Daimler und die Milliarden: Gehen Bremer Beschäftigte leer aus?

Trotz Corona hat Daimler vergangenes Jahr vier Milliarden Euro Gewinn gemacht. Zugleich hat der Konzern Kurzarbeitergeld kassiert. Profitieren davon nur Aktionäre?

Video vom 23. Februar 2021
das Firmenzeichen von Mercedes-Benz.
Bild: Radio Bremen

Die guten Geschäfte Daimlers in China seien der Hauptgrund für die großen Gewinne des Konzerns. So hat es Daimler-Chef Ola Källenius vorige Woche dargestellt, als er vor der Presse erklärte, dass das Unternehmen im Jahr 2020 einen Nettogewinn von rund vier Milliarden Euro erzielt hat, gut 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Doch China hin oder her: Es gibt noch weitere Gründe für die satten Gewinne, die Bremens größter privater Arbeitgeber gemacht hat. So schlägt allein das Kurzarbeitergeld, das Daimler voriges Jahr für seine Beschäftigten aufgrund der Coronakrise in Anspruch genommen hat, Schätzungen der IG Metall zufolge mit 500 bis 700 Millionen Euro zu Buche. Dabei ist Kurzarbeitergeld eigentlich ein staatliches Fördermittel, das Unternehmen durch existenzielle Krisen helfen soll statt hohe Gewinne weiter zu mehren.

"Schwierig zu erklären", findet denn auch Volker Stahmann von der IG Metall Bremen, dass Daimler voriges Jahr derartig massiv von dem Instrument der Kurzarbeit profitiert hat. Auch wenn sich die Gewinne des Konzerns noch im Herbst keinesfalls abgezeichnet hätten, bleibe doch ein "Geschmäckle".

Was macht Daimler mit dem Gewinn?

Mann in Anzug mit Vollbart und Glatze blickt für Portrait in Kamera
Warnt vor einer übereilten moralischen Bewertung: Detlef Aufderheide. Bild: Detlef Aufderheide

Dieser Einschätzung des Gewerkschafters mögen auch führende Wirtschaftsethiker kaum widersprechen. Detlef Aufderheide von der Hochschule Bremen etwa findet "pikant", dass Steuerzahlerinnen und Steuerzahler mit gut 500 Millionen Euro die Kurzarbeit bei Daimler finanziert und damit wesentlich zur Gewinnsteigerung der Konzerns beigetragen haben. Dass der Konzern nun aber freiwillig Geld an den Staat zurückzahlen sollte, wäre aus seiner Sicht zu viel verlangt: "Müsste man das dann nicht für jede im Nachhinein zu weitreichende Unterstützung eines Unternehmens durch den Staat fordern? Aus wirtschaftsethischer Sicht spielt auch die Gleichbehandlung aller Beteiligten eine wichtige Rolle", so Aufderheide.

Ohnehin warnt er vor einer übereilten moralischen Bewertung des Sachverhalts: "Es ist ja so, dass Daimler etwa 15 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft hat als im Jahr davor. Das ist ein deutlicher Nachfrageeinbruch." Daran sehe man, dass der Autobauer die Kurzarbeit im Jahr 2020 "nicht willkürlich" eingeführt habe: "Die entscheidende Frage ist für mich nun, was Daimler mit den hohen Gewinnen macht."

Denn die Konzernleitung, so Aufderheide, habe dem Betriebsrat vorigen Sommer in der Krise erhebliche Zugeständnisse abgerungen. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Betriebsrat nun das Gespräch mit dem Vorstand suchen wird, um zu klären, welche Einschnitte noch zu rechtfertigen sind." Dass der Vorstand von sich aus auf den Betriebsrat zugehen wird, hält Aufderheide allerdings für unwahrscheinlich. "Obwohl das natürlich sehr schön wäre. Das wäre ein unheimlich wertvoller Vertrauensbeweis", fügt er hinzu.

"Gewisse moralische Blindheit"

Mann mit runder Hornbrille lächelt in Kamera
Zweifelt an der Moral der Autoindustrie: der Wirtschaftsethiker Hendrik Müller. Bild: Hendrik Müller

Der Wirtschaftsethiker Hendrik Müller von der Hochschule Fresenius in Hamburg ordnet die Lage ähnlich ein wie sein Bremer Kollege. Er spricht von einem "komplexen Problem" im Zusammenhang mit den hohen Gewinnen Daimlers trotz Kurzarbeit. "Wichtig ist nun: Was macht das Unternehmen mit den Einsparungen?", fragt auch Müller und fügt hinzu: "Wenn Unternehmen mit Kurzarbeit Kosten auf den Staat abwälzen, dürfen nicht am Ende die Aktionäre die alleinigen Profiteure sein. Das wäre aus meiner Sicht nicht akzeptabel."

Angemessen fände der Wissenschaftler dagegen, wenn die Aktionäre Daimlers auf allzu hohe Dividenden für 2020 verzichteten. Trotz des Umbruchs der Automobilindustrie müsse der Konzern den Mitarbeitenden eine Perspektive bieten, nachdem diese zugunsten des Unternehmens in der Krise auf Geld verzichtet hätten. Das sei ein "Gebot der Fairness". Und dieses Gebot spiele in der Wirtschaftsethik eine große Rolle.

In der Automobilindustrie allerdings nur bedingt. "Spätestens seit dem Dieselskandal herrscht da eine gewisse moralische Blindheit", sagt Müller. Tatsächlich kündigt Daimler auf seiner Website an: "Vorstand und Aufsichtsrat werden der Hauptversammlung am 31. März 2021 eine Dividende von 1,35 Euro pro Aktie vorschlagen." Im Jahr 2019 erhielten die Aktionäre noch eine deutlich kleinere Dividende. Sie lag bei 90 Cent pro Aktie.

"Das geht gar nicht!"

Zur Erklärung für die hohe Dividende teilt Daimler-Sprecher Matthias Krust mit: "Daimler strebt seit Jahren grundsätzlich eine jährliche Dividendenzahlung von 40 Prozent des ausschüttungsfähigen Nettogewinns an." Der Dividendenvorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat berücksichtige eine sorgfältige und umsichtige Abwägung der Interessen aller Stakeholder, denen sich das Unternehmen verpflichtet sehe. Zudem fuße der Vorschlag auf der aktuellen Geschäftslage, der Liquidität und den Geschäftsaussichten, so Krust.

"Das geht gar nicht!", sagt dagegen Volker Stahmann von der IG Metall Bremen. Zumindest nicht, so lange weiterhin jene Beschäftigten Daimlers, die nicht unmittelbar in der Produktion tätig seien, lediglich 33 statt der üblichen 35 Stunden arbeiten dürften – und entsprechend weniger Geld bekämen. So hatte es der Gesamtbetriebsrat im September mit der Konzernleitung für die Zeit bis zum 30. September 2021 verabredet und außerdem beschlossen, dass die Prämien 2020 für alle Beschäftigten entfielen.

Stahmann findet allerdings, dass diese Gesamtbetriebsvereinbarung vor dem Hintergrund der satten Gewinne des Konzerns nicht länger gelten dürfe. Die Mitarbeiter hätten der Vereinbarung im September nur zugestimmt, um ihrem Arbeitgeber in der Krise zu helfen. Jetzt, vor dem Hintergrund der Gewinne, müsse der Konzern auf die Belegschaft zukommen. Das erwarte nicht nur der Gesamtbetriebsrat in Stuttgart. Auch im Bremer Werk mache sich Unmut breit. Davon unbeeindruckt teilt Daimler-Sprecher Matthias Krust mit: "Die mit dem Gesamtbetriebsrat getroffene Gesamtbetriebsvereinbarung hat weiterhin Bestand."

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Video vom 15. Januar 2021
Das graue Gebäude des Mercedes-Werk in Bremen. Auf dem Dach der silbernen Mercedes-Stern.
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Februar 2021, 19.30 Uhr