Kolumne

Soll Oma halt sterben, damit endlich wieder Party ist?

Die Debatte um Lockerungen der Corona-Maßnahmen ist gut – aber auch brandgefährlich, findet unser Redakteur Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Unser Redakteur Jochen Grabler sehnt sich nach Normalität, will aber auch keinen Zusammenbruch des Gesundheitssystems – ein Dilemma, dem wir uns stellen müssen, meint er.

Wir stecken fest in einem grässlichen Dilemma. Wer von uns ist nicht nervös? Wer von uns hätte nicht gerne die Kontrolle über sein Leben zurück? Wer von uns kennt nicht die Sehnsucht nach Normalität? Nach dem Leben. So, wie wir es kennen. Wir spüren alle aber auch: Es geht um Existenzen. Es geht um Leben oder Tod. Es geht darum, dass das Land nicht im einen oder anderen Chaos versinkt. Was wählen wir: Die Gefahr eines Zusammenbruchs der wirtschaftlichen Grundlagen? Oder den Zusammenbruch des Gesundheitssystems? Wir sehen ja in anderen Ländern, was das wiederum bedeutet. Tote. Viele Tote.

Das Dilemma kann grässlicher kaum sein. Darum ist gerade keine Zeit für Gedönsdebatten: Die x-fach widerlegten wirren Thesen von Hobbyvirologen und Verschwörungstheoretikern – geschenkt! Eine flotte Mediendiskussion über die Expertenauswahl bei den öffentlich rechtlichen Sendern – ist mir Wumpe! Intellektuelle, die das "Primat der Medizin" beklagen, sich aber ohne einen Hauch von Alternativvorschlägen durch die Tapetentür aus der Kulisse verpieseln – Zeitverschwendung.

Wirtschaftlichen Schaden gegen Leben abwägen?

Wir verlieren uns in Diskussionen, um der Diskussion Willen. Als ob kein Notfall vorliegen würde. Wir sind aber im Notfallmodus. Und nach allen ernstzunehmenden Prognosen bleiben wir da auch für eine längere Zeit. Es ist ernst, verdammte Axt! Mir wäre deutlich lieber, wenn gerade kritische Denker ihr Hirnschmalz auf die Produktion von Ideen verwenden würden, wie dieser Notfallmodus zu gestalten ist. Was bringt es, das Dilemma immer und immer wieder zu besingen? Der erste Schritt wäre intellektuelle Redlichkeit.

Wir müssen dem Dilemma ins Auge sehen. Jetzt! Gerade weil die Pandemie eher noch Monate anhalten wird.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Wenn ein Shutdown wirtschaftliche Existenzen und damit die Lebensgrundlage von Millionen Menschen zerstört, eine zu frühe Rückkehr in die Normalität aber Menschenleben kostet – wofür entscheiden wir uns? Im "Spiegel" lesen wir: "Ja, man darf wirtschaftlichen Schaden gegen Menschenleben abwägen." Wollen wir da hinkommen? Schreiben wir Menschen ab? Soll Oma halt sterben, damit endlich wieder Party ist? Oder gibt es nicht doch einen gangbaren Mittelweg?

Debatte um Lockerungen ist gut – aber brandgefährlich

Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass jetzt die Diskussion um "Lockerungen" beginnt. Und es ist gut, dass sie beginnt. Wir alle brauchen eine Perspektive. Ehe die Lage explosiv wird. Wenn die Verzweiflung über den drohenden Verluste der wirtschaftlichen Existenz unerträglich wird, dann fliegt uns diese Gesellschaft um die Ohren. Das ist so wahr wie die Zahl von Intensivbetten und Beatmungsgeräten. 

Wahr ist auf der anderen Seite auch: Diese Debatte um Lockerungen ist brandgefährlich. Wir wissen, dass viele Menschen diese Signale allzu gerne missverstehen. Vor allem missverstehen wollen. Wenn sich jetzt aber zu viele einreden (lassen), die Sache wäre morgen oder Ostern oder kurz nach Ostern praktisch schon ausgestanden – dann wird die Infektionswelle wieder größer. Die Folge: Kollaps der Krankenhäuser, Tote.

Mediziner und Statistiker interpretieren nur die Wirklichkeit

Die erste Lehre ist also: Es kommt gerade höllisch auf das "Wie" an. Wie wird diese Debatte geführt? Wir erleben gerade dieselbe eitle Dynamik: Wer ist der entschlossenste Lockerer? Wer macht die dollsten Versprechen auf Normalität? All das möglichst wolkig. Diese Eitelkeiten sind meinetwegen menschlich, sie sind nur leider das Gegenteil von Verantwortung.

Verantwortung aber bedeutet, Antworten auf die schwierigsten Fragen zu suchen. Wer bestimmt wie das öffentliche Leben? Die Entscheidung über die Dosierung von Maßnahmen liegt im politischen Raum. Da gehört sie auch hin. Die Grundlagen für diese Entscheidungen liefern allerdings nicht allein Virologen und Mediziner und Statistiker. Die interpretieren nur die Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit aber, das sind wir selbst. Und dieses wir wird gerade von einer Minderheit dominiert.   

Die ignorante Minderheit ist die mächtigste Gruppe im Land

Die mächtigste Gruppe im Land ist nämlich die Minderheit der Ignoranten. Sie haben für uns alle entschieden. Und sie entscheiden weiter. Jeden Tag. Ihretwegen gibt es diese drastischen Eingriffe in unser aller Leben. Ihretwegen müssen jetzt viele Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten.

Alle möglichen Leute bis hin zur Kanzlerin haben sich den Mund fusselig appelliert, die Mehrheit hat sich an die Abstandsregeln gehalten, hat geübt und gelernt, hat sich eingerichtet in der Krise, so schwer das auch fiel.

Jochen Grabler, Redakteur bei Radio Bremen

Und so schwer es immer noch fällt. Doch dieser Minderheit war es schlicht egal. Dieser Befund gilt bis heute. Leider. Je besser das Wetter, desto irrer die Geschichten aus Polizeiberichten. Sie sind so frei – und nehmen so der Mehrheit die Freiheit.

Wie gehen wir mit dieser mächtigen, radikalen Minderheit um? Das ist aus meiner Sicht die Hauptfrage. Wenn wir diese Frage nicht angehen, können wir von mehr Freiheit und dem Schutz der Menschen nur träumen. Hat jemand darauf eine ernsthafte und plausible Antwort? Ja, das ist ein äußerst unangenehmer Gedanke. Gewöhnen wir uns dran. Der Krisenmodus hält ausschließlich unangenehme Gedanken bereit.

Gibt es eine Alternative zur Kultur des Abstands?

Uns allen ist doch klar, dass das keine Frage von Polizei und Ordnungsämtern alleine sein kann. Was aber dann? Wer will schon eine Blockwartkultur? Wer will schon in Supermarktschlangen, auf der Straße, in Betrieben oder sonstwo die ignoranten Kreti und Pleti permanent zur Ordnung rufen? "ABSTAND!" Grässliche Vorstellung! Aber haben wir eine Alternative, die Kultur des Abstands durchzusetzen? Mir fällt nichts Besseres ein.

Ich würde so gerne aus dem Dilemma rauskommen! Damit uns das Land nicht um die Ohren fliegt UND die Intensivstationen nicht überfüllt werden UND dass so wenige Menschen infiziert werden wie möglich. Was sich doch alle wünschen. Kommen wir um diese neue Kultur des Abstandes drumherum? Sehr ernst gemeinte Frage. Die wir uns aber stellen müssen. Jetzt! Hilft ja nichts. 

So nehmen die Bremer die aktuelle Einschränkung der Grundrechte wahr

Video vom 30. März 2020
Zu sehen sind zwei Menschen die den Mindestabstand von 2 Meter einhalten.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. März 2020, 19:30 Uhr