Warum durch Corona die Suchtgefahr steigt

Besonders für suchtkranke und suchtgefährdete Menschen ist die Zeit der Isolierung und Kontaktbeschränkung eine Herausforderung – und ein Kampf gegen die Sucht.

Ein Mann in einer roten Jacke sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf einer Bank an der Weser.
Jakob* hat es geschafft: Er ist seit einem Monat "trocken".

Ein Glas Wein mehr am Abend auf dem Sofa, das obligatorische Bier zum Grillen – in der Coronazeit trinken viele von uns mehr als üblich. Jakob* ist 33 Jahre alt und Alkoholiker. Er trank seit seiner Jugend regelmäßig Alkohol. In seinen "Hochzeiten" waren das bis zu 12 Bier am Tag. Besonders in stressigen und schwierigen Lebensphasen griff er öfter zur Flasche. Denn für ihn ist der Alkohol ein Seelentröster. "Er ist eigentlich so eine Allround-Medizin", so Jakob. "Wenn ich ein, zwei Bier getrunken habe, dann konnte ich abschalten. Dann konnte ich Sachen, die mich vorher vielleicht beschäftigt haben, beiseiteschieben und habe mir weniger Sorgen gemacht."

Aus Angst vor Corona nicht in die Klinik

Suchtmediziner Jens Reimer
Die Zahl der Rückfälle wird steigen, ist sich Suchtmediziner Jens Reimer sicher.

Der Alkohol als Allheilmittel gegen die Einschränkungen und Unsicherheit in der Coronakrise. Der Suchtmediziner Jens Reimer vom Klinikum Bremen-Ost weiß, dass die Suchtgefahr momentan besonders hoch ist: "Wir sehen das auch. Es fallen jetzt ja viele Aktivitäten weg, viele soziale Kontakte. Man ist dadurch einsamer, auf sich selber zurückgeworfen, grübelt vielleicht und hat mehr Ängste." Die Zahl der Rückfälle steige in Bremen, vermutet er. 20 Prozent seiner Patienten sagen, dass sie durch die Kontaktbeschränkungen in der Coronazeit wieder angefangen haben zu trinken.

Doch viele Suchtkranke trauen sich momentan nicht in die Klinik um sich dort behandeln zu lassen. Zu groß sei die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus, weiß Reimer. Dies sei aber völlig unbegründet. "Wir hatten in der ganzen Zeit in der Psychiatrie erst einen Covid-Fall. Das Risiko sich in der Klinik anzustecken ist nicht höher als außerhalb", betont er.

Selbsthilfegruppen sind geschlossen

Ein leerer Raum der Anonymen Alkoholiker mit großem Tisch und unbesetzten Stühlen
Wie hier bei den Anonymen Alkoholikern bleiben viele Beratungsräume leer.

Ein weiteres Problem für suchtkranke Menschen: die Selbsthilfegruppen sind wegen der Coronapandemie geschlossen. Sie sind eigentlich ein wichtiger Baustein in der Suchttherapie. So ist die Geschäftsstelle der Anonymen Alkoholiker (AA) seit Mitte März zu. Eine wichtige Anlaufstelle fällt damit weg. Viele trockene Alkoholiker brauchen die regelmäßigen Treffen und ihre Freunde dort damit sie nicht wieder anfangen zu trinken.

Um nicht den Kontakt zu ihren Mitgliedern zu verlieren gibt es seit knapp zwei Monaten Telefonkonferenzen. "Diese ersetzen zwar nicht die persönlichen Treffen, aber sie helfen vielen von uns in dieser schwierigen Zeit", so Vanessa* von den AA. Sie leitet viele der Telefonkonferenzen und weiß, dass es manchen schon hilft einfach nur die Stimmen der Freunde zu hören.

Es gibt welche, die hören nur zu und sagen gar nichts. Das kann schon dabei helfen an einem einsamen und schwierigen Tag nicht rückfällig zu werden. Denn wer das erste Glas getrunken hat, der lässt das zweite nicht stehen.

Vanessa*, leitet Telefonkonferenzen bei den Anonymen Alkoholikern

Auch Jakob nimmt regelmäßig an diesen Telefonkonferenzen teil. Er hat es geschafft, durch die Gespräche trocken zu werden. Seit einem Monat hat er keinen Alkohol angefasst. "Die Telefonate helfen mir insofern, dass ich natürlich viel von anderen höre", so der 33-Jährige. "Ich kann mich selber in manchen Sachen wiedererkennen und dadurch auch mein Trinkverhalten besser verstehen."

Wahrscheinlich viele Rückfälle

Nahaufnahme eines Smartphones in den Händen einer Frau an einem Schreibtisch
Für viele ist es schon eine Hürde, das Telefon zu benutzen. Sie könnten einsam werden – und rückfällig.

Doch Jakobs Geschichte ist eine Ausnahme. Denn längst nicht alle Mitglieder können die AAs mit diesen Telefonkonferenzen erreichen. Diejenigen, die sich seit Wochen nicht eingewählt haben, seien wahrscheinlich rückfällig geworden und gerade am Trinken, so Vanessa*. Sie wisse von mehreren Rückfällen und hat zurzeit kaum Möglichkeiten mit diesen Menschen in Kontakt zu treten um ihnen zu helfen.

Die Dunkelziffer derer, die durch Corona in eine Sucht abgerutscht sind oder rückfällig geworden sind, sei hoch befürchten Experten. Noch gibt es keine offiziellen Zahlen. Und noch wurde nicht untersucht in welche verschiedenen Süchte die Menschen geflüchtet sind. Manche trinken mehr, manche rauchen mehr, viele verbringen mehr Zeit vor dem Computer und zocken in Onlinecasinos oder spielen Rollenspiele.

Wir gehen davon aus, dass wir wahrscheinlich frühestens in drei Monaten erfassen können, ob und wie sich die Corona-Krise auf das Suchtverhalten der Menschen ausgewirkt hat.

Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts

Auch Suchtmediziner Jens Reimer befürchtet, dass wir die richtige Corona-Quittung erst im Sommer bekommen: "Ich glaube, da baut sich was auf. Die Spitze, die werden wir erst in einigen Wochen und Monaten sehen, wenn dann die Angst vor Corona weniger geworden ist und die Patienten sich auch mehr zu uns trauen."

Jakob steht erst am Anfang seines Lebens ohne Alkohol. Er sei noch instabil, sagt er, und müsse noch oft an den Alkohol denken. Er hofft, dass die Anonymen Alkoholiker bald wieder öffnen dürfen. Denn das persönliche Treffen in einer Selbsthilfegruppe sei intensiver und gebe ihm mehr Sicherheit in dieser schwierigen und außergewöhnlichen Zeit.

* Name von der Redaktion geändert

Steigt die Suchtgefahr in Coronazeiten?

Video vom 17. Mai 2020
Ein Mann mit roter Jacke und dunkler Cap auf dem Kopf sitzt mit dem Rücken zugewandt auf einer Bank an der Bremer Schlachte.

Autorin

  • Anna Pajak

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. April 2020, 19:30 Uhr