Interview

Infektionsforscher lobt Kanzlerin — spricht aber von Gratwanderung

Es gibt erste Corona-Lockerungen. Der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann lobt die Kanzlerin, bescheinigt Bremen eine gute Situation — warnt aber gleichzeitig.

Professor Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Institut.
Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann leitet seit 2010 die Abteilung Systemimmunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Bild: Helmholtz-Institut | anna.laclaque

Schulen, viele Geschäfte und Restaurants sind seit Wochen dicht. Die Menschen halten Abstand voneinander. Die Zahl der Neuinfektionen geht zurück und auch andere Kennziffern zeigen einen positiven Trend im Kampf gegen die Corona-Epidemie. Der Ruf nach Lockerungen wird immer lauter. Bund und Länder haben jetzt erste Lockerungen vereinbart, eine Art Lockerung light.

Der Modellierer und Systembiologe Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig warnt im Interview mit buten un binnen vor zu frühen Lockerungen.

Was war Ihre erste Reaktion, nachdem Sie von den jetzt geltenden Maßnahmen gehört haben?
Sehr positiv, weil ich den Geist der Pressekonferenz gespürt habe, weil er von extremer Vorsicht geprägt war. Besonders die Äußerungen der Kanzlerin haben mir gezeigt, dass sie ein sehr klares Bewusstsein von der Gratwanderung hat. Sie hat deswegen relativ bescheidene Rücknahmen gemacht. Es ist trotzdem so, dass jede Form von Lockerung eine Gefahr birgt. Deswegen ist weiter Vorsicht geboten. Wir müssen die Situation weiter genau beobachten. Frau Merkel weiß genau, wie die Situation ist, und sie hat es verstanden.
Es gibt viele Zahlen mit Blick auf die Corona-Epidemie, die auf eine positive Entwicklung hindeuten. Eine davon ist die Reproduktionszahl. Sie beschreibt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Warum halten Sie Lockerungen aktuell trotzdem für den falschen Schritt?
Wir sind dicht an der Reproduktionszahl eins. Das bedeutet, dass wir es mit den derzeitigen Maßnahmen geschafft haben, die Infektionsdynamik so zu bremsen, dass ein Infizierter nur eine weitere Person ansteckt. Das wird aber nicht dazu führen, dass das Virus verschwindet, sondern dass wir noch eine lange Phase mit dem Virus vor uns haben. Das ist kein wünschenswerter Zustand. Wir möchten, dass das Virus wirklich unterdrückt oder ausgetrocknet wird, so dass wir es nur noch mit wenigen Fällen zu tun haben. Diese können wir dann mit Testen und Nachverfolgung relativ sicher unter Kontrolle bringen. Jede Form von Lockerung würde die Reproduktionszahl wieder über eins bringen und ein neues exponentielles Wachstum hervorrufen.
Glauben Sie, dass mit den jetzt beschlossenen Regelungen die Reproduktionszahl weiter sinkt?
Das kann ich nicht sagen. Wir haben aktuell durch die Osterwoche, in der erstaunlicherweise sehr wenige neue Coronafälle gemeldet wurden, einen sehr niedrigen Wert. Vor dem Hintergrund kann man der aktuellen Reproduktionszahl nicht glauben. Es ist unklar, ob uns die Öffnung der Geschäfte unter dem Wert eins lässt, oder ob wir wieder darüber springen.
Die Kanzlerin spricht von "wenig Spielraum". Ab wann hätten wir mehr Spielraum?
In einem Bereich von dreistelligen Zahlen von Neuinfektionen pro Tag hätte man Spielraum. Das würde auch bedeuten, dass wir mit den verbesserten Test- und Nachverfolgungsmethoden die Infektionsfälle unter Kontrolle halten können. Man muss aber vorsichtig sein mit solchen Zahlen, weil es stark davon abhängt, wie die Bevölkerung bei Lockerungen reagiert. Wenn Bürgerinnen und Bürger dann der Meinung sind, wieder alles machen zu können, würde der Effekt einer Lockerung über das Ziel hinausschießen.
Sie haben im Vorfeld vor Lockerungen gewarnt, eher sogar Verschärfungen empfohlen, wie zum Beispiel den Mundschutz.
Der Mundschutz ist ja empfohlen worden. Ich gehe davon aus, dass nicht genug Masken da sind. Im Hintergrund wird sicher daran gearbeitet. Dann könnte man es auch noch strikter formulieren. Jede Maßnahme von Eindämmung ist willkommen.
Sie haben sich auch die Bundesländer im Detail angeguckt. Wie sieht es aus Ihrer Sicht im Land Bremen aus?
Das Land Bremen steht im Moment sehr gut da und hat aktuell den zweitniedrigsten Wert in Deutschland. Das schwankt aber. Man muss vorsichtig sein, gerade wenn die Fallzahlen klein sind. Bremen liegt bei der Reproduktionszahl gerade so um die eins herum. Das kann auch schnell wieder nach oben gehen. Bremen ist deswegen ein perfektes Beispiel dafür, dass wir keine Toleranz nach oben haben. Das gilt für die gesamte Situation in Deutschland.
Kann sich ein Land eher eine Lockerung erlauben als andere Bundesländer?
Die föderalen Unterschiede halte ich für problematisch. Wenn man in einem Land, wo es gerade gut läuft, eine Lockerung macht und sich das Virus wieder ausbreitet, dann strahlt es auf die anderen Bundesländer aus. Es ist keine gute Idee, dass einzelne Bundesländer Sonderwege gehen.
Ihre Empfehlung ist, in diesem Zustand zunächst noch zu bleiben, Abstand- und Hygieneregeln weiter einhalten, um die Zahl der Infizierten noch weiter runterzudrücken, um den Menschen dann wieder mehr Freiräume zu geben.
Die mathematischen Modelle geben uns die Möglichkeit, täglich neue Analysen zu machen. Damit können wir die Situation tagesaktuell neu bewerten. Man kann auch spontan reagieren, wenn sich herausstellt, dass wir schneller zum Ziel kommen, weil wir alle konsequenter gehandelt haben. Dann könnte man die Maßnahmen auch früher lockern. Es ist in unserer Hand. In der Hand der Bürger dieses Landes. Wenn wir konsequent handeln, wird das schneller zu Ende sein. Wenn wir wie am Osterwochenende dann doch die Familie besucht haben, dann wird es länger dauern. Ich sehe mit Grauen das Maiwochenende oder Christi Himmelfahrt vor uns.
Hängt am Ende alles an einer Impfung oder bekommen wir das Coronavirus auch anders in den Griff?
Wir wissen nicht ganz genau, ob wir in einem Jahr eine allgemeinverträgliche Impfung haben werden. Das wäre aber natürlich die einfachste Lösung. Die anderen Länder zeigen aber, dass die 0 bei der Reproduktionszahl nicht erreicht wird. Es gibt demzufolge keinen Grund, dass es bei uns anders sein wird. Wir werden uns also darauf einrichten müssen, dass wir dauerhaft eine Restzahl an Coronainfizierten haben werden. So es keine Impfung gibt, müssen wir wachsam sein und neues Ausbruchsgeschehen verhindern.

Das Interview führte Thorsten Reinhold. 

Bund und Länder wollen Corona-Beschränkungen langsam zurückfahren

Video vom 15. April 2020
Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte in der Pressekonferenz.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 16. April 2020, 23:30 Uhr