Irgendwann sollen es mal 180 Euro werden. Damit bleibt er für immer auf staatliche Grundsicherung angewiesen.

Lukas Hinz ist in der Werkstatt nicht unglücklich. Und ganz sicher ist die Werkstatt besser als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen. Trotzdem wünscht er sich etwas anderes. Er möchte zur Bahn, er möchte Kontakt zu nicht-behinderten Menschen und er möchte richtiges Geld verdienen, um irgendwann einmal ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Er möchte das, was alle anderen auch haben – dabei sein.

Die Story im Ersten: "Das Märchen von der Inklusion"

Ein Bildausschnitt der Reportage "Ein Märchen von der Inklusuion".

Mehr zum Thema:

  • Hanna Möllers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Juni 2019, 19:30 Uhr