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"Wenn wir nicht mehr da sind": Was passiert mit dem digitalen Erbe?

Die wenigsten kümmern sich gern um den eigenen Nachlass. Noch weniger Beachtung bekommt das digitale Erbe. Zu Unrecht, meint ein Bremer Forscher.

Blick durch eine Brille auf eine Facebookseite, auf der es um digitalen Nachlass geht.
Die Erben eines Verstorbenen haben meistens einen Anspruch auf seine digitalen Daten und Güter. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

An den eigenen Tod denken die meisten nur ungern. So kann es vorkommen, dass die Erbschaft gesetzlich geregelt werden muss. Was viele offenbar nicht wissen: Auch das digitale Erbe unterliegt rechtlichen Vorschriften. Und ein fehlendes Testament kann für die Familienmitglieder Folgen haben. Darauf machen Forscher der Universität Bremen in einer Studie aufmerksam, die kürzlich in Kooperation mit dem "Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie" erschienen ist.

Denn grundsätzlich haben Erben genauso wie bei einem analogen Nachlass einen Anspruch auf die Güter des Verstorbenen. In diesem Fall: auf sämtliche Informationen, Accounts, Guthaben und Online-Materialien des Erblassers. Diese können ebenfalls Bilder, Kontakt- und Geschäftsdaten von weiteren, noch lebenden Personen mit einschließen. Mit diesen Rechten erben sie jedoch ebenso Pflichten – beispielsweise im Fall von Schulden bei Internetdienstanbietern. buten un binnen hat die wichtigsten Aspekte des digitalen Nachlass zusammengefasst.

Was genau umfasst das digitale Erbe?
Unter dem Begriff "digitales Erbe" verbergen sich Daten und Informationen, die sehr unterschiedlich sein können. Von Zugangsdaten zu Facebook-, Twitter- und Instagram-Accounts und deren Chats über Dokumente, die auf Festplatten gespeichert sind, bis zu E-Books, Filmen und Streaming-Konten. Grundsätzlich alles, was mit den eigenen Daten, Rechten und Pflichten in der digitalen Welt verbunden ist, wie der Bremer Wissenschaftler Marcel Kubis erläutert.
Wer kommt als Erbe infrage?
Wenn man kein Testament aufgesetzt oder seinen Willen nicht irgendwie festlegt hat, gelten die üblichen Regelungen wie für den analogen Nachlass. Kinder, Ehepartner, sonst Eltern und weitere Verwandte sind dann an der Reihe. Der Erblasser darf jedoch jeden in seinem Testament als Erbe bezeichnen, so Kubis. Auch mehrere Nennungen sind möglich.
Wie geht man bei einem digitalen Testament am besten vor?
Im letzten Willen sollte festgehalten werden, wer die Rechte an welchen Konten, Hardwares oder E-Waren erben wird. Und am besten auch, was mit den Accounts geschehen soll. Ob sie weitergeführt oder gelöscht werden sollen. Außerdem kann es sinnvoll sein, eine Liste mit allen Accounts und deren Passwörtern zu erstellen, beispielsweise auf einem verschlüsselten USB-Stick, und diese regelmäßig zu aktualisieren. An einem sicheren Ort sollte man dann die entsprechenden Anleitungen für die Erben und den eventuellen Testamentvollstrecker sowie den Hinweis über den Verbleib des USB-Sticks aufbewahren. Am besten auf einem Zettel. Laut den Bremer Forschern sollten die Passwörter am besten nicht im Testament erwähnt werden, da mehrere Menschen Zugang zum Dokument haben könnten.
Welche Risiken und welche Rechte haben die Erben?
Erben dürfen in der Regel die Konten schließen oder weiterführen. Dabei sollten sie aber kenntlich machen, dass sie nicht die verstorbene Person sind. Sonst könnten sie die post-mortalen Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen verletzen. Ebenfalls dürfen sie Zugangsdaten beim Provider anfordern – es sei denn, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) legen etwas anderes fest.
Mit den Informationen und Daten auf den Festplatten darf man hingegen fast alles machen. Wie mit einem Tagebuch, sagt Kubis. Man darf sie sogar veröffentlichen, solange sie nicht die Persönlichkeitsrechte anderer verletzen. Denn private Daten, Nacktbilder oder Ähnliches dürfen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Erben tragen dabei dieselbe Verantwortung wie der Erblasser. Guthaben dürfen ebenfalls geerbt werden – allerdings zusammen mit eventuellen Online-Schulden und offenen Rechnungen.

Darauf sollte man bei den verschiedenen Plattformen aufpassen:

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1 Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Instagram gehen beim digitalen Nachlass meistens unterschiedlich vor. Facebook hat beispielsweise schon vor einiger Zeit den Gedenkzustand eingeführt. Twitter bietet lediglich an, das Konto zu deaktivieren. Generell gilt, dass Erben einen Anspruch auf die Zugangsdaten und eventuell auf die Weiterführung des Kontos haben. Ausnahmen sind jedoch möglich – vor allem, wenn sie im Vertrag festgelegt wurden. Wichtig dabei: Niemand sollte sich als der Verstorbene ausgeben. Manchmal kann es laut Experten schwierig sein, sich als Erbe auszuweisen. Denn bei Diensten mit Sitz in anderen Ländern könnte eine andere Form der Sterbeurkunde verlangt werden als die deutsche. Auch die Nutzung eines Pseudonyms könnte den Nachweis erschweren.

2 E-Mails

E-Mails werden grundsätzlich analogen Briefen gleichgestellt. Erben dürfen also private E-Mails lesen, wenn der Nachlass nicht anders geregelt ist. Allerdings legen Dienstanbieter in ihren AGB nicht selten fest, dass der Account nach einer gewissen Zeit Inaktivität oder im Todesfall gelöscht wird. Manche Unternehmen befürchten offenbar eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses. Im Allgemeinen gilt: Selbst wenn man Zugriff auf den Account erhalten hat, darf man die Persönlichkeitsrechte Dritter nicht verletzen.   

3 Dating-Webseiten

Dating-Webseiten bilden hier eine Ausnahme. Ein genereller Anspruch auf die Zugangsdaten des Verstorbenen besteht laut Experten nicht. Denn der Sinn solcher Portale besteht darin, der Person auf sie zugeschnittene Partnervorschläge zu übermitteln. Die dürfen nicht geerbt werden. Die Informationen, die darin enthalten sind, werden als höchstpersönlich eingestuft.

4 Daten auf Laptops und Hardware

Wie bei anderen Waren auch, erben die Nachkömmlinge Hardware wie Laptops, Tablets, USB-Sticks und Smartphones. Damit dürfen sie tun, was sie wollen. Es sei denn, im Testament steht etwas anderes. Haben sie die entsprechenden Zugangsdaten, dürfen sie wie mit einem analogen Tagebuch Auszüge davon veröffentlichen oder sie ganz vernichten. Die Rechte Dritter sollten dabei beachtet werden.

5 Cloud-Accounts

Ein Urteil des Landgerichts Münster hat kürzlich für Klarheit gesorgt: Apple muss den Erben Zugang zur iCloud gewähren. Ähnlich dürfte es sich mit anderen Providern verhalten. Dropbox schreibt beispielsweise auf seiner Webseite, dass Erben die Zugangsdaten anfordern dürfen – wenn sie den Todesfall und den Zugangsanspruch belegen können. 

6 Geld oder Guthaben auf digitalen Konten

Befindet sich noch Geld auf dem Paypal-Konto eines Verstorbenen, dürfen Erben dies auf ihre Konten überweisen und die Kündigung des Accounts beantragen. Dafür ist jedoch eine Reihe von Unterlagen notwendig. Auch Bitcoins dürfen vererbt werden. Allerdings könnten Erben ohne Private-Key Schwierigkeiten haben, an das Geld zu kommen. Das liegt in der eingesetzten Technik begründet. Bei Online-Vermögen und -Verträgen müssen die Nachfahren jedoch berücksichtigen, dass sie nicht nur Geld erben können, sondern auch eventuelle Schulden und unbeglichene Rechnungen. Etwa bei Streaming-Diensten, Kommunikationsanbietern, Online-Spielen und Versandplattformen. Ebenfalls zu beachten: Eventuelle Abonnements sollten so schnell wie möglich gekündigt werden, um Zahlungsaufforderungen zu vermeiden.

7 E-Waren wie E-Books oder Musik

Prinzipiell sollten E-Bücher oder digitale Filme so wie ihre analogen Varianten behandelt werden, erläutert der Bremer Wissenschaftler Marcel Kubis. Allerdings stellen viele Dienstanbieter in ihren AGB fest, dass der Käufer kein Eigentümer wird, sondern lediglich ein Nutzer. Damit erwirbt er nur ein eingeschränktes Nutzungsrecht und keine Waren, die er weitergeben darf. Solche Medien sind dann nicht übertragbar.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Januar 2020, 18 Uhr