Die Corona-Regeln der Deutschen Bahn: Lockerer als bei einer Party?

Die Deutsche Bahn hält am "offenen Buchungssystem" fest: Fahrgäste können weiter jederzeit zusteigen. Der Verband "Pro-Bahn" hält die Situation für vertretbar.

Reisende am Bahnsteig neben einem ICE (Archivbild).
Am Pfingstwochenende könnte es in den Fernzügen voller werden als zuletzt. Bild: DPA | Jens Krick / Flashpic

Wer ab Pfingstmontag mit 50 Teilnehmern unter freiem Himmel auf der 300-Quadratmeter-Parzelle feiern will, braucht ein Hygienekonzept und muss die Einhaltung des Mindestabstandes sicherstellen. Beim Transport von bis zu knapp 90 Personen auf rund 55 Quadratmetern – das ist grob die Grundfläche eines ICE-Großraumwagens – reicht guter Wille. Zwar weist die Bahn bei der Buchung auf ihrer Website oder in ihrer App darauf hin, wenn ein Zug bereits zur Hälfte gebucht ist. Weitere Ticketverkäufe und damit höhere Auslastung aber verhindert das nicht.

Das komplizierte Geflecht der Bahn

Denn der Ticketverkauf für Züge wird mit bereits erreichter 50-Prozent-Auslastung nicht eingestellt. Das kommt erst später und auch nicht in jedem Fall: "Bei Zügen mit voraussichtlich sehr hoher Auslastung kann der Ticketverkauf zudem ausgesetzt werden," sagt eine Bahnsprecherin buten un binnen. Wobei einerseits das "kann" im Satz wichtig ist und andererseits die "sehr hohe Auslastung" nicht genau definiert ist. Und weiter: "Dennoch haben Fahrgäste weiterhin die Möglichkeit, spontan in jeden Zug einzusteigen. An dem offenen System, das Bahnkunden in Deutschland sehr schätzen, halten wir fest."

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer will das ohne Kenntnis sehr bahnspezifischer Details gar nicht als tragbar oder untragbar einsortieren. Grundsätzlich meint er zwar, "um wirkungsvoll eine Ansteckung zu verhindern, sollten 13 bis 20 Quadratmeter pro Person zur Verfügung stehen“. Das wird in einem ICE-Waggon bei weitem nicht erreicht. Doch stellt Dotzauer auch gleich klar, dass das nur ein ganz grober Daumenwert sei, der natürlich durch diverse Details – ganz vorneweg die Lüftung im Zug – massiv beeinflusst wird. Bei guter Absaugung – möglichst nach unten – sei gleich viel erreicht, so Dotzauer. Und natürlich spiele auch eine Rolle, ob ein echter Luftaustausch oder nur eine -umwälzung stattfinde.

Es ist aber auch ein extrem kompliziertes Geflecht, in dem die Bahn sich da bewegt. Einerseits gilt der Bahnverkehr als die mit Abstand ökologischste Reiseform, insbesondere auf Langstrecken. Andererseits buchen Einzelpersonen, Paare, Familien mit zwei oder drei Kindern, Bürokollegen oder auch Kleingruppen. Manche haben Abstand zu halten, andere nicht.

Screenshot eines Newsletter der Deutschen Bahn, mit der Überschrift: Wir tun alles, damit Sie sicher reisen können – Sie achten auf sich und andere.
Per Newsletter wirbt die Bahn etwa bei Geschäftskunden darum, wieder auf die Schiene zurück zu kommen. Die Aussage, dass Züge mit 50 Prozent Auslastung gekennzeichnet werden, heißt nicht, dass dafür nicht weitere Fahrkarten verkauft werden und der Zug am Ende voller ist, als einem lieb ist. Bild: Screenshot Newsletter Deutsche Bahn

Darüber ein Raster buchbarer Plätze zu legen und solcher, die gesperrt sind, ist nahezu unmöglich. Oder auf jeden Fall würde jeder Eingriff ins System Probleme an anderer Stelle schaffen. Etwa bei Sperrung jedes zweiten Platzes und der Reise von Eltern mit kleinen Kindern.

Die Bahn setzt auf Eigenverantwortung der Reisenden

Daher versucht die Bahn es gar nicht erst, bestimmte, definierte Sitzplatz-Anordnungen zu schaffen oder zu unterbinden: Wer händisch in der Platzreservierung die beliebte 4er-Insel um den Tisch bucht, kann das ohne Probleme machen. Es kann ja eine Familie sein, die das darf. Ob das stimmt? "Wir dürfen das gar nicht kontrollieren," sagt die Bahnsprecherin. "Wir setzen lediglich die Regeln der Politik um. Die Durchsetzung dessen obliegt den Ordnungsbehörden, nicht der Bahn," stellt sie klar. Und daneben setzt sie auch auf die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen.

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro-Bahn bescheinigt der Bahn so auch: "Die tun was sie können und sorgen gleichzeitig dafür, dass das System ein offenes System bleibt." Corona-Probleme sieht er so auch eher im bisweilen überfüllten und sehr engen Nahverkehr, als im Fernverkehr der Bahn. Da die Nahverkehrszüge oftmals das Verkehrsmittel der Wahl für Pendler sind, kann es sich darin schon mal ganz ordentlich knubbeln.

Nahverkehr als Nadelöhr

Der Versuch, hier unbotmäßige Nähe zu unterbinden, klingt beim Metronom so: "Der Mindestabstand von 1,5 Metern ist eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen. Deshalb gilt: Der Sitzplatz am Fenster kann genutzt werden, der Nachbarsitz zum Gang bleibt frei. Zum Schutz aller anderen Fahrgäste und der eigenen Mitarbeiter gilt dies übrigens auch für Familien beziehungsweise Mitglieder desselben Haushalts."

Und die Nordwestbahn lässt ihre Passagiere etwas knapper wissen: "Abstand halten und gleichmäßig auf das Fahrzeug verteilen. Mögliche Sperrbereiche im Zug respektieren. Beim Ein- und Ausstieg nicht drängeln."

Doch bei aller Anerkennung der Bemühungen beim Fernverkehr der Deutschen Bahn ist auch da nicht alles perfekt, findet auch Pro-Bahn-Sprecher Naumann: "Es gibt da Unschärfen." So könne die Bahn zwar theoretisch den Verkauf von Platzkarten bei 50 Prozent Auslastung stoppen. Das aber hindere niemanden mit dem Flex-Ticket ohne Zugbindung und Platzreservierung, einen Zug zu besteigen.

Wer also selbst bei der Buchung darauf geachtet hat, einen möglichst leeren Zug zu buchen, ist überhaupt nicht davor gefeit, dass nach ihm noch etliche weitere buchen und der Zug am Ende voller ist als angenommen.

Über Pfingsten wird ein höhere Auslastung der Züge erwartet

Verhindern könnte das eine Reservierungspflicht: Selbst, wer ein Flex-Ticket hat, weil er bei der Fahrkartenbuchung noch nicht sicher weiß, welchen Zug er nehmen wird, müsste dann immer noch vor der Fahrt reservieren, wenn klar ist, welche Verbindung passt. So wäre eine Kontrolle bis zur Abfahrt möglich, wie viele Passagiere im Zug sitzen.

Andere Länder arbeiten nach diesem System. Die Deutsche Bahn habe sich da ganz bewusst gegen entschieden, um den Kunden die gewohnte und für die Attraktivität des Verkehrsmittels wichtige Flexibilität zu erhalten, heißt es seitens des Unternehmens.

Über Pfingsten aber habe im Übrigen offenbar niemand Probleme diese Art zu befürchten. Aktuell seien die ICE und IC zu rund 20 bis 30 Prozent ausgelastet. "Für das Pfingstwochenende erwarten wir eine etwas höhere Nachfrage und Auslastung unserer Züge. Der überwiegende Teil der Züge wird dann voraussichtlich ungefähr 50 Prozent der Auslastung eines üblichen Pfingstwochenendes zeigen," sagt die Bahnsprecherin.

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. Mai 2020, 7:40 Uhr