Interview

Medienkompetenz lernen – hilft ein Schulfach "Digitale Medien"?

Bremer Schüler sollen lernen, mit Medien umzugehen. Aber was brauchen Schulen und Lehrkräfte dafür? Die Informatik-Professorin Heidi Schelhowe von der Universität Bremen gibt Antworten.

Schüler und ihr Schulleiter Heinrich Brinker arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf an Computern.
Nicht nur technische Geräte brauchen die Bremer Schulen, auch die Lehrer müssen geschult werden. Bild: DPA | Friso Gentsch

Mit dem Digitalpakt sollen Schulen besser mit digitaler Technik versorgt werden. Zumindest, wenn Bund und Länder eine gemeinsame Regelung finden und die Finanzierung klären. Die grundsätzlichen Voraussetzungen sollen laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung bis Ende des Jahres geschaffen werden.

In Bremen diskutieren heute die Grünen über das Thema zusammen mit Nils B. Schulz, Lehrer am Robert-Havemann-Gymnasium in Berlin und Heidi Schelhowe. Sie ist Hochschullehrerin an der Universität Bremen für "Digitale Medien in der Bildung". Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr im Postamt 5.

buten un binnen Heidi Schelhowe vorab zum Stand der Digitalisierung an Bremer Schulen befragt.

Wo stehen die Bremer Schulen bei der Digitalisierung?
Nach einer Studie der Telekomstiftung stehen Bremer Schulen im Hinblick auf digitale Ausstattung und digitale Aktivitäten gar nicht so schlecht da im Bundesvergleich. Wichtig ist es jetzt aber, Vorstellungen zu entwickeln, die über die Ausstattung hinaus gehen. Es besteht die Aufgabe, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, wie Lehrerinnen und Lehrer gut gerüstet werden, um Schülerinnen und Schüler zu befähigen, die digitale Welt zu verstehen und mitzugestalten. 
Portrait Heidi Schelhowe
Heidi Schelhowe, Uni Bremen
Welche Ausstattung brauchen Schulen?
Es bleibt zu hoffen, dass Bund und Länderregierungen ihren Streit über die Umsetzung des Digitalpakts beenden und die Mittel für Hardware-Ausstattung und Vernetzung vom Bund bald zur Verfügung gestellt werden. Grundvoraussetzung für die Schulen wird eine gute WLAN-Anbindung sein. Was die Geräte angeht, sollten die Schulen möglichst flexibel selbst entscheiden können. Da sind die Konzepte unterschiedlich. Die einen nutzen Handys oder Tablets, die anderen Laptops, Mikrocontroller oder Smartboards. Dabei wird es darauf ankommen, keine Schulen – zum Beispiel in Brennpunktgebieten – zu benachteiligen oder Schüler auszuschließen.
Sollte man erst Equipment anschaffen oder Lehrer schulen?
Das kann man nicht gegeneinander ausspielen. Ohne das eine wird das andere nicht funktionieren. Lehrerinnen und Lehrer brauchen – wenn sie sich fortgebildet und eingearbeitet haben – auch eine gut funktionierende technische Umgebung. Vieles im Umgang mit Technik wird experimentell an den Schulen auszuprobieren sein. 
Wie gehen die Schüler mit dem Thema "Digitalisierung" um?
Nach einer Umfrage der BITKOM wünschen sich  84 Prozent der Schülerinnen und Schüler, dass Digitale Medien verstärkt im Unterricht eingesetzt werden. Und auch unter den Lehrerinnen und Lehrern ist die Akzeptanz gestiegen. Vor zehn Jahren gab es noch große Skepsis. Heute ist die Grundhaltung der Lehrerinnen und Lehrer eher positiv, die Mehrzahl wünscht sich eine größere Rolle Digitaler Medien. Sie beklagen allerdings die schlechte Ausstattung und die mangelnde technische Unterstützung.
Wie kann man digitale Bildung in den Schulalltag integrieren?
Sie muss in allen Fächern Einzug erhalten. Denn der Rechtschreibunterricht kann in Zeiten von Korrekturprogrammen diese nicht einfach ignorieren. Auch im Sportunterricht muss man sich auf die elektronischen Gadgets beziehen, die Schülerinnen und Schüler häufig zur Messung ihrer Bewegungen nutzen. Im Musikunterricht sollte durchschaubar werden, warum ich auf einer Plattform genau diese Musikangebote bekomme und wie hier die 'Personalisierung‘ funktioniert.

Digitale Bildung – und nicht einfach die Bedienung der Medien – ist also übergreifend für alle Fächer wichtig, wie die Digitalisierung ja auch Einzug in alle Lebens- und Arbeitsbereiche gehalten hat.  Aber darüber hinaus sollte es auch ein eigenes Fach geben. Es wäre zu verkürzt, dafür nur die Informatik vorzusehen. Wenn ich Bildungssenatorin wäre, würde ich ein Fach einführen, das sowohl die sozialen, rechtlichen, ethischen, wirtschaftlichen Fragen der Digitalisierung als auch die technologischen Fragen aufwirft, denn sie hängen eng zusammen, weil die Algorithmen nicht neutral sind. Ein solches Fach könnte für die Schülerinnen und Schüler in einem gestaltenden Zugang organisiert werden, praxisnah und handlungsorientiert. Man könnte es zum Beispiel "Digitale Medien" nennen. Dafür würde es speziell ausgebildete Lehrkräfte geben und dafür könnten wir in Bremen einen neuen Studiengang gründen — zumindest mittelfristig. Da könnte sich die Universität Bremen hervortun, denn wir haben die Kompetenzen für einen medienpädagogischen, medienwissenschaftlichen und informatischen Zugang und könnten Informatik mit Medienpädagogik und mit Anwendungen verknüpfen. Ich würde übrigens auch dafür plädieren, dass Schulen systematisch mit Medienzentren, MakerLabs, Freizeiteinrichtungen zusammen arbeiten, weil es dort für Schulen sowohl attraktive Hardware gibt und vor allem auch Menschen, die technisch fit sind und über die sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrerinnen und Lehrer sich das erforderliche Know How aneignen können. Das wäre meine Vision.
Was ist das Ziel – was sollten Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn können?
Sie müssen lernen, sich verantwortlich in den sozialen Medien und in der digitalen Welt zu bewegen. Sie sollen weder Angst vor den Medien haben, sich davon überrollt fühlen, noch sollen sie bedenkenlos damit umgehen. Sie sollen verstehen, dass diese Plattformen von Menschen gemacht sind und dass sie sich einmischen können und dürfen. Ansprüche Stellen ist erlaubt. Medienkompetenz heißt auch, bewusst entscheiden zu können, welche Medien ich nutze, welche nicht und welche Bedingungen ich persönlich und politisch für die Nutzung stelle. Dazu gehört ein handlungsorientierter Unterricht, in dem Schüler durch eigenes Programmieren erfahren, was die Grundlagen der Digitalisierung sind. Sie können dann z.B. kritisch beleuchten, welche Informationsangebote sie auf ihrer Plattform bekommen, wie diese auf ihre persönlichen Präferenzen, die von einem Computerprogramm auf der Grundlage gesammelter Daten berechnet werden,  zugeschnitten werden, und wie sie sich bewusst aus solchen Filterblasen befreien und Neues erfahren können.

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  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 1. November 2018, 23:30 Uhr