Interview

Bremer Virologe: "Im Nachhinein wissen wir, was wirklich richtig war"

Die Regeln im Kampf gegen das Coronavirus sind streng. Kritiker finden den Eingriff in die Grundrechte überzogen – darunter auch Wissenschaftler. Der Bremer Virologe Dotzauer mit einer Einordnung.

Video vom 5. April 2020
Virologie der Universität Bremen Andreas Dotzauer im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Die meisten Menschen in Bremen und Bremerhaven folgen den Regeln des Senats und halten sich weitgehend an die Kontaktbeschränkungen mit dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Doch es gibt auch Kritiker. Sie finden die Maßnahmen überzogen, man würde zu sehr in die Grundrechte eingreifen. Diese Auffassung teilen auch einige Wissenschaftler, wie Biologen und Mediziner – sogar Virologen. Ihre Haltung verbreiten sie vor allem in den sozialen Medien, wo sie viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch was ist richtig – und was nicht?

Andreas Dotzauer ist Virologe an der Universität Bremen. Zu den Kritikern gehört er nicht. Aber er ordnet die aktuelle Lage aus seiner Sicht ein.

Aus verschiedenen Richtungen gibt es jetzt Kritik an den aktuellen Maßnahmen. Nehmen Sie die vermehrt war?
Ich habe den Eindruck, die große Mehrheit der Bürger steht hinter den Maßnahmen und sieht deren Sinnhaftigkeit ein. Zwar gibt es jetzt durchaus Kritik von Virologen-Kollegen – aber ich weiß nicht, aus welchen Daten sie diese Kritik ziehen. Das ist eine andere Grundlage als die, die ich habe. Ich könnte mir vorstellen, dass jetzt, wo die serologischen Tests beginnen, es bald ein besseren Überblick gibt, wer tatsächlich ohne Symptome infiziert war. Dann kann man die Übertragung des Virus neu bewerten – und mit diesen neuen Erkenntnissen könnten die Maßnahmen auch wieder verändert werden.
Die aktuellen Maßnahmen sind also nicht in Stein gemeißelt?
Nein. Und sie sind ja auch nicht dafür da, die Bürger zu ärgern. Wenn es neue Erkenntnisse gibt, dann können die Maßnahmen auch gelockert werden. Aber im Moment stützen wir uns auf den Vergleich mit anderen Ländern wie China, Südkorea, Italien oder Spanien. Wenn man sich das anguckt, dann ist die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen nicht grundsätzlich in Frage zu stellen.
Sie teilen die Kritik, dass Maßnahmen übertrieben und ein zu großer Eingriff in die Grundrechte sind also nicht?
Ich finde nicht, dass aktuell übertrieben wird. Man muss natürlich eins betrachten: Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, haben wir aus der Datenlage entschieden, die wir zu dem Moment hatten. Und im Vergleich zu anderen Ländern lässt sich der Schluss ziehen: Je strikter die Maßnahmen, desto weniger schlimm ist die Ausbreitung des Virus. Deshalb finde ich die Entscheidungen richtig. Ich glaube außerdem, dass sehr gut abgewogen wird, was getan wird. Auch unter anderen Gesichtspunkten, wie zum Beispiel ökonomischen.
Können die aktuelle Situation und die daraus folgenden Maßnahmen überhaupt mit dem heutigen Wissen abgeschätzt werden?
Im Nachhinein ist man immer schlauer, weil man einen größeren Satz an Daten hat und mehr Zeit, diese zu analysieren und interpretieren. Das ist jetzt nur sehr schwer möglich. Im Nachhinein wird man auch im Vergleich zu anderen Ländern wissen, was wirklich sinnvoll und richtig war.
Aus Sicht eines Virologen: Müssen die Maßnahmen noch verschärft werden?
Deutschland steht insgesamt gut da. Ich denke, die Abwägung ist wichtig. Würde ich es nur als Virologe beurteilen und meine Aufgabe wäre es, ohne rechtliche Konsequenzen die Ausbreitung zu verhindern, würde ich natürlich sagen: 'Je strikter desto besser'.
Halten Sie eine Überwachung der Mobildaten, wie es zum Teil in anderen Ländern geschieht, für sinnvoll?
Im Moment würde ich auch als Virologe sagen, eine weitere Überwachung, wie zum Beispiel von Mobildaten, ist in Deutschland nicht sinnvoll. Wir stehen recht gut da. Nun gibt es aber bestimmte Apps, die die Leute auf freiwilliger und privater Basis nutzen können – da sehe ich eher das Problem, dass sie ja nicht kontrolliert werden. Jeder kann angeben, er sei positiv und das an mögliche Kontaktpersonen weitergeben, ohne dass er wirklich mit dem Coronavirus infiziert ist. Ich habe Sorge, dass damit mehr Panik erzeugt wird als eigentlich nötig.
Der Grad zwischen Überwachung und Grundrechtseinschränkung auf der einen Seite und der Bekämpfung des Coronavirus auf der anderen Seite ist sehr schmal – balanciert Bremen Ihrer Meinung da richtig?
Man bekommt schon mit, dass die Politik – auch hier in Bremen – sich Gedanken macht. Sie holen sich ja Rat ein – und das nicht nur von Virologen, sondern von Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die die Lage bewerten können. Ich habe den Eindruck, dass sehr vernünftig abgewogen wird. Auch unter ökonomischen Faktoren wird geschaut, wie stark schädigen wir die Wirtschaft und damit auch kleinere Läden. Ich finde schon, dass das berücksichtigt wird.

Mitschnitt der Senats-PK über die Entwicklung der Corona-Krise

Video vom 3. April 2020
Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Gebärdendolmetscherin
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. April 2020, 19:30 Uhr