Interview

Warum selbst Lachen momentan gefährlich sein kann

Beim Sport, im Büro oder im eigenen Wohnzimmer – die Corona-Ansteckungsgefahr ist nicht überall gleich hoch. Ein Bremer Virologe erklärt, worauf es ankommt.

Junger Mann legt Mundschutzmaske an und lächelt.
Wenn Leute an einem kleinen Tisch sitzen, miteinander reden oder lachen, dann ist das laut Virologe so ähnlich wie Husten: "Da gibt man sehr viele Viren ab." Bild: Imago | Michael Weber

Wieder ein Stückchen mehr Normalität für alle Bremerinnen und Bremen: Auf der Pressekonferenz des Bremer Senats wurden am Dienstag weitere Lockerungen der geltenden Coronabeschränkungen bekanntgegeben. Ab dem 27. Mai 2020 dürfen in Bremen und Bremerhaven Fitnessstudios wieder öffnen, Freibäder können ab dem 1. Juni mit entsprechendem Hygienekonzept ihren Betrieb aufnehmen, Hallenbäder ab dem 1. Juli. Bereits seit Anfang der Woche bewirtet die Gastronomie wieder Gäste – unter strengen Auflagen. Doch wie hoch ist dennoch das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Welche Orte sind in Bremen oder Bremerhaven relativ sicher – und welche nicht?

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer bewertet die Risiken einer Infektion unterschiedlich: je nach Ort, Situation und ausgeführter Tätigkeit. Immer entscheidend sei jedoch die jeweilige Viruslast, so der Experte.

Welche Rolle spielt die Viruslast bei einer Ansteckung mit dem Coronavirus und was bedeutet diese genau?
Die Viruslast ist die Menge an Viren, die von einem Infizierten abgegeben wird. Je höher die Viruslast ist, der eine andere Person ausgesetzt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Viren in die Zellen eindringen können. Ob es dann auch zu einer Infektion kommt, ist ebenfalls von der Anzahl der Viren abhängig. Die eindringenden Viren müssen in der Lage sein, sich zu vermehren – gegen die Widerstände der Zelle. Je mehr Viren es sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion stattfindet.
Warum ist das Risiko einer Ansteckung in verschiedenen Situationen unterschiedlich hoch?
Die Personenanzahl in einem Raum ist entscheidend, aber auch andere physikalische Faktoren spielen eine Rolle. Bei geschlossenen Fenstern ist zum Beispiel die Luftdurchwirbelung in einem Raum nicht sehr groß. Gerade Coronaviren werden hauptsächlich durch Tröpfchen in der Atemluft übertragen, die sich relativ lange im Schwebezustand halten können. Wichtig ist nicht nur eine Durchwirbelung, sondern auch, dass tatsächlich gelüftet wird. Man bläst die Viren so praktisch aus einem Raum heraus. Im Freien ist das ganz anders. Man hat hier immer einen Luftzug, immer Wind – anders als in einem geschlossenen Raum.
Es gibt viele Büros, in denen man die Fenster nicht öffnen kann. Inwiefern steigt hier das Risiko einer Ansteckung?
Klimaanalagen können ein Problem sein. Wenn sie nicht im Umluftbetrieb arbeiten, sind sie eigentlich hervorragend. Sie saugen die alte Luft an und blasen sie dann woanders hin. Sehr viele Anlagen wälzen die Luft aber nur um. So kommt es zu keiner Verdünnung. Wichtig ist, dass die Anlagen – falls sie im Umluftbetrieb arbeiten – entsprechende Filter eingebaut haben.
In welchen Situationen ist – nach derzeitigem Stand – das Ansteckungs-Risiko besonders hoch?
Das ist ganz klar der Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt für mindestens 15 Minuten, bei der auch keinerlei Schutz getragen wird. Die Gesichter sind nah beieinander, es wird geatmet, es wird gesprochen. Das ist die Situation, die man möglichst vermeiden sollte.
Welche Situationen meinen Sie hiermit genau?
Zum Beispiel wenn Leute an einem kleinen Tisch sitzen, miteinander reden oder lachen. Lachen ist so ähnlich wie Husten: Da gibt man sehr viele Viren ab. Menschen schauen sich auf dem Handy oder in der Zeitung etwas gemeinsam an, alle beugen sich nach vorne und kommen sie so sehr nah. In genau solchen Situationen finden Ansteckungen statt.
Wie sieht es in Fitnessstudios aus?
Es hängt natürlich auch von der Sportart ab. Die Leute strengen sich bewusst an, sie atmen schneller und geben dadurch auch mehr Viren ab, die sich durch die stärkere Atmung natürlich auch im Raum verteilen. Hier besteht ein besonderes Risiko. Sitzt man allerdings in einem Raum und macht Yoga, ist das wieder etwas anderes.
Welche Ansteckungsgefahr geht denn von vorbeilaufenden Joggern im Freien aus?
Ein Jogger ist sehr schnell vorbeigelaufen. Aber viele Leute fühlen sich unsicher, wenn sie Spazieren gehen und es läuft jemand an ihnen vorbei, der sehr stark atmet. Man sollte also auch aus Höflichkeit den Abstand einhalten. Aber es geht hier auch um Wahrscheinlichkeitsrechnungen: Bereits die Aufnahme eines einzelnen Viruspartikels kann für eine Infektion sorgen. Wenn es doof läuft, ist das ausreichend.
Menschen mit Mundschutz auf dem Bremer Wochenmarkt.
Auch das Einkaufen im Freien auf dem Wochenmarkt birgt durchaus Risiken. Bild: Radio Bremen
Wir alle müssen regelmäßig Lebensmittel einkaufen. Welches Ansteckungsrisiko bringt das mit sich?
Hier gilt, sich möglichst kurze Zeit in den Läden aufzuhalten und Randzeiten zu nutzen. Wenn man sieht, wie voll die Wochenmärkte sind, das ist schon unvernünftig. Wichtig ist weiterhin die Gänge zu reduzieren. Ich persönlich gehe nur alle zwei Wochen einkaufen und dann zu Zeiten, zu denen es nicht so voll ist. Ein Kassierer sagte mir, manche Menschen sehe er drei Mal am Tag. Dass man etwas darf, heißt noch lange nicht, dass man es machen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich infiziert, kann also theoretisch jeder für sich von Anfang an beeinflussen.
Für wie wahrscheinlich halten Sie die Übertragung des Coronavirus über Wasser, zum Beispiel in einem Schwimmbecken?
Man muss sich hier fragen: Wie soll das Virus in das Wasser kommen? Das Wasser wird ständig umgewälzt, selbst, wenn man kontaminiertes Wasser schlucken würde: Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich darüber infiziert, geht gegen Null. Wenn in den Becken die Abstände eingehalten werden, besteht eigentlich kaum Gefahr. Das Beispiel von Fußpilz zeigt aber auch, dass es Stellen gibt, wo sich Mikroorganismen ganz gut halten können. Es ist feucht, alles trocknet nicht so schnell aus und auch Viren unterliegen der Austrocknung. Je länger sie feucht bleiben, desto länger können sie sich halten.
In welchen Situationen ist man also derzeit am sichersten?
Wenn man sich an die Regeln hält, Abstand hält. Solange das Virus da ist, laufen Leute, die infiziert sind, draußen damit herum. Da hat man keine 100-prozentige Sicherheit.

Experte rät: Frühzeitig testen und so Corona-Hotspots schneller finden

Video vom 20. Mai 2020
Gesundheitsexperte Hans-Georg Güse im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Mai 2020, 19:30 Uhr