Infografik

Roadtrip Richtung Bremen – wie das Pendeln mit E-Auto wirklich klappt

Der nächste wird ein Elektroauto! Dieses Vorhaben hat unsere Autorin in die Tat umgesetzt. Aber wie alltagstauglich ist ein E-Auto wirklich? Ein Erfahrungsbericht.

Ein kleines Elektroauto steckt an einer Ladesäule auf einem Parkplatz.
Laden ist in vielen Situationen nicht so ganz einfach, musste unsere Autorin bereits feststellen. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Ich bin Pendlerin. Die Strecke von meiner Haustür bis zum Funkhaus ist 56 Kilometer lang. Zugverbindungen gibt es, sie sind aber mäßig. Deshalb fahre ich Auto – bisher immer mit recht schlechtem Gewissen, da ich dank Schichtzeiten alleine in einem großen und schweren Benziner sitze. Die Idee: Ein kleines Leasing-Elektroauto, das mich drei Jahre von A nach B bringen kann.   

Die Wahl fällt auf einen E-Up von Volkswagen. Doch bis das Elektroauto da ist, vergeht Zeit. Den Leasingvertrag habe ich kurz vor Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland unterschrieben. Anfang März 2020. Jetzt haben wir Februar 2021. Und ich kann mein E-Auto abholen. Fast ein Jahr nach der Vertragsunterschrift und ein halbes Jahr nach dem eigentlich angekündigten Termin. Mit der langen Wartezeit hatte ich schon einmal nicht gerechnet.

Lange Strecken vorab planen

Abholort für meinen Neuwagen ist die Autostadt in Wolfsburg. Pünktlich zum Termin versinkt Norddeutschland im Schnee. Ich habe Glück und die Deutsche Bahn bedient tatsächlich die Strecken, die ich brauche. Um 9.35 Uhr fährt mein Zug in Oldenburg los, nach der obligatorischen halben Stunde Verspätung bin ich gegen 12.55 Uhr in Wolfsburg. Um 14.45 Uhr soll mein Auto für mich bereit stehen. Meinen Heimweg starte ich gegen 15.30 Uhr.

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Ein Elektroauto steht im Schnee auf einem Parkplatz.
Fast eineinhalb Jahre wartete unsere Autorin auf ihr Elektrofahrzeug. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Der Akku meines Autos ist zu gut Dreiviertel geladen. Laut Anzeige komme ich damit knapp 200 Kilometer. Allerdings sind es mit Minusgraden keine perfekten Bedingungen für ein E-Auto. Laden werde ich zwischendurch so oder so müssen. Die VW-App schafft es nicht, mir die Route inklusive Ladepunkten zu berechnen. Blauäugig wie ich bin, fahre ich erst mal los. Fehler: Planen hätte ich vorher sollen. Das merke ich aber erst später.

Dschungel aus Ladesäulen und Bezahlsystemen

Nach den ersten 90 Kilometer entscheide ich mich, das erste Mal zu laden. Ich habe mehrere Apps auf dem Handy, die mir anzeigen, wo ich welche Ladesäule finde und ob ich mit meiner ADAC-Ladekarte dort laden kann. Klappt in diesem Fall unproblematisch und ich nutze die Pause für ein frühes Abendessen.

Die nächste Etappe führt mich bis nach Achim. Jetzt wird es komplizierter. Ich entscheide vor Bremen zu laden – scheitere jedoch, als ich feststellen muss, dass die Säule, die mir als frei zugänglich angezeigt wird, für mich nicht zu finden ist. Ich lande in einer Sackgasse vor einem Tor.

Gestrandet auf einem Supermarktparkplatz

Nächste Ladesäule rausgesucht, dieses Mal lieber bei einem Autohof. Sicher ist sicher. Mir werden dort mehr als 20 Ladepunkte angezeigt. Es stellt sich heraus: Die meisten sind nicht zu finden. Eine Ladesäule ist tatsächlich, wo meine App sie anzeigt. Meine ADAC-Karte wird von der Säule allerdings nicht akzeptiert. In meiner App steht zwar was anderes, aber an der Realität scheitere ich.

Mittlerweile ist es 21 Uhr. Mein Akku sagt, er kann noch 43 Kilometer weit fahren. Ich bin mir unsicher und fahre lieber nur drei Kilometer. Letztendlich lande ich auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Bremen-Hemelingen. An dieser Ladesäule brauche ich keine App, meine ADAC-Karte reicht aus. Halleluja, es funktioniert! 21.08 Uhr.

Elektroautofahrer sollten auf ihr Handy-Datenvolumen achten

Rund eineinhalb Stunden stehe ich also bei Minus 8 Grad Celsius auf dem Parkplatz. Jugendliche kommen und gehen, kaufen Energydrinks und Mischbier. Eine Frau geht fast 20 Minuten vor meinem Auto auf und ab und telefoniert wild gestikulierend. Nach und nach kommen immer weniger Menschen vorbei. Gegen 22.13 Uhr ist mein Auto wieder bei 94 Prozent Akku und die letzte Etappe steht an. Meine Haustür schließe ich um 22:42 Uhr auf. 13 Stunden und 47 Minuten nach Aufbruch bin ich wieder zuhause.

Die kommenden Tage zeigen: Das Fahren mit dem Elektroauto ist nicht das Problem. Der Netzausbau der Ladesäulen und die vielen verschiedenen Betreiber schon. Ich fahre rund um meine Wohnung verschiedene Ladepunkte an. An drei von vier Säulen habe ich das Problem, dass die Ladesäule sich nicht mit meiner App verbindet. Nächster To-Do-Punkt als neue Elektorautofahrerin: Das Datenvolumen meines Smartphones gehörig aufrüsten. Sonst stehe ich im Zweifel in der Pampa und finde weder raus, wo ich laden kann, noch funktioniert meine App. Ladesäule vier funktioniert übrigens einwandfrei – allerdings auch wieder mit Karte.

Pendeln klappt – dank Ladesäule im Parkhaus

Aber wie sieht es denn nun mit dem eigentlichen Anschaffungszweck aus? Klappt das Pendeln? Ein paar Tage später starte ich den Test – und siehe da, es funktioniert reibungslos. Die Strecke verbraucht, wenn ich sparsam fahre, ein Viertel meines Akkus und im Parkhaus bei der Arbeit kann ich ohne Probleme das Auto wieder aufladen. Mein Plan scheint aufzugehen.

Um mich darüber zu informieren, was in Deutschland und in Bremen in Sachen E-Mobilität noch passieren muss, spreche ich mit Dr. Marc Lemmel. Er ist Lehrbeauftragter im Bereich Elektromobilität an der Universität Bremen und promovierte im Bereich Elektromobilität. Seit mehr als zehn Jahren fährt er elektrisch. Und kennt meine Probleme.

Forscher fordert mehr Verbünde fürs barrierefreie Laden

Bremen hänge heutzutage sehr hinter anderen Städten her, was die Infrastruktur für Elektroautos angeht. "Das ist wirklich ein Trauerspiel", sagt Lemmel. So gebe es beispielsweise zu wenig Ladesäulen. Hamburg habe im Vergleich mehr geleistet. Doch nicht nur die fehlenden Ladesäulen seien ein Problem. Es müsse auch mehr Verbünde geben, damit Elektrofahrer nicht so große Probleme beim Laden haben.

Aktuell kann man nicht mit einer Karte von Bremen nach München fahren – das geht nicht.

Dr. Marc Lemmel, Lehrbeauftragter im Bereich Elektromobilität an der Universität Bremen

Das sei aber ein politisches Thema und auch die Abrechnungen spielen da eine Rolle, denn in Deutschland dürfe nicht jeder Strom verkaufen. "Da müsste es eine EU-Richtlinie geben", so Lemmel. Ziel sollte es sein, dass an Stromladestellen ähnlich wie an 24-Stunden-Tankstellen mit EC- oder Kreditkarte gezahlt werden könne.

Aktuell sei vor allem der Verbraucher gefragt, so Lemmel. Jeder Autofahrer müsse sich genau überlegen, wofür er sein Auto benötigt. Im Durchschnitt fahren die Deutschen 35 Kilometer pro Tag. "Diese Strecke schafft jedes Elektroauto", sagt Lemmel. Bislang habe sich der Verbraucher einfach nie Gedanken darüber machen müssen, schließlich konnte jedes Auto rund 500 bis 1.000 Kilometer am Stück fahren.

Aber wer benötigt das schon? Wenn jemand regelmäßig von Bremen nach München fahren muss, muss ich ihm leider sagen, dass es dafür kein geeignetes E-Auto gibt. Aber diese Fälle sind doch eher die Ausnahme.

Dr. Marc Lemmel, Lehrbeauftragter im Bereich Elektromobilität an der Universität Bremen

Ausblick in die Zukunft

In Zukunft glaubt Lemmel, dass 75 Prozent der Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden könnten. Fahrzeuge, die eine besonders hohe Reichweite brauchen, könnten seiner Ansicht nach aus einer Mischung von Elektroantrieb und einer Brennstoffzelle, also einem Wasserstofftank, funktionieren.

So wird "grüner" Wasserstoff hergestellt

Video vom 8. September 2019
Eine Grafik, die die Herstellung von Grünen Wasserstoff beschreibt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Für mein kleine E-Auto stellt Lemmel mir eine Zukunftsvision in Aussicht: "Vielleicht ist es irgendwann möglich, einen Koffer mit einer zusätzlichen Batterie oder einer Brennstoffzelle dabei zu haben – und die schließen Sie an, wenn Sie weitere Strecken fahren wollen." Bis dahin und zum Pendeln reicht mir mein Auto so wie es ist. Nach Wolfsburg fahre ich damit aber so schnell nicht wieder.

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Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 1. März 2021, 23:30 Uhr